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Andermatt-Investor Samih Sawiris ist zuversichtlich

«Wir bereiten uns nach jeder Krise auf die nächste vor»

Mit seinen Tourismus-Resorts leidet Samih Sawiris stark. Und bleibt trotzdem gelassen. Der Unternehmer über die Ausbaupläne in Andermatt UR, seine Millionenspenden in Ägypten und «den fast zu gemütlichen Lockdown-Alltag».

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Samih Sawiris geniesst den Alltag in El Gouna, wo es während des Ramadans viele Leute aus Kairo hat.

Nicolas Righetti/ Lundi13

Herr Sawiris, ich gratuliere Ihnen!
Danke! Wieso?

Der Urner Regierungsrat will Sie zum Ehrenbürger ernennen. Sie wären der erste Ausländer überhaupt.
In Uri hats auch nicht so viele verrückte Ausländer (lacht). Aber es freut mich sehr. Ich bin ja in mehreren Ländern tätig, doch die Anerkennung ist in der Schweiz am grössten.

Viel Kritik hingegen haben Sie geerntet für Ihre Aussage in der «SonntagsZeitung», dass in der Schweiz Milliarden von Franken verloren gehen, damit es einige hundert Tote weniger gebe.
Ja, ich habe meinen Gedanken zu wenig differenziert formuliert. Es war nicht mein Ziel, eine Polemik zu entfachen. Der Bundesrat hat die Öffnung ja schnell lanciert und hält so die Auswirkungen des Lockdown im Rahmen. Da können nur wenige Regierungen mithalten.

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Wie geht Ägypten mit der Corona-Krise um?
Wissen Sie, für die Ägypter ist Corona einfach ein weiteres Problem – zu den zweitausend anderen Problemen, die das Land sowieso schon hat. Hier sterben jedes Jahr fast 50 000 Kinder an Durchfall, weil die Leute kein Geld für Medikamente haben. Das macht mir mehr Sorgen. Unsere Familienstiftung gibt deshalb jährlich Dutzende Millionen für Spitäler und Schulen aus. Allein zur Corona-Bekämpfung in Ägypten haben wir bislang acht Millionen Franken für Arme gespendet.

Was sind die Folgen für die Wirtschaft?
Der Lockdown ist nicht so rigoros wie in der Schweiz. Das könnten wir uns auch gar nicht leisten, viele Menschen arbeiten hier als Taglöhner. Zum Glück haben wir sehr wenige Corona-Fälle. Wir Ägypter sind ein junges Volk, 70 Prozent sind unter 30, die Lebenserwartung liegt bei 71 Jahren.

Ihre Eltern sind deutlich älter und gehören zur Risikogruppe.
Ja, mein Vater wird im August 90, meine Mutter ist 86. Wir schützen sie bestmöglich, eine Corona-Erkrankung würden sie nicht überleben.

Sie sind zurzeit in Ihrem Resort in El Gouna. Wie geht es Ihnen?
Ich kann mich nicht beklagen, meine Familie ist auch hier. Zurzeit sind wir mit dem Boot auf dem Meer. Die Gefahr ist, dass man sich an diesen fast zu gemütlichen Lockdown-Alltag gewöhnt: Ich stehe um sieben Uhr auf, frühstücke, gehe schwimmen, danach Anrufe oder Videomeetings, ein wenig Klavier spielen, vielleicht eine Massage, spazieren – und schon ist der Tag vorbei, man geht ins Bett und schaut sich noch einen Film an. Jetzt während der Ramadan-Zeit sind viele Leute aus Kairo nach El Gouna gekommen, weil die Stadt gut kontrolliert wird und Corona-frei ist.

Aber sonst ist der Tourismus eingebrochen.
El Gouna profitiert stark vom Inlandtourismus. Dieser macht rund 30 Prozent aus. Für den Monat Juli rechnen wir in Ägypten mit den ersten internationalen Gästen. Die Hotels dürfen maximal 50 Prozent ausgelastet sein. Unser Vorteil: Die ägyptische Tourismusindustrie verdient auch mit wenig Auslastung noch Geld.

