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«Ich habe kategorisch gelogen»

Deshalb verschwieg Nora Tschirner ihre Depressionen

Nora Tschirner litt jahrelang unter schweren Depressionen. Vor der Öffentlichkeit hielt die Schauspielerin ihre psychische Erkrankung jedoch lange geheim – unter anderem aus Angst, keine Jobs mehr zu bekommen. Nun möchte Tschirner anderen Betroffenen Mut machen.

Nora Tschirner

Nora Tschirner war zwei Wochen in stationärer Behandlung wegen ihrer Depressionen.

Getty Images for Sony Pictures

Sie schaffte schon in jungen Jahren den Durchbruch als MTV-Moderatorin, feierte Erfolge mit Filmen wie «Keinohrhasen» und begeistert als «Tatort»-Kommissarin. Doch während sie von ihren Fans bejubelt wurde, sah es in ihr drin düster aus. Nora Tschirner litt jahrelang unter Depressionen.

Im Interview mit dem «SZ-Magazin» sagt die Schauspielerin: «Meine erste depressive Episode hatte ich schon mit 18, aber vor zehn Jahren kam der Tiefpunkt.» Sie habe damals auf der Website einer Klinik für Depressionen eine Checkliste ausgefüllt. Auf dieser stand, man solle zeitnah vorbeikommen, wenn man drei der 20 Fragen mit «Ja» beantwortet hat – «Bei mir waren es 19», erzählt Tschirner. Zwei Wochen lang begab sie sich daraufhin in stationäre Therapie, ein Jahr nahm sie Psychopharmaka.

Nora Tschirner, Christian Ulmen

Nora Tschirner mit ihrem ehemaligen «Tatort»-Kollegen Christian Ulmen.

Getty Images
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Darüber gesprochen hat sie zum ersten Mal vor einem Jahr. Zuvor hielt sie ihren Kampf gegen die Depressionen geheim. Mehr noch: «Ich habe kategorisch gelogen», gibt die 39-Jährige zu. Der Grund dafür: Sie hatte Angst, keine Jobs mehr zu bekommen.

«Scham tötet mehr Leute als die Depression»

«Wenn ich angebe, dass ich in den vergangenen fünf Jahren psychische Erkrankungen gehabt habe, kommt die Frage: Ist deswegen irgendwann ein Drehtag ausgefallen», erklärt Tschirner. Wie die Antwort darauf ausfalle, sei dann im Grunde egal: «Die Produktion wird sich daraufhin gut überlegen, ob sie es sich leisten will, dich zu besetzen.» Auf den Fragebogen der Versicherungen habe sie deshalb stets falsche Angaben gemacht.

Doch Tschirner fürchtete nicht nur ausbleibende Aufträge, sie schämte sich auch für ihre Krankheit: «Als privilegierte Person – Schauspielerin, Dach über dem Kopf, zwei gesunde Arme, zwei gesunde Beine – hatte ich das Gefühl, meine Probleme gar nicht haben zu dürfen», erklärt sie und fügt an: «Ich glaube, dass die Scham mehr Leute tötet als die Depression.»

Nora Tschirner, Til Schweiger

Für den Kinohit «Keinohrhasen» bekamen Nora Tschirner und Til Schweiger 2008 einen Bambi.

Getty Images

Dass sie sich Hilfe suchte und in eine Klinik ging, bezeichnet Tschirner rückblickend als «richtigen Schritt». Sie sagt: «Ich bin seit vielen Jahren frei von Symptomen, habe mir ein gutes Umfeld gebaut, treffe Vorkehrungen.» Die Krankheit hätte sie wohl nicht komplett verhindern können, «aber wenn ich mich besser um mich gekümmert hätte, wäre ich nicht so tief gefallen».

Sie wisse noch genau, wie alleine sie sich mit ihrer Depression gefühlt hat. Ihr hätte es geholfen, wenn die psychische Krankheit nicht ein solch grosses Tabu gewesen wäre. Deshalb versuche sie nun, auf das Thema aufmerksam zu machen. 

Tschirner hofft: «Vielleicht hilft es jemandem zu erfahren: Guck mal, die Lustige, die steht ja auf dem roten Teppich, obwohl sie voll Depressionen hatte. Ey, vielleicht ich bin doch kein Honk.»

Suizidgedanken? Holen Sie Hilfe!

Schweizer-illustrierte.ch berichtet üblicherweise nicht über Suizide, um Nachahmereffekte zu vermeiden – es sei denn, ein Fall erhält durch besondere Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie oder ein Mensch in Ihrem Umfeld Suizidgedanken haben, holen Sie sich bitte umgehend Hilfe.

Diese Angebote sind schweizweit rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen und ihr Umfeld da – vertraulich und kostenlos:

Dargebotene Hand: Telefon 143, www.143.ch
Pro Juventute für Jugendliche: Telefon 147, www.147.ch
Adressen von Beratungsangeboten in allen Kantonen gibt es unter www.reden-kann-retten.ch

 

Von Fabienne Eichelberger am 16.04.2021
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