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Starke First Lady oder schwache PR-Strategie?

Die Vogue als Waffe? Portrait über First Lady Selenska erntet Kritik

Nun findet Krieg plötzlich auch auf den Seiten eines Hochglanzmagazines statt: Die Vogue besuchte die ukrainische First Lady Olena Selenska im Kriegsgebiet — und spaltet mit dem Beitrag die Meinungen der Lesenden.

July 20, 2022, Washington, District of Columbia, USA: First Lady of Ukraine Olena Zelenska arrives to give an address to members of the United States Congress, on Capitol Hill in Washington, DC, USA, 20 July 2022 Washington USA - ZUMAs152 20220720_zaa_s152_158 Copyright: xMichaelxReynoldsx-xPoolxviaxCNPx

Für die amerikanische Ausgabe des Magazins porträtierte Starfotografin Annie Leibovitz die First Lady der Ukraine. Hier sprach sie Ende Juli in Washington vor den Mitgliedern des Kongresses der Vereinigten Staaten.

imago/ZUMA Wire

Die aktuelle Ausgabe der Vogue sorgt für Aufsehen: Auf dem Cover der Zeitschrift ist Olena Selenska (44), die First Lady der Ukraine, abgebildet. Die Präsidentengattin wird zudem auf mehreren Seiten porträtiert. Die Lesenden erhalten Einblicke in das derzeitige Leben der plötzlich, durch den Krieg im Fokus stehenden 44-Jährigen.

Es geht im Text unter anderem um den vernichtenden Krieg, über Frauen an der Front, um Waffen und Tote, aber auch über die Mode und das Auftreten der First Lady. Bebildert wird das sogenannte Portrait der Tapferkeit mit Fotografien der Starfotografin Annie Leibovitz: Selenska, elegant gekleidet, am zerstörten Flughafen Antonov, im Hintergrund eine Gruppe bewaffneter Soldatinnen. Und da sind auch Bilder zusammen mit dem Präsidenten; die Kleidung farblich abgestimmt, posiert das ukrainische Paar an einem Besprechungstisch.

Wer also die Zeitschrift durchblättert oder sich online durch die Reportage scrollt, bekommt eine Mischung aus Krieg und Glamour präsentiert. Ein Krieg, der plötzlich auch auf Hochglanzseiten stattfindet, ist etwas Neues. So ist es nicht weiter erstaunlich, dass das Interesse an dieser Vogue-Berichterstattung besonders gross ist — und die Meinungen dazu völlig auseinanderdriften. 

Frau Selenska; eine Ikone

Einerseits wird die Vogue gelobt, das Thema im eigenen Magazin aufzugreifen. Vor allem die Stärke, die Olena Selenksa auf den Bildern und in den Zeilen verspürt, kommt gut an. So hat etwa Val Voshchevska, eine ukrainische Aktivistin, das Coverbild genau unter die Lupe genommen: Mit wenig Details zeige die Fotografie der Welt, wie mächtig und stark die abgelichtete Frau doch sei. Olena Zelenska sei eine echte Ikone. Ihr Instagram-Post erhält von überall her Zuspruch. «Eine deutliche Botschaft an die Welt: Legt euch nicht mit ukrainischen Frauen an!», wird das Cover-Bild etwa kommentiert.

Inzwischen gibt es nun auch viele kritische Stimmen gegenüber der Berichtserstattung. Dass sich das Präsidentenpaar mitten im «Kriegsgebiet inszeniere», wird etwa auf Twitter als deplatziert, als eine «geschmacklose PR-Aktion» eingestuft. Vor allem ruft die Reportage auch Unverständnis hervor: «Da blieb mir doch eben glatt die Spucke weg. Während sich sein Land im Krieg befindet, posieren Ministerpräsident Selensky (44) und seine Gattin für die Modezeitschrift Vogue», schreibt eine Userin.

Politiker in den USA nutzen die Bilder zudem, um Stimmung gegen die Biden-Regierung zu machen: Mit der Unterstützung der Ukraine würde man solche «Eitelkeiten» finanzieren, meinte etwa eine Abgeordnete nach Erscheinung der Vogue.

Das Heft als Waffe, die Seiten als Schlachtfeld

Auch Medien aus dem In- und Ausland machen sich in Kolumnen und Beiträgen Gedanken über die journalistische Arbeit. Und auch dort gibt es Kritik: «…soll ein Artikel aus einem Kriegsgebiet wirklich auch das Gefühl hervorrufen, dass man jetzt schon noch gern wüsste, von welchem Label diese Bluse mit den Fransen ist, die Selenska auf dem Cover trägt?», fragt man sich etwa bei der NZZ. In einer Bildlegende zu einem der Fotos wird nämlich darauf hingewiesen, dass Olena Zelenska nur ukrainische Designerkleidung trage. Als Service werden auch gleich die Namen der Labels aufgeführt. Für den Tagesanzeiger ist zudem klar: «Das, was reportagemässig aussehen soll, ist in Wahrheit durchinszenierter als eine durchschnittliche Prada-Werbekampagne.»

Laut der New York Times ist der Beitrag schliesslich einfach ein Schachzug der Ukraine: «Der russisch-ukrainische Konflikt ist ein Krieg, der an allen Fronten geführt wird.» Die Vogue sei eine dieser Fronten. Olena Selenska habe das Magazin quasi zur Waffe gemacht, schreibt die NYT. Was auch immer man vom Beitrag halte — «Es ist ein Stück Kampfstrategie.»

Von Mira Weingartner am 29. Juli 2022 - 16:00 Uhr