«Ich stehe um sieben Uhr auf, frühstücke, gehe schwimmen, danach Anrufe oder Videomeetings, ein wenig Klavier spielen – und schon ist der Tag vorbei»

Sie besitzen Resorts in Ägypten, im Oman, in Montenegro, in Andermatt. Wie kommen Sie durch die Krise?
Indem wir für Krisen gewappnet sind. Wir haben ja schon einige überlebt: Terroranschlag in Luxor, Golfkrieg, Arabischer Frühling, Finanzkrise und andere. In den letzten vier Jahren konnten wir gute Reserven bilden. Davon zehren wir jetzt, denn wir wissen nur zu gut: Banken geben dir den Regenschirm erst, wenn es schon wieder aufgehört hat zu regnen. Deshalb bereiten wir uns nach jeder Krise auf die nächste vor. Das ist auch jetzt der Fall.

Das sagen Sie so gelassen.
Also ich fange jetzt nicht an zu heulen (lacht). Ich bin auch deswegen gelassen, weil es aktuell keinen Wettlauf gibt, wo ich mich beeilen müsste. Es ist wie eine grosse Pause.

«Wir haben ja schon einige Krisen überlebt: Terroranschlag in Luxor, Golfkrieg, Arabischer Frühling, Finanzkrise und andere»

Sie haben keine schlaflosen Nächte?
Nein, weil ich Krisen eben kenne und viel daraus gelernt habe. Es ist wie bei einem Horrorfilm, den man schon zehnmal gesehen hat. Da hat man auch keine Angst mehr, weil man bereits weiss, wer als Nächstes hinter der Tür hervorkommt und wen köpft (lacht). Und ich weiss auch, dass die Menschen Krisen schnell vergessen. Das wird bei Corona nicht anders sein.

In der Schweiz ist der Tourismus massiv betroffen. Was erwarten Sie für Andermatt?
Wenn wir Glück haben, hinterlässt 2020 einfach eine Beule. Im schlimmsten Fall müssen wir das Jahr abschreiben und quasi direkt von 2019 ins 2021 rübergehen. Dabei hätten wir mit der Andermatt Swiss Alps Gruppe dieses Jahr erstmals ein positives Ergebnis geschrieben.

«The Chedi Andermatt» und «Radisson Blu Reussen» gehen jetzt wieder auf. Werden die Gäste kommen?
Sicher! Ich bin überzeugt, dass wir in den nächsten Wochen viel Besuch haben. Die Leute mussten lange zu Hause sein, jetzt haben sie Lust, wieder rauszugehen, etwas zu erleben und sich verwöhnen zu lassen. 60 Prozent unserer Gäste kommen sowieso aus der Schweiz. Ich hätte nie damit gerechnet, dass wir uns mit Andermatt so gut im Inlandmarkt positionieren können.

Bleiben alle Arbeitsplätze erhalten?
Auf jeden Fall! Und wir wachsen weiter: ein drittes Hotel, mehr Restaurants, mehr Häuser, mehr Arbeitsplätze.

Hat sich Andermatt zu der Top-Destination entwickelt, wie Sie sich das gewünscht haben?
Heute können wir mit gutem Gewissen sagen, dass die Skiarena Andermatt-Sedrun mit den neuen Liften und Pisten top ist. Das «Radisson» läuft gut, das «Chedi» ist das «Chedi» und hat noch weiter an Flair gewonnen. Das Dorf entwickelt sich organisch, mit neuen Geschäften, neuen Restaurants, neuen Pubs. Der Golfplatz ist fantastisch geworden, das sagen mir jedenfalls die Golfspieler. Ich habe ja keine Ahnung davon, Golfspielen ist nicht mein Ding. Ich komme noch ins Guinness-Buch der Rekorde – mit so vielen Golfplätzen, die ich selber besitze, aber noch nie betreten habe (lacht). Ich bin sehr froh über die Entwicklung von Andermatt. Mit dem alten, gut bewahrten Dorfkern und dem neuen Dorfteil entwickelt sich Andermatt in den nächsten Jahren zu einer der schönsten Ortschaften in den Alpen.

