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Die Kamera als Auge

Lebenswerk eines Lebemannes

Voodoo, Mafia, Kinderprostitution: Alberto Venzago gehört zu den bedeutendsten Schweizer Reportage-Fotografen. Im Museum für Gestaltung in Zürich stellt er 450 Zeitdokumente aus. Der 71-Jährige kennt keine Tabus, ist neugierig, sensibel, cool. Und noch immer hungrig nach guten Bildern und Geschichten.

Alberto Venzago, Fotograf 2021

Alberto Venzago mit Muse und Lebenspartnerin Julia Fokina in ihrer Wohnung im Gaswerk in Schlieren. Der Abenteurer sagt: «Sie hat mich gezähmt.»

Geri Born

Es gibt Geschichten, die gibts gar nicht. Es sei denn, man erlebt sie. Darin ist Alberto Venzago Weltmeister. An Weihnachten 1984 trifft er Andy Warhol in dessen Factory in New York. Warhol ist schon damals ein internationaler Superstar in der Kunstwelt und nimmt sich 15 Minuten Zeit für den Zürcher Fotografen, der sich einfach nicht abwimmeln liess. Man verbringt den ganzen Nachmittag zusammen. «Andy schenkte mir zum Abschied einen Print, den er mit meinem Namen signierte», erinnert sich Venzago. Er muss heute noch schmunzeln. «Überglücklich stieg ich ins Taxi und liess den Schatz vor lauter Aufregung auf der Rückbank des Yello Cab liegen. Hoffentlich hiess der Taxifahrer auch Alberto.»

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Alberto Venzago, Fotograf 2021

Ikonen-bild. Venzago Trifft den «King of Pop Art» 1984. Warhol posiert für ihn in seinem Studio in New York.

 

Alberto Venzago

Die Momentaufnahmen vom Pop-Art-Künstler, der mit roter Brille und intensivem Blick in seinem Studio posiert, sind Ikonen-Bilder. Andy Warhol, Keith Haring, Cecilia Bartoli, Wim Wenders, Lewis Hamilton, Tina Turner – Alberto Venzago hatte in seiner 50-jährigen Laufbahn die virtuosesten Persönlichkeiten vor der Linse. An Mick Jagger erinnert er sich besonders gern. In seinem Loft im Gaswerk in Schlieren präsentiert er eine XXL-Fotografie, die frisch aus dem Drucker stammt. Mick Jagger, der Hohepriester der Rockstars, in sexueller Ekstase und mit dem diabolischen Grinsen eines Ausserirdischen. Auf seinem Vorderzahn glänzt ein Diamant. Die Bilder nehmen uns durch ihre Präsenz gefangen und sind mit rund 450 anderen Zeitdokumenten ab 9. Juli im Museum für Gestaltung Zürich zu sehen. «1982 begleitete ich die Stones auf ihrer Tournee. Ich war so nahe an Mick dran, dass ich dachte, gleich schlägt er mir die Kamera aus der Hand. Dabei hatte er mich nicht einmal bemerkt.» Venzago versucht, den Menschen eine nicht mit Worten erklärbare Tiefe zu geben und ihnen nahezukommen: «Es sind genau jene Momente, die das einmalige Bild ausmachen.»

 

Alberto Venzago, Fotograf 2021

Mick Jagger hautnah! Die Serie machte Alberto Venzago unsterblich. Die Prints für die Retrospektive in Zürich druckt er in seinem Loft im Gaswerk Schlieren.

Geri Born

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, ist ihm oft gelungen. Vielleicht ist er aber auch nur neugieriger als andere, angefressener, überzeugender, verbissener, frecher, lockerer, charmanter. Dass Venzago seine Sache gut macht, die Zusammenarbeit mit ihm angenehm ist, spricht sich rasch herum. Dabei verdankt er seine Karriere eigentlich einem Unfall. Alberto wird in eine musikalische Familie hineingeboren, spielt brillant Klarinette. Auch Vater und Bruder sind Musiker, der Werdegang vorgezeichnet. Nach einem schweren Motorradunglück kann er den Arm nicht mehr benutzen. «Ich musste umdenken, eine neue Vision meiner Zukunft erschaffen.» Er wird zum Abenteurer, die Leica M6 zum verlängerten Arm. Exzessiv bereist er Kontinente, ist Jahrzehnte nirgends angemeldet, taucht in dunkle Welten und menschliche Abgründe ein. Berichtet mit Bildern, die bewegen, über die japanische Yakuza-Mafia, Menschenfresser und Kinderprostitution in Manila.

