Sie war die Muse Ingmar Bergmans, hat die intensivsten, einprägsamsten Frauenrollen ihrer Zeit gespielt, hat selbst Regie geführt, Bestseller geschrieben, war alleinerziehende Mutter und Unicef-Botschafterin. Wenn jemand eine Legende ist, dann sie: Liv Ullmann.
Gerade wurde die 87-jährige von der Europäischen Filmakademie in Berlin für ihr «herausragendes Lebenswerk» geehrt. Zu Recht. Über die Norwegerin könnte man Bücher schreiben, so spannend ist sie als Zeitgenossin. Die Tochter eines Luftfahrtingenieurs wurde in Tokio geboren, wuchs in Kanada auf und zog erst mit elf Jahren nach Oslo.

Der schwedische Regisseur Ingmar Bergman und die Schauspielerin Liv Ullmann waren fünf Jahre lang ein Paar. Die beiden während der Dreharbeiten zum Film «Die Stunde des Wolfes» im Jahr 1968.
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Nach der Schauspielschule in London spielte sie in Norwegen Theater, bis sie Mitte der 1960er-Jahre den schwedischen Meisterregisseur Ingmar Bergman kennenlernte – und aus ihrer Liebe eine Sternstunde der Filmgeschichte entstand. Selbst nach der Trennung schufen die beiden noch unsterbliche Werke wie «Szenen einer Ehe» oder «Herbstsonate».
Das schüchterne Mädchen wurde 1959 für den Film entdeckt. In «Die jungen Sünder» sorgte Liv gleich für einen Skandal, über den sie bis heute lacht. «Alles nur, weil man mal meinen Po zu sehen bekam! Ich war erst 18, hatte keine Ahnung, wie sich Sex anfühlt, aber ich wusste, wie es sich anfühlt, verliebt zu sein.»

Der Film «Persona» (1966) gilt als Meisterwerk des Regisseurs Ingmar Berman. In der Hauptrolle: Liv Ullmann. Sie spielt darin eine Schauspielerin, die nach einem Zusammenbruch auf der Bühne verstummt – hier rechts neben Bibi Andersson.
AB Svensk FilmindustriLiv Ullmann ging immer ihren eigenen Weg. Sie wirkt sanftmütig, handelte aber oft radikal. Europa lag ihr mehr als Hollywood. Ihre 1966 geborene Tochter Linn, heute erfolgreiche Schriftstellerin, zog sie alleine auf, ohne Bergman. «Ich kann mich glücklich schätzen, weil ich immer die Wahl hatte und so unabhängig war wie ein Mann. Erst habe ich meiner Tochter ihre College-Ausbildung ermöglicht, anschliessend das Leben genossen.»

«Szenen einer Ehe» ist ein schwedisches Filmdrama von Ingmar Bergman aus dem Jahr 1973. In der Hauptrolle Liv Ullmann, Erland Josephson spielt den Ehemann.
© SVTWer ihr begegnet, ist sofort angetan von Ullmanns Bescheidenheit und Zurückhaltung, als sei ihr ihre Grösse, ihre Ikonenhaftigkeit gar nicht bewusst. 1992 wagte sie mit «Sofie» den Schritt hinter die Kamera, ihr vierter, bisher letzter Film war «Miss Julie» mit Jessica Chastain. Die Regie, erklärt Ullmann, gibt ihr mehr als das Schauspiel. «Das Spielen kam mir so egozentrisch vor. Wie kann ich in einer so problematischen Welt Schauspielerin sein, dachte ich. Hinter der Kamera hat sich mein Sinn für die grandiose Kunst der Mimen wieder geöffnet. Doch ich will auf der Regieseite bleiben.» Ihr Talent für kompromisslose Filme hat sie vererbt: Ihr Enkel Halfdan Ullmann Tøndel, Linns Sohn, hat sich als wunderbarer Filmemacher erwiesen und kann sich stolz auf die Regiegene beider Grosseltern berufen.

Sie scheint sich sichtlich zu freuen: Liv Ullmann erhält beim Europäischen Filmpreis in Berlin eine Auszeichnung für ihr Lebenswerk.
keystone-sda.ch1981 wurde Ullmann als erste Frau zur Goodwill-Botschafterin für die Unicef ernannt, setzte sich weltweit für Kinderrechte und -nöte ein. Der Zustand unserer Welt heute, die vielen Krisen und Kriege, Terror, Migration und Autokratie frustrieren sie, sagt sie, und die bergseeblauen Augen verdunkeln sich. «Ich bin oft desillusioniert. Kreativität ist meine einzige Antwort. Ich möchte mit Filmen an die Menschlichkeit appellieren. Ich glaube noch immer fest daran, dass Kunst uns Menschen eher daran erinnert als die Politik, wer wir sind.» Kunst als Katharsis, Kino als Empathieerzeuger, das ist ihr Credo. «Woher holen wir uns noch die Wahrheit? Von Filmemachern und Schauspielern, von Schriftstellern und Musikern. Sie zeigen uns das tatsächlich Menschliche. Daher bin ich stolz, dass ich mal Schauspielerin war.» Diese Frau hat jede Verneigung, jeden Preis verdient, für ihre Kunst und ihre Menschlichkeit.