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Der 63-jährige Ägypter, hier in seiner Wohnung in El Gouna, ist VR-Präsident der Orascom Development Holding, die in mehreren Ländern Hotel-Resorts baut und betreibt. Er ist verheiratet mit Goya Gallagher Sawiris und hat fünf Kinder. Sawiris studierte einst an der Technischen Universität Berlin.

Nicolas Righetti/ Lundi13

Ende Januar kam Orascom-CEO Khaled Bichara bei einem Autounfall in Kairo ums Leben. Er war sehr wichtig für die Firma, für Sie.
Ja, Khaled hat mich enorm entlastet. Weil er so gut war, habe ich ihm total vertrauen können. Weil er – übertrieben gesagt – nie geschlafen hat, konnte ich schlafen. Und ich war erstaunt, wie gut er die Firma mit den Länder-Organisationen strukturiert hatte. So kann ich sie vorübergehend auch führen. Aber ich bin kein guter Manager, daher kann und will ich nicht für lange Zeit der operative Chef sein.

Der Tourismus ist weltweit lahmgelegt, die Aussichten sind düster. Und Sie übernehmen mit 75 Prozent die Mehrheit des deutschen Reisekonzerns FTI. Da fragt man sich schon: Ist Samih Sawiris verrückt?
Wissen Sie, mir geht es nicht darum, der Grösste im Tourismus zu werden. Ich habe investiert, damit das Unternehmen nicht pleitegeht. Ich hätte nicht mehr gut schlafen können, wenn das Geld auf meinem Konto in der Schweiz wäre und gleichzeitig 32 000 Familien weltweit kein Einkommen mehr hätten. Zudem konnte sich dank FTI unser Kerngeschäft in den letzten Jahren so richtig entwickeln, das Salalah Resort im Oman wurde von einer schlafenden Siedlung zu einer florierenden Destination. Wie hätte ich in dieser Krise anders agieren können?

FTI steht für Pauschal- und Badeferien. Wird Corona diese Art von Tourismus nicht verändern?
Nein, das glaube ich nicht. Einzig die Digitalisierung schreitet voran, weshalb es Reisebüros in der heutigen Form nicht mehr brauchen wird. Das Reisebüro der Zukunft muss sich zu einem Concierge-Service für die Kunden entwickeln. Wie ein Concierge im Fünf-Sterne-Hotel soll das Reisebüro Ausflüge und Restaurants empfehlen, und zwar massgeschneidert für den jeweiligen Gast. Und eine Lösung parat haben, wenn was schiefgeht. Denn das können Online-Buchungssysteme definitiv nicht.

Vor vier Jahren haben Sie mir erzählt, dass Sie mit 65 ein Piano-Konzert mit einem Orchester geben wollen. 2022 ist es also so weit, in der neuen Konzerthalle in Andermatt, nehme ich an.
Zuerst in der Konzerthalle in El Gouna, die bis dann fertig ist. Dort muss sowieso jeder klatschen, weil es sonst keinen Strom und kein Wasser mehr gibt (lacht). Die Leute sehen hier die klassische Musik viel lockerer, da kann ich mir schon ein paar Fehler mehr erlauben. Mein zweites Konzert spiele ich in der Oper in Kairo. Und erst dann wage ich mich fürs dritte Konzert nach Andermatt. Danach ist Feierabend – und ich hoffe, dass ich eine neue Herausforderung im Leben finden werde.

Von Stefan Regez am 10.05.2020
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