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Schweizer Musemsdirektorinnen

Kunst fest in Frauenhand

Amazonen erobern die Museumswelt: Ann Demeester ist die erste Direktorin in der Geschichte des Kunsthauses Zürich seit seiner Gründung 1787. Die Schweizer Illustrierte stellt sieben Kulturmanagerinnen vor und stellt Fragen. Warum verleiht Kunst Glücksgefühle? Was können Frauen besser? Welches ist das Lieblingswerk?

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Ann Demeester Kunstkritikerin Literaturwissenschaftlerin Neue Direktorin  Kunsthaus Zuerich Kunst in Frauenhand Zuerich 2022 Foto: Geri Born

Kunsthaus-Direktorin Ann Demeester in der Sammlung Merzbacher, die 65 Gemälde umfasst. Der Bilderschatz befindet sich im 2022 eröffneten Erweiterungsbau von David Chipperfield.

Geri Born
Ann Demeester, 47, Kunsthaus Zürich, 250 Mitarbeitende: «Noch ist die Kunstwelt männlich»

Ann Demeester, sind Sie stolz, die neue Direktorin des Kunsthauses Zürich zu sein?

Ich realisiere erst jetzt, wie aussergewöhnlich man es findet, dass eine Frau diesen Job erhalten hat. Die Niederlande, wo ich seit 2001 tätig war, tickt da ganz ähnlich: Man gibt sich aufgeschlossen, liegt aber in Sachen Gleichberechtigung noch immer weit zurück.

Erobern Frauen jetzt die Chefsessel von Museen?

Der Louvre in Paris wird seit 2021 von Laurence des Cars geleitet, Frances Morris ist seit 2016 die erste Frau auf Führungsebene in der Tate Modern London. Noch ist die Kunstwelt männlich, doch es findet langsam ein Sinneswandel statt. Ab und zu braucht es eine Art von Extremismus, um ein Gleichgewicht herzustellen.

Wie ticken Sie als Direktorin, als Teamleaderin?

Für mich zählt Kompetenz – und es gibt genug Frauen, die superkompetent sind. Das Kunsthaus Zürich hat nicht nur physisch mit dem Erweiterungsbau von David Chipperfield eine Erneuerung hinter sich. Auch beim Team lege ich Wert auf Vielfältigkeit und Diversität.

Ihre Stärken, Ihre Schwächen?

Man sagt, ich sei eine inspirierende Leiterin. Begeisterung ist mein Motor. Ich liebe Aufbruch und Umbruch. Diese Balance ist mir ein Anliegen: Erneuerung mit der Achtung für die Traditionen. Eine Schwäche: Ich bombardiere die Welt mit Ideen, will oft zu viel.

Ihr Verhältnis zu Ex-Direktor Christoph Becker?

Absolut harmonisch. Wir verstehen uns sehr gut. Was uns verbindet, ist der Humor.

Wie gehen Sie mit dem schweren Bührle-Erbe um?

Die Intensität der Kontroverse überrascht mich. Die Integration der Bührle-Sammlung ins Kunsthaus muss gelingen! Ich werde in mehreren Etappen zur Aufklärung beitragen. Einen Zauberstab aber habe ich nicht.

Sind Sie in Zürich angekommen?

Ich bin ja neu immigriert. Jetzt als Bürgerin hier zu sein und nicht als Gast, ist fantastisch. Ich hatte vor 20 Jahren einen Freund hier und kenne die Kunstszene gut. Zürich ist zwar international, aber voller Tradition und Rebellion, ich denke da an Dada, die Jugendrevolte in den 80ern. Dieses Paradox fasziniert mich.

Verraten Sie Ihre aktuellen Lieblingsorte?

Micas Garten, die «Kronenhalle», das Völkerkundemuseum, der Park des Museums Rietberg, die Kultur-Oase Space Last Tango.

Aktuelle Ausstellung «Niki de Saint Phalle» (bis 8. Januar 2023)


 

Sabine Schaschl Kunsthistorikerin Direktorin Museum Haus Konstruktiv

Schaschl mag die Installation von Jose Dávila: «Er schuf sie während des Lockdowns für seine Soloschau hier im Museum.»

Geri Born
Sabine Schaschl, 55, Haus Konstruktiv Zürich, 30 Mitarbeitende: «Die Kollegen sind oft besser vernetzt»

Sabine Schaschl, was ist gute Kunst?

Sie muss Emotionen auslösen! Gute Kunst ist, wenn man mit einem Werk eine Beziehung eingeht.

Wie wird man Direktorin?

Indem man sich bewirbt. Ich leite das Museum seit neun Jahren. Das ist Durchschnitt für eine Institution mit einer Sammlung, die über 1000 Werke umfasst.