Alberto Venzago, Fotograf 2021

Angst, Verzweiflung, Trauer, Wut. Reportage über Kinderprostitution in der philippinischen Hauptstadt Manila.

 

Alberto Venzago

«Bei dieser Reportage fiel es mir immer besonders schwer, die Grenze des Beobachters nicht zu überschreiten. Ich sah die Freier und die Mädchen und wusste in meinem Herzen, dass man die Kerle abknallen müsste, weil sie Kinderseelen zerstören. Doch nur meine Kamera machte klick.» Geheimnisvolle Orte und Gemeinschaften wie die der Vodoo-Geisterheiler in Westafrika ziehen Venzago fast magisch an. «Das ist kein fauler Zauber», ist der Geschichtenerzähler überzeugt. «Eines Tages erhielt ich einen Fax, mein Vater habe einen Hirnschlag erlitten und läge im Sterben. Der Oberpriester des Dorfes meinte, er werde sich darum kümmern. Eine Nacht lang wurden Ziegen und Hühner geopfert. Am nächsten Morgen erhob sich mein Vater in der fernen Schweiz wieder vom Krankenbett – und war geheilt.»

Alberto Venzago, Fotograf 2021

Venzago lebte fünf Jahre in Tokyo, dokumentierte das Leben und die Bräuche der japanischen Mafia. Das war zuvor niemandem gelungen! 

Alberto Venzago

Venzagos Geheimnis? «Wenn man etwas von den Menschen will, darf man kein grosses Ego haben, muss sich zurücknehmen und trotzdem authentisch bleiben.» Diese Aura von Coolness ist typisch für ihn. Ob Porsche vor der Tür, beneidenswert tolle Wohnung oder Krönung seines Lebenswerks in einem der angesagtesten Museen der Schweiz – nichts wirkt aufgesetzt oder überheblich bei diesem Kerl, der gern ein «Big Smile» auf den Lippen trägt. Auch wenn die Aufnahmen des Magnum-Fotografen in der «Sunday Times» und Magazinen wie «Life», «Stern» und «Geo» erscheinen, schüttelt er Starallüren gekonnt ab.

Alberto Venzago, Fotograf 2021

Profi durch und durch: «Ich sehe mich als Geschichtenerzähler, ein Bild allein funktioniert für mich weniger.»

 

Geri Born

Er drehte einen preisgekrönten Film über seinen Bruder Mario Venzago, der Dirigent ist, spannte mit Regie-Genie Wim Wenders zusammen («Invisibles»), gewann den Robert-Capa-Preis. Und so dreht sich das Leben des Bilderzauberers filmreif weiter. Seit zehn Jahren ist der Vater einer Tochter mit Julia Fokina, 50, liiert. Sie ist Mutter von drei Mädchen aus einer früheren Beziehung. Ihre 23-jährige Tochter Vivienne Rohner startet gerade international als Model durch. Man ahnt es schon: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm in dieser kreativen Patchworkfamilie. Hingucker sind auch die Erotik-Inszenierungen des Paars, zu entdecken im Bildband «One – Seduced by the Darkness». Die sexy Fotos treiben manchem Betrachter die Schamröte ins Gesicht. Kein Wunder, reizt Venzago das Thema. Sein erster grosser Auftraggeber war der «Playboy».

Gleich vier Auftritte krönen diesen Sommer sein Lebenswerk. Die Star-Porträts sind Thema im aktuellen «Du Magazin». Autor Matthias Ackeret widmete ihm den Roman «SMS an Augusto Venzini» (Münster Verlag). Mit Partnerin Julia Fokina produziert Venzago den Erotik-Band «One – Seduced by the Darkness». Und zur Retrospektive im Museum für Gestaltung in Zürich erscheint bei Steidl/Diogenes ein Katalog mit Bildern aus fünf Jahrzehnten. Ausstