Bei manchen Menschen kann man nicht anders, als sie über ihr Äusseres zu definieren. Und diese Frau sieht zum Schreien aus: eine wilde Ansammlung von Silikon, Make-up und Perücken. Dazu Killerabsätze und eingeschnürter Atombusen über einer Wespentaille. Atmet die mit den Ohren?
«Es ist verdammt teuer, so billig auszusehen», lautet der berühmteste Spruch von Dolly Parton. Selbstironie ist typisch für die Südstaatlerin. Was sie von sich gibt, sitzt – in Worten und in Noten.

Wahnsinnsfrisur, grandiose Stimme, einzigartiges Auftreten: Dolly Parton begeistert gleichermassen als Grande Dame der Countrymusik wie auch als Schauspielerin – inklusive Ehren-Oscar.
JACK MANNING/The New York Times/Redux/Redux/laifIn über 60 Jahren Karriere schrieb sie an die 3000 Songs, davon 25 Nummer-eins-Hits. Sie verkaufte 100 Millionen Alben, bekam zehn Grammys und einen Platz in der Rock & Roll Hall of Fame. Parton spielte in Spielfilmen und trat in Serien und unzähligen TV-Shows auf.
70 Coverversionen von «Jolene»
Viele ihrer Songs sind Klassiker. Von «Jolene» etwa gibt es über 70 Coverversionen, unter anderem von The Sisters of Mercy und Beyoncé. Whitney Houston machte den Song «I Will Always Love You» zum Welthit.
Dolly Parton habe eine extravagante Vorliebe für das Künstliche mit wahrer Tiefe, schrieb der deutsche «Tagesspiegel» kürzlich, und auf dem TV-Kulturkanal Arte gibt es eine Dokumentation mit dem Titel «Dolly Parton: Everybody’s Darling». In dieser heisst es, auf sie könnten sich alle Amerikaner verständigen. Sie begeistert Konservative, Religiöse, Ostküstenintellektuelle, die LGBTQ-Community, besonders Dragqueens.
Born in Tennessee
Dolly Parton wurde am 19. Januar 1946 in einem Kaff in den Smoky Mountains im US-Bundesstaat Tennessee geboren. Sie wuchs als viertes von zwölf Kindern in einem Holzhaus ohne fliessend Wasser und Strom auf. Ihr Leben war geprägt von Natur, Gottesfürchtigkeit, harter Arbeit und ganz viel Nestwärme. Es wurde musiziert statt ferngesehen.

Klein Dolly als Schülerin auf einer undatierten Aufnahme.
Dolly spielte schon als Siebenjährige Gitarre und komponierte munter drauflos. «Man lernt viel zu träumen, weil es sonst nichts zu tun gibt», kommentierte sie. «Man nutzt seine Fantasie, denkt sich Geschichten aus.» Unterstützt von Bill Owens, einem Onkel mütterlicherseits, trat sie mit zehn zum ersten Mal in einer TV-Show auf.
1971 landete sie einen ihrer grössten Hits: In «Coat of Many Colors» erzählt sie, wie ihre Mutter aus Stofffetzen einen vielfarbigen Mantel für sie nähte. In der Schule wurde sie für diesen gehänselt, doch für sie war das Kleidungsstück Ausdruck der Liebe ihrer Mutter. Und sie fand es schön!

Zum Abschied von ihrem Bühnenpartner Porter Wagoner schrieb Parton «I Will Always Love You» für ihn.
imago/WENNNach ihrem Schulabschluss 1964 fuhr die 18-Jährige mutterseelenallein mit dem Bus 400 Kilometer in die Country-Hauptstadt Nashville. Drei Jahre später stellte sie der TV-Star Porter Wagoner in seiner Show vor – und trat die nächsten Jahre mit ihr als Duo auf. Doch sie wollte mehr: «Gott hat mir immer gesagt, wann es an der Zeit war weiterzuziehen.»
«I Will Always Love You» zum Abschied
Zum Abschied schrieb sie für Wagoner «I Will Always Love You» und hatte kurz darauf ihren ersten Solo-Hit: «Joshua». Parton bezeichnete sich nie als Feministin, setzte sich in ihren Songs aber schon sehr früh für Frauenrechte ein – wie 1968 in «Just Because I’m A Woman».
Sie paarte Kritik gern mit Selbstironie, wie in «Dumb Blonde». Sie störe sich nicht an Sprüchen über dümmliche Blondinen, sagte sie und konterte: «Ich weiss, dass ich nicht dumm bin. Und ich weiss auch, dass ich gar nicht blond bin.»
Eine Zumutung für Konservative
Eigentlich sind viele von Partons Songs eine Zumutung für konservative Ohren. Sie singt zwar über Liebe, Leben und den lieben Gott. Aber auch über Suizid, Inzest, Mord, Fehlgeburten und Geisteskrankheit. Sie kommt damit durch. Selbst mit dem unverblümten Text von «It’s All Wrong, but It’s All Right» über Gelegenheitssex.