Was zeichnet das Haus Konstruktiv aus?

Wir sind die weltweit führende Institution für konstruktiv-konkrete und konzeptuelle Kunst und halten das Erbe dieser Kunstrichtung lebendig. Bei uns wird Gegenwartskunst präsentiert, die mit der Historie in Verwandtschaft steht, sie weiterführt und neu beleuchtet. Man sollte sich nicht selber loben …

Warum nicht? Männer tun das ja auch …

Das stimmt (lacht). Unser Programm findet weit über die Grenzen hinaus Beachtung. Aber es ist jedes Mal ein langer Weg. Die Eigenfinanzierung beträgt 67 Prozent: Bei jedem Projekt fangen wir bei null an.

Was machen Männer besser, anders?

Museen mit Prestige und Macht wurden bis vor Kurzem fast nur von Männern geleitet. Die Kollegen sind besser vernetzt, schieben sich Jobs, Beratungsmandate, Präsentationen zu. Da können wir Frauen noch lernen!

Sind Künstlerinnen benachteiligt?

Frauen wollen als Künstlerinnen wahrgenommen und nicht aufs Geschlecht reduziert werden. Wir streben in unseren Ausstellungen eine 50:50-Formel an. Dieses Gleichgewicht sollte eine Selbstverständlichkeit sein.

Ihre Lieblingsecke im Haus?

Die grosse Ausstellungshalle. Und das Museumscafé.

Und Ihr grösster Frust?

Dass fürs Haus Konstruktiv bis 2025 eine neue Bleibe gefunden werden muss. Das EWZ Zürich meldete für die Liegenschaft Eigenbedarf an.

Nächste Ausstellungen «Yves Netzhammer» und «Kapwani Kiwanga» (27. Oktober 2022 bis 15. Januar 2023)

Denise Tonella Kulturmanagerin Landesmuseum

Denise Tonella auf der grossen Treppe im Neubau des Landesmuseums Zürich, die nicht nur die Besucher, sondern auch Instagrammer aus der ganzen Welt begeistert. 

Geri Born
Denise Tonella, 43, Schweizerisches Nationalmuseum, 330 Mitarbeitende: «Ich spüre keinen Gegenwind von Männern»

Denise Tonella, wie wird man Kulturmanagerin?

Mit harter Arbeit, viel Engagement, grosser Leidenschaft und einem Quäntchen Glück.

Seit April 2021 leiten Sie einen Riesentanker.

Unter dem Dach des Schweizerischen Nationalmuseums sind das Landesmuseum Zürich, das Schloss Prangins am Genfersee, das Forum Schweizer Geschichte Schwyz und das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis vereint. Dort werden rund 870 000 Ausstellungsobjekte konserviert, restauriert und gelagert.

Wie oft sind Sie unterwegs?

Etwa einen Drittel meiner Arbeitszeit. Neben unseren Häusern in der ganzen Schweiz gibt es immer wieder Treffen und Sitzungen beim Bund und bei Fachorganisationen. Ich referiere ausserdem regelmässig an Kongressen im In- und Ausland.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Mir sind ein guter Teamgeist und Wertschätzung wichtig. Ich habe immer ein offenes Ohr für neue Ideen – aber auch für schwierige Themen.

Welchen Weg gehen Sie als Direktorin?

Mit unseren Ausstellungen greifen wir aktuelle gesellschaftliche Fragen auf und engagieren uns dafür, das Publikum zur Reflexion anzuregen. Wer die eigene Vergangenheit kennt, versteht die Gegenwart besser.

Verraten Sie etwas über Ihre Tessiner Herkunft?

Ich bin in Madrano, einem Bergdorf bei Airolo, aufgewachsen. Meine Eltern waren Bauern, und ein Studium war für mich eigentlich nicht vorgesehen. Aber ich habe mich durchgesetzt und nach dem Gymnasium in Basel Geschichte studiert.

Apropos durchsetzen: Müssen Sie sich oft gegen Männer durchsetzen?

Ich spüre keinen Gegenwind von Männern. Das hat vielleicht damit zu tun, dass unser Frauenanteil bei fast 70 Prozent liegt (lacht). Wenn Kritik kommt, egal von wem, dann muss man sich damit auseinandersetzen. Oft ist das Resultat danach besser.

Ihre Lieblingsecke im Landesmuseum?

Im historischen Teil ist es der Turm von 1898, der dem Publikum zum Beispiel an der Museumsnacht offensteht. Im Neubau die monumentale Treppe, die auch zu einem Hotspot für Instagramer geworden ist.

Aktuelle Ausstellungen «Anne Frank und die Schweiz» (bis 6. November 2022), «Barock» (bis 15. Januar 2023), «Prunkvolle Schlitten» (bis 2. April 2023)

Fanni Fetzer Museumsdirektorin Luzern

Fanni Fetzer mit David Hockneys Ikonenbild, das 12 Meter lang ist und für das das Museum eigens eine Wand herausreissen liess. 

Geri Born
Fanni Fetzer, 47: Kunstmuseum Luzern, 50 Mitarbeitende: «Als Mann hätte ich schneller Karriere gemacht»

Fanni Fetzer, Gratulation zum Innerschweizer Kulturpreis 2022.

Danke! Es hat mich gefreut zu hören, dass ich das Kunstmuseum in den letzten zehn Jahren in die Top-Liga geführt und als Institution verankert habe.

Wie kamen Sie zur Kunst?

Ich habe immer gern gezeichnet. Für eine Karriere als Künstlerin hätte es aber nicht gereicht. Ich war als Kulturredaktorin beim «Du» tätig. Später leitete ich das Kunsthaus Langenthal.

Müssen Frauen mehr kämpfen, um Erfolg zu haben?

Es ist schon so, dass Männer allein aufgrund ihres Potenzials gefördert werden, während Frauen über eine längere Zeit konstant eine gute Leistung erbringen müssen, um wahrgenommen zu werden. Ich denke, als Mann hätte ich schneller Karriere gemacht.

Ihr Ratschlag an Ihre Mitstreiterinnen?

Hartnäckigkeit. Dem Bauchgefühl vertrauen. Sich auf das konzentrieren, was einen selbst interessiert. Kurz: es nicht allen recht machen wollen!

Was ist das Tolle am Job?

Sich in ein Œuvre zu verlieben und zu sagen: «Das zeigen wir!» Ich pflege den Kontakt zu Politik, Medien, Kunstwelt, Geldgebern, Mitgliedern und Publikum. Das ist anspruchsvoll. Am liebsten aber mache ich spannende Ausstellungen, die das Publikum begeistern.

Auf welche Ausstellung sind Sie besonders stolz?

Dass der bedeutendste Pop-Art-Künstler David Hockney zum ersten Mal mit 100 Werken in der Schweiz zu sehen ist. Und das nicht etwa in der Fondation Beyeler, sondern hier bei uns! Für sein zwölf Meter langes Hauptwerk mussten wir eine Wand herausreissen.

Ihr Erfolgsrezept?

Der Mix machts. Nach einer sinnlichen Ausstellung darf ruhig etwas Sperriges, Intellektuelles kommen.

Eine Schwäche?

Ich bin super im Anreissen von grossen Projekten. «Nifelige» Kleinarbeit liegt mir leider gar nicht.

Sind Museen nur etwas für Elitäre?

Dass Kunst für die breite Gesellschaft eigentlich überflüssig ist, höre ich immer wieder. Als Direkto-rin eines mittelgrossen Museums bin ich täglich mit der Frage konfrontiert, welche Rolle Kunst in der Gesellschaft spielt. Die Kunstgeschichte mit- und neu zu schreiben, ist wichtig und ein absolutes Privileg.

Ihr Motto?

Wissen teilen, ohne andere zu belehren.

Aktuelle Ausstellungen «David Hockney» (bis 30. Oktober 2022), «Shara Hughes» (bis 20. November 2022)

Katharina Ammann Direktorin Aargauer Kunsthaus

Das Werk Little Planetary Harmony (2006) von Mai-Thu Perret nimmt für Katharina Ammann innerhalb der gegenwärtigen Kunstszene eine bemerkenswert eigenständige Position ein.

Geri Born
Katharina Ammann, 47, Aargauer Kunsthaus, 80 Mitarbeitende: «90 Prozent unserer Angestellten sind weiblich»

Katharina Ammann, wie kamen Sie nach Aarau?

Indem frau sich bewirbt. Ich war im Institut für Kunstwissenschaft in Zürich, kuratierte Ausstellungen im Kunstmuseum in Chur und in Solothurn. Das Aargauer Kunsthaus hatte ich länger auf dem Radar. Seit 2020 ist es meine Aufgabe, ein breites Publikum anzusprechen und aktiv die Themen unserer Zeit zu verhandeln.

Warum erobern Frauen erst jetzt die Chefetagen?

In unserem Haus sind 90 Prozent der Angestellten weiblich. Obschon viel mehr Frauen Kunstgeschichte studieren, zeigt sich das erst jetzt auch in Führungspositionen. Diese Entwicklung ist längst überfällig.

