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  4. Türkeis Fussballstar Hakan Calhanoglu vor dem EM-Spiel gegen die Schweiz

Vor Türkei–Schweiz: Hakan Calhanoglu im Porträt

Geprägt von zwei Welten

Er ist der geniale Meister der Inkonstanz: Spielmacher hakan calhanoglu ist einmal Leader und einmal Mitläufer bei Milan und im türkischen Nationalteam. Und wird so auch für die Schweiz im dritten Gruppenspiel zur grossen Unbekannten.

Hakan Calhanoglu, Fussball, Nationalmannschaft Tuerkei, SI SPORT 02/2021

Hakan Calhanoglu ganz entspannt in den Ferien am Meer.

Emrah Bayka

Welcher Hakan Calhanoglu nun an der Europameisterschaft teilnimmt, bleibt ein spannendes Rätsel. In mittlerweile vier Jahren AC Milan ist man sich immer noch nicht gewiss über die wirkliche Version. Er ist angekommen. So beschreibt der Jargon Fussballer, die im neuen Klub irgendwann doch das zeigen, wozu sie verpflichtet wurden. Einige kommen schnell an, andere schleppend. Der Türke wählte die alternative Zickzack-Route. Mal lief er unter dem euphorischen Namen Calhanoglu 2.0, um dann für ein Weilchen abzutauchen. So trug Calhanoglu das Kreuz der Unbeständigkeit auf den Schultern seines rot-schwarzen Trikots und erinnerte oft an die nostalgische Gemengelage seines Klubs, wenn sich seine überdurchschnittliche Qualität hinter schleichender Melancholie versteckte.

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Die Unbeständigkeit macht ihn verzichtbar

Calhanoglu gehört nach dem Ende der Ära Berlusconi 2017 zu Milans ersten kostspieligen Verpflichtungen beim Aufbruch in die Post-Cavaliere-Zeit. Rund 23 Millionen Euro zahlen die Mailänder an Bayer Leverkusen – verzaubert vom Bundesliga-Talent und einem Freistoss-Tor gegen Borussia Dortmund aus über 40 Metern. Sie erhalten einen potenziellen Visionär, der von formidablen Momenten der Mannschaft getragen wird, das Team jedoch nie aus eigener Initiative mitreisst. Vier Trainer erlebt der Deutschtürke bei der AC, alle erkennen dessen Fähigkeiten und Kernproblem, auch Ex-Weltmeister Gennaro Gattuso. «Hakan ist fundamental für unser Spiel. Jemand, der taktisch und als Freistossgott herausragt. Er müsste es bloss kontinuierlich unter Beweis stellen.» Diese Unbeständigkeit macht ihn verzichtbar. Die Intentionen der Klub-Führung, ihn zu Leipzig zu transferieren, scheitern jedoch am Veto von Coach Gattuso.

Hakan Calhanoglu, Fussball, Nationalmannschaft Tuerkei, SI SPORT 02/2021

Zwischen den Kulturen: Hakan Calhanoglu zeigt in den Heimatferien in der Südtürkei Flagge für das Land seiner Väter (l.). 

Emrah Bayka

«Ich mag keine Städte. Für mich gibts nichts Besseres als die Naturnähe des Dorfes»

Hakan Calhanoglu

Calhanoglu stellte in schweren Momenten seiner Milan-Malaise immerhin Persönlichkeit und Professionalität unter Beweis. Keine Klatschskandälchen, niemals auch nur der Hauch eines öffentlichen Murrens. Augen zu, neuen Coach begrüssen und weiter. Die Belohnung wartet im Januar 2020 in Person von Zlatan Ibrahimovic, dessen Erscheinen Calhanoglus Leistungen potenziert. Die bodenständige Nummer zehn hinter dem schwedischen Super-Ego – das funktioniert fabelhaft. «Ibra» erkürt Calhanoglu zu seinem Lieblingspartner auf und abseits des Rasens. Derweil schwärmt der ehemalige Leverkusener: «Zlatans Besessenheit vom Erfolg hat uns allen weitergeholfen. Er zeigt mir meine Fehler auf. Davon profitiere ich enorm.» Die zwei verstehen sich privat ebenfalls bestens. An deren gemeinsame Streifzüge auf dem Motorroller hat sich Mailand bereits gewöhnt. Die enge Liaison mag sich kulturell erklären: Beide besitzen ihre Wurzeln in einem Land, in dem sie nicht aufwuchsen. Kroatien und Bosnien auf der einen, die Türkei auf der anderen Seite.

Psychische Probleme nach den üblen Fan-Beleidigungen?

Womöglich teilen sie an manchen Abenden auch spannende Geschichten aus ihrer Vita. Ibrahimovic könnte damit Buchregale füllen, auch Calhanoglu bräuchte sich nicht zu verstecken. Er könnte von seinem Wechsel-Chaos 2014 von Hamburg nach Leverkusen erzählen. Damals schwört er den Hanseaten zuerst seine Treue und verlängert bis 2018, um sich im Sommer dann nach Leverkusen abzusetzen. Calhanoglu bleibt dem Trainingsstart des HSV fern, ändert seine Handy-Nummer und lässt sich per Attest einer Psychologin aufgrund psychischer Probleme für vier Wochen krankschreiben – wegen der üblen Fanbeleidigungen, heisst es. Viele zweifeln das an, vor allem, als er nach dem Medizin-Check in Leverkusen wundersam vorzeitig als genesen diagnostiziert wird. 