Parton mit ihrem Ehemann Carl Dean um 1966. Das Paar war fast 60 Jahre verheiratet.
InstagramParton rüttelt mit entwaffnender Ehrlichkeit an Tabus. Sie gibt unumwunden zu, dass sie mit 22 ihre erste Schönheits-OP hatte – und nicht plane, damit aufzuhören: «Ich fühle mich wohl in meiner eigenen Haut, egal, wie weit nach hinten sie schon gedehnt wurde.» Ihre Brüste bezeichnet sie als Frontscheinwerfer und scherzt, sie habe so kleine Füsse, weil im Schatten halt nichts wachse.
Parton zeigt auch Geschäftssinn. Ihr gehören der Vergnügungspark «Dollywood», Immobilien in Hawaii und etliche Firmen mit ein paar tausend Angestellten. Ihre Stiftung verschenkt Millionen Bücher an Kinder, deren Eltern sich diese nicht leisten können.
Verknallt in Johnny Cash
Als Teenager war sie verknallt in Country-Übervater Johnny Cash: «Ich verstand plötzlich, was Sex-Appeal ist. Meine Hormone begannen zu toben.» Partons Heilige Dreifaltigkeit, sagt sie, sei Gott, Musik und Sex. In dieser Reihenfolge.
Am 30. Mai 1966 gab sie dem Bauunternehmer Carl Dean das Jawort – und hielt es bis zu seinem Tod am 3. März 2025. Er starb mit 83 an Krebs. «Sein Verlust war das Schwerste, das ich jemals erleiden musste», sagt sie.
Sie spielt sich selber im Musical
Letztes Jahr feierte das Musical «Dolly: A True Original Musical» in Nashville Premiere. Dieses Jahr soll es an den Broadway kommen. Erzählt wird darin das Leben der Dolly Parton, sie spielt sich selber.

Dolly Parton mit ihrer Patentochter Miley Cyrus und deren Vater, dem Countrymusiker Billy Ray Cyrus.
Getty Images for NARASEin spezieller Moment sei immer, sagt sie, der Auftritt des Schauspielers, der ihren Mann verkörpere. Er komme rein und sage «Hallo, ich bin Carl Dean.» Das Publikum applaudiere jedes Mal, und das tue ihr gut, es sei heilend. «Ihm in der Show quasi zu begegnen, ist fast, als sei er nie weg gewesen.»
Er habe sich immer geweigert, im Rampenlicht zu stehen, gab nie Interviews. «Er war berühmt dafür, dass er nicht berühmt war», sagt Parton. «Er war berühmt, weil niemand ihn kannte. Jetzt kennen ihn alle, die ins Theater kommen.»

«Ich versuchte nie, jemand anders zu sein. Ich bin immer ich selbst. Wem das zu wenig ist, hat halt Pech.»
Getty ImagesKeine Zeit zum Alt werden
Nun wird Dolly Parton 80. «Na und?», meint sie lakonisch. Sie werde auch jetzt nicht aufhören, Neues auszuprobieren. «Wenn man nicht den Mut hat, etwas zu versuchen, wird man nie erfahren, ob es geklappt hätte. In Gottes Augen ist man kein Versager, wenn es schiefgeht. Hauptsache, man hat es probiert.» Alt findet sie, werde man erst, wenn man sich erlaube, alt zu werden. Dafür habe sie schlicht keine Zeit.