Ihr Erfolgsgeheimnis für gute Ausstellungen?

Ich bin nicht getrieben von grossen Namen, sondern von Themen. Unser Haus hat eine grosse Ausstrahlung und ist lebendig: Hier trifft sich die Szene. Zudem besitzt das Aargauer Kunsthaus eine der wichtigsten und besten Sammlungen zur Kunst in der Schweiz und arbeitet kunsthistorisch wichtige Themen auf.

Grösste Herausforderung?

Wir sind auch digital stark im Vermitteln. Kulturarbeit ist nicht nur ein reines Vergnügen. Ein Kulturbetrieb, der von öffentlichen Geldern mitgetragen wird, muss nach wirtschaftlichen Kriterien funktionieren.

Kennen Sie die anderen Direktorinnen?

Netzwerke sind wichtig. Wir begegnen uns unterstützend, denn der Konkurrenzgedanke führt nicht zum Ziel. Ich schätze den Austausch mit Kolleginnen wie Ann Demeester, Fanni Fetzer oder Helen Hirsch und nehme ihre Arbeit mit Respekt wahr.

Noch nervös vor einer Ausstellung?

Nicht mehr. Die Vorbereitung zur aktuellen Ausstellung hat eineinhalb Jahre in Anspruch genommen. Es ist für mich jedes Mal eine Freude, dem Publikum das Resultat zu präsentieren und die Reaktionen zu sehen.

Ausstellungen Sammlungspräsentation (bis 13. November 2022), «Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau …» (bis 15. Januar 2023)

Nina Zimmer Direktorin Kunstmuseum Bern

Zwischen Klee, Picasso und Giaccometti: Nina Zimmer gilt als Superdirektorin und führt gleich zwei bedeutende Museen.

Geri Born
Nina Zimmer, 49, Kunstmuseum Bern und Zentrum Paul Klee, 250 Mitarbeitende: «Was am Ende zählt, ist die Leistung»

Nina Zimmer, was können Frauen besser?

Toll, dass ich die Frage einmal so herum gestellt kriege. Normalerweise heisst es immer: Wie ist das so als erste Frau von zwei Museen? Ich erinnere mich noch an die Zeit, als 99 Frauen und ein Mann Kunstgeschichte studierten. Dieser schaffte es dann auf den Chefsessel – die Frauen gingen leer aus.

Nervt Sie die Gender-Diskussion?

Was am Ende zählt, sind die Leistung und das Resultat. Trotzdem werden Frauen und Männer auf dem Weg dahin noch immer unterschiedlich beurteilt. Fragt man einen Mann, wie er es schafft, Beruf und Familie zu vereinbaren? Ich denke nicht. Diese Stereotype halten sich noch immer viel zu hartnäckig.

Welches sind Ihre Stärken und Schwächen?

Ich bin eine gute Zuhörerin, pflege einen gemeinschaftlichen Führungsstil. Aufgaben gehe ich neugierig und offen an. Eine Schwäche ist mein Terminkalender: Er ist einfach immer zu voll.

Mit welchen Herausforderungen kämpfen Sie?

Erst kam Corona, dann der Ukraine-Krieg. Und jetzt macht uns die Energiekrise zu schaffen. Wir haben sofort Programme für ukrainische Flüchtlinge entwickelt. Bei den Energiekosten hinterfragen wir alle Prozesse und Risiken, vor allem der Sicherheitsaspekt ist ein wichtiger Punkt. Mein Highlight sind die Feste, die man fast wöchentlich erlebt, wenn man etwas eröffnet und ankauft. Oder das Glücksgefühl, wenn es einen Fortschritt in Sachen Provenienz gibt.

Was ist für Sie gute Kunst?

Gute Kunst bringt ihre eigene Zeit auf den Punkt. Punkt!

Was macht den Zauber des Kunstmuseums aus?

Wir liegen an der Hodlerstrasse in der Berner Altstadt und gehören zu den ältesten Kunstmuseen der Schweiz. Gleichzeitig sind wir eine der ersten Institutionen, die sich um globale Gegenwartskunst kümmern, von Afrika, Indien, Südamerika bis Japan. Der Raum wird eng. Bald gibt es einen Ersatzneubau. Der Architektur-Wettbewerb trägt den Titel «Zukunft Kunstmuseum Bern.»».

Der spannendste Ausstellungsraum?

Eine raffinierte Spezialität und schweizweit einmalig ist der mobile Adolf-Wölfli-Saal. Wir präsentieren eine Auswahl seiner 25 000 Werke, die in unserem Fundus lagern, immer in einem anderen Raum.

Wie locken Sie junge Menschen ins Museum?

