Grossartig sei sie, hörte Cindy Crawford zu Beginn ihrer Karriere. Bloss diesen Fleck über dem linken Mundwinkel solle sie wegmachen lassen. Überschminken geht nicht: «Er ist nicht flach. Abgedeckt sieht es wie ein riesiger Pickel aus», sagt sie vor Jahren in einem Live-Chat mit ihrer Supermodel-Kollegin Naomi Campbell (55).

An der Paris Fashion Week im März 1990 läuft Cindy Crawford für Thierry Mugler über den Laufsteg.
Victor VIRGILEDer Leberfleck wurde wegretuschiert – bis Crawford auf dem Cover der US-«Vogue» war. Samt Schönheitsfleck: «Ab dann war es kein Thema mehr. Wenn es gut genug für die ‹Vogue› ist, ist es in Ordnung.» Der Makel wurde zur Marke und feiert am 20. Februar den 60. Geburtstag.
Landei und weltberühmt
Cynthia Ann Crawford, geboren in DeKalb im Bundesstaat Illinois, gehörte zur ersten Generation hoch bezahlter Supermodels, den «Big Five» – Crawford, Naomi Campbell, Linda Evangelista, Christy Turlington und Tatjana Patitz.
In den 1980ern und 1990ern waren sie die Stars auf den Laufstegen von Luxuslabels wie Versace, Chanel, Dior. Etwas später stiessen Claudia Schiffer und Kate Moss zu dieser Top-Liga. Es begann die Ära, in der DJs Götter und Models Ikonen waren.

Nur die Besten waren gut genug für Versace: Donatella (M.) mit den Supermodels Helena Christensen, Cindy Crawford, Naomi Campbell, Claudia Schiffer und Carla Bruni-Sarkozy (v. l.).
Cindy wuchs als mittlere von drei Schwestern auf. Vater John (81) war Elektriker, Mutter Jennifer (79) Bankangestellte und bei der Hochzeit erst 16. «Es war grossartig, ein einfaches Arbeiterleben mit vielen Cousins, Tanten, Onkeln, Grosseltern und Urgrosseltern. Es war super», sagt Crawford über ihre Kindheit in der Doku-Serie «The Super Models».
Bereits in der Primarschule fiel Cindys Äusseres auf: «Eine Praktikantin gab zum Abschied jedem Kind eine Zukunftsvision mit.» Zu ihr habe sie gesagt: «Hm, eine künftige Miss America.»
Tragödie in der Kindheit
Kurz zuvor, 1976, war ihr dreijähriger Bruder Jeff an Leukämie gestorben. Die Ehe der Eltern überstand den Schicksalsschlag nicht, und Cindy und ihre beiden Schwestern Christine (62) und Danielle (56) lebten fortan mit Schuldgefühlen: «Wir dachten, es hätte eine von uns treffen müssen. Wir wussten, dass Vater gern einen Buben gehabt hätte.»
Bis heute engagiert sich Crawford für die Leukämie-Hilfe.

1982 posiert die 16-jährige Cindy Crawford zum ersten Mal. Das Foto erscheint in der Lokalzeitung ihres Heimatortes DeKalb.
Im Sommer 1982 hilft sie als 16-Jährige in ihrem Heimatort bei der Maisernte, wird vom Fotografen Roger Legel entdeckt und landet in der Lokalzeitung. Ein Jahr später ist sie bereits Finalistin beim Elite Model Management’s Look of the Year. Sie schmeisst das Studium als Chemie-Ingenieurin, zieht nach Chicago und wird Model.
1986 unterschreibt sie bei der Agentur Elite in New York und prangt in den folgenden Jahren auf den Covers von über 400 Magazinen: «Vogue», «Elle», «Harper’s Bazaar».
Crawford wird natürliches Charisma attestiert, sie ist das klassisch schöne All-American Girl und steht für zeitlose Eleganz – und für eiserne Disziplin. Bald sind ihre Masse Allgemeinwissen: 1,77 Meter, 91–66–89, Schuhgrösse 42.