Hakan Calhanoglu, Fussball, Nationalmannschaft Tuerkei, SI SPORT 02/2021

Calhanoglu im Oktober 2019 im EM-Qualifikationsspiel gegen Frankreichs Clément Lenglet.

Getty Images

Calhanoglu verteidigt sich später: «In Hamburg konnte ich kaum mehr aus dem Haus gehen. Ich wurde von allen Seiten beleidigt. Mein Auto wurde kaputt geschlagen. Übers Internet erhielt ich Beschimpfungen. Dann war ich mental auch nicht mehr so stark und brauchte professionelle Unterstützung.» Ausserdem hätte ihm der HSV in einem Privatgespräch bei einer verlockenden Offerte einen Wechsel garantiert, ihn jedoch öffentlich als Verräter an den Pranger gestellt. Seine kühne Ansage, das Ziel sei der Weg zum Weltstar, erwies sich damals als kaum zweckdienlich. Jetzt, wo er mittlerweile 27 Jahre alt ist, rangiert sie in der Kategorie Luftschloss.

«Mein Vater war für mich der grösste aller Fussballspieler»

Derweil verfolgen ihn weitere vertragliche Problematiken. Anfang 2017 wird Calhanoglu für vier Monate gesperrt. Grund ist eine Klage des türkischen Klubs Trabzonspor, bei dem Calhanoglu 2011 als noch Minderjähriger einen Vorvertrag unterzeichnet hat, dann allerdings beim Karlsruher SC verlängerte. Die fussballerische Rückkehr in die Türkei ist augenscheinlicher Traum des Vaters, einer jener Generation, die aus Anatolien gen «Almanya» für ein besseres Leben zog, den Wurzeln allerdings auch in Deutschland stets treu blieb. Hakan wird 1994 in Mannheim geboren, doch er fühlt sich der Heimat seiner Eltern, Bayburt, eng verbunden. «Ich fand die Liebe zum Fussball dank meines Vaters. Er spielte früher selbst und war für mich der grösste aller Fussballer. Nur dank ihm habe ich es so weit gebracht.» Wenn die meisten seiner Landsleute den Sommer mit Badespass am Mittelmeer verbringen, besucht er den Ort, aus dem seine Familie stammt. Dort sonnt er sich im Status des Lokalheroen. «Manche Leute mögen grosse Städte, aber für mich gibt es nichts Besseres als die Naturverbundenheit des Dorfes.»

Hakan Calhanoglu, Fussball, Nationalmannschaft Tuerkei, SI SPORT 02/2021

Calhanoglu geniesst im mondänen Mailand das Strassenleben mit seinem Mercedes-Sportwagen.

Emrak Bayka

Ganz so idyllisch läuft es für ihn im türkischen Nationalteam allerdings nicht immer. Nach einem Spiel im Oktober 2013 kommt es in einem Hotel in Istanbul zu einer Räuberpistole. Auslöser des Streits, in den die Nationalspieler Samir Toprak und Gökhan Töre involviert sind, ist anscheinend eine amouröse Affäre um die Exfreundin eines der Beteiligten. «Ich habe Panik bekommen», enthüllt Calhanoglu den Vorfall Monate später im «Aktuellen Sportstudio». «Ein Freund von Töre bedrohte Toprak und mich mit einer Waffe. Ich lag in einer Ecke, er ist zu mir gekommen und sagte: ‹Beweg dich nicht, sonst erschiess ich dich.› Wir waren zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort.» Fragwürdig erscheinen damals ebenso der Rahmen wie die unbedarfte Diktion von Calhanoglus Enthüllung. Inmitten der anhaltenden internen Spannungen bleibt er der Nationalelf ein halbes Jahr fern.

Zurechtweisung von Zlatan Ibrahimovic

Die Geschichte ist nun archiviert, und Calhanoglu zählte bei der erfolgreichen EM-Qualifikation zweifelsfrei zu den Fundamenten der Türkei. Milan bleibt sich über den Wert seiner Nummer zehn indes uneins. «Ich mag Hakan. Doch mit seinem Talent müsste er in jeder Saison eine zweistellige Bilanz in puncto Tore und Assists liefern», sagt Trainer Stefano Pioli im Mai. Daran muss das alternierende Gemüt des 27-Jährigen künftig entschieden arbeiten. Ibrahimovic unterbreitete dem Türken schnörkellos, die Nummer zehn bei der AC sei in jeder Sekunde Privileg und Verantwortung. Die gleiche Direktive gilt im Nationalteam. Eine EM billigt keine Zeit für launische Leistungen. Vielleicht müssen es die Schweizer am 20. Juni in Baku schmerzlich erfahren. 

Von Oliver Birkner am 20. Juni 2021 - 09:00 Uhr
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