Erste Schritte ins Museum sind immer prägend. Wir bieten sogar Programme für Einjährige an! Am allerschwersten ist es, Teenager ins Museum zu bekommen.

Stichwort Cornelius Gurlitt: War die Schenkung fürs Haus und für Sie Fluch oder Segen?

Ich habe mich beworben mit dem Wissen, dass das Museum diese Erbschaft annimmt. Wir haben viel auf die Beine stellen können. Die Geschichte um seinen Nachlass ist absolut einmalig.

Was geben Sie Ihrer Kollegin Ann Demeester mit auf den Weg?

Ann braucht keinen Tipp von mir. Weil sie selber eine umfassende Profikollegin ist, sehr viel Erfahrung mitbringt und in der Museumswelt zu Hause ist. Vielleicht bloss dies: im ersten Jahr immer mal durchschnaufen!

Aktuelle Ausstellung «Gurlitt. Eine Bilanz» (bis 15. Januar 2023)

Nadine Wietlisbach Direktorin Fotomuseum Winterthur

Im Farbarchiv lagern Fotoschätze, zum Beispiel Werkserien von Superstar Nan Goldin. Die Temperatur beträgt knapp 14 Grad.

Geri Born
Nadine Wietlisbach, 40, Fotomuseum Winterthur, 25 Mitarbeitende: «Es braucht ein wenig Furchtlosigkeit»

Nadine Wietlisbach, Sie sind seit 2018 im Amt und die erste Frau seit der Gründung des Fotomuseums vor fast 30 Jahren. Ein Grund zum Feiern?

Ich habe mich natürlich sehr darüber gefreut, es war schliesslich ein langer Weg. Ich war seit je sehr neugierig unterwegs und habe selten Nein gesagt. Es braucht schon ein wenig Furchtlosigkeit.

Ihr Werdegang ist in der Tat bemerkenswert.

Während meiner Lehre als Innendekorateurin und Bodenlegerin verliebte ich mich in einer Wohnung am Zürichberg in ein Bild an der Wand. Ich absolvierte danach die Berufsmatura und studierte in Luzern, Wien und Zürich Design, Publizistik und Kulturwissenschaft und kuratierte erste Ausstellungen.

Wie führen Sie Ihr Team?

Ich denke, ich kann gut zuhören und bin eher energisch. Museumsarbeit ist Teamarbeit, wir entwickeln das Museum gemeinsam weiter. Der Job ist abwechslungsreich und herausfordernd. Dazu gehört die Beschaffung der finanziellen Mittel, wir haben einen aussergewöhnlich hohen Eigenfinanzierungsgrad.

Welches ist der aufregendste Ort im Museum?

Die Depoträume. Im Farb- und in Schwarz-Weiss-Raum lagert die Fotogeschichte des Fotomuseums ab den 1960er-Jahren. Insgesamt sind es rund 6000 Werke. Darunter finden sich viele bekannte Namen wie Nan Goldin, Robert Frank, Dayanita Singh.

Ist die Geschlechterfrage ein Thema?

Seit 2018 präsentieren wir ausschliesslich Einzelausstellungen von Fotografinnen. Hinter diesem kuratorischen Entscheid stehen wir. Und er stösst auch beim Publikum auf grosses Interesse.

Ist das nicht ein wenig ungerecht?

Klar. Aber: Es geht darum, neue Möglichkeiten zu schaffen, die in den meisten Museen nicht vorhanden waren. Wir sind noch nicht dort, wo wir sein sollten.

Ihr Geheimnis für erfolgreiche Ausstellungen?

Das Jahresprogramm soll wie ein gutes Menü munden: Es braucht etwas Scharfes, etwas Süsses, etwas Saures und etwas, das alle mögen. Und dazwischen viele spannende Momente, die überraschen.

Wie gehen Sie mit der Handy-Bilderflut um?

Mich interessiert, wie Instagram und Tiktok funktionieren, was die Menschen beschäftigt, die sich auf diesen Plattformen bewegen. Aber ich überlege mir auch, welche Gefahren die Informationsmenge für mich und die Gesellschaft mit sich bringt. Das Medium Fotografie hat grossen Einfluss auf unseren Alltag. Fotografie geht weiter als Kunst. Zum Entspannen lese ich übrigens Bücher – aber nicht auf dem Tablet.

Haben Sie ein Motto?

Es ist gut, das Herz in Winterthur zu haben und den Kopf draussen in der Welt.

Aktuelle Ausstellungen «Wahlfamilie» (bis 16. Oktober 2022), «Jean Painlevé» (bis 12. Februar 2023)

Von Caroline Micaela Hauger am 8. Oktober 2022 - 16:52 Uhr