Legendärer Pepsi-Spot von 1992: Crawford hängt im weissen Unterhemd an einer Tankstelle rum – und weltweit können Teenager nicht mehr schlafen.
Ihr bodenständiges Image kommt an. Ihr berühmtes Bonmot aus jener Zeit: «Sogar ich wache nicht morgens auf und sehe aus wie Cindy Crawford. Die Erwartung, dass ich immer schön sein muss, ärgert mich!»
Supermodel heiratet Superstar
Ihre Hochzeit im Dezember 1991 mit dem 17 Jahre älteren Hollywood-Star Richard Gere, heute 76, sorgt weltweit für Schlagzeilen. Wow, was für ein Traumpaar! Sie, erst 22, himmelt ihn an, taucht ein in seine Welt von Sport, Buddhismus, Film und Fernsehen.
Cindy Crawford diversifiziert: Sie moderiert eine MTV-Show, tritt in Musikvideos auf, ist Werbegesicht für Pepsi und Revlon, vertreibt Fitnessvideos und entwirft eine Schuhkollektion für Deichmann.
In allem hat sie Erfolg, nur mit der Schauspielerei hapert es. Für ihre Rolle im Film «Fair Game» erhält Crawford 1995 eine Doppelnominierung für die Goldene Himbeere: als schlechtester neuer Star und für die schlechteste weibliche Hauptrolle.

Nur die besten Fotografen dürfen die besten Models ablichten. 1988 fotografiert der US-Fotograf Herb Ritts Cindy Crawford den «Playboy».
Nicht ihr bestes Jahr. Sie fühlt sich zunehmend unwohl in ihrer Ehe, ist reifer geworden, selbstständiger. Plötzlich passt es nicht mehr. Gere und Crawford lassen sich scheiden.
Drei Jahre später gibt sie dem New Yorker Geschäftsmann Rande Gerber in Las Vegas das Jawort. Er besitzt Nachtklubs in Miami und gründet mit George Clooney die Tequila-Marke Casamigos.
Gerber und Crawford haben zwei Kinder, Kaia Jordan (24) und der zwei Jahre ältere Presley Walker, beide sind sehr erfolgreich als Models. Letztes Jahr macht Presley auf Instagram publik, dass er unter psychischen Problemen leidet und Medikamente gegen Panikattacken nimmt – er erntet dafür viel Zuspruch und Respekt.
Das Privatleben bleibt bedeckt
Über Privates spricht Super-Cindy eher selten. Sie wache 20 Minuten vor ihren Kindern auf, höre einen Bibel-Podcast und laufe dann gern barfuss über den Rasen, gab sie vor ein paar Jahren preis: «Erst danach checke ich Nachrichten und E-Mails.» Sie isst bis zum Mittag anscheinend nur enzymreiches Obst wie Ananas, Kiwi und Papaya, trinkt drei Liter Wasser am Tag, aber kaum Alkohol.

Seit 31 Jahren ist Cindy Crawford Botschafterin für Omega. Hier mit dem 2010 verstorbenen Bieler Uhren-Patron Nicolas Hayek.
Die «Cosmopolitan» schätzt Crawfords Vermögen 2024 auf 400 Millionen US-Dollar. Seit über 30 Jahren ist sie Botschafterin der Schweizer Uhrenmarke Omega. Seit 2018 sind Tochter Kaia und Sohn Presley ebenfalls Omega-Botschafter. Über die Bieler Uhrenhersteller findet Cindy Crawford auch zu ihrem Hobby, dem Golfen – und somit gelegentlich den Weg in die Walliser Berge ans renommierte Omega European Masters in Crans-Montana.
Eher versehentlich promotete sie 2020 Weine aus dem Lavaux. Auf Instagram postete Super-Cindy ein Picknickfoto in Montreux – inklusive einer Flasche Chasselas. Zu ihrem 60. Geburtstag wird sie medial weltweit geehrt. Ihre Wünsche sind bescheiden: «Ich hoffe, dass meine Tochter mir eines Tages Enkelkinder schenkt», sagte sie letztes Jahr in der «Annabelle». Und sie versuche, wohlwollender zu sein, auch mit sich selbst. «Bei allem, was auf der Welt passiert, will man sich da ernsthaft über ein paar Falten aufregen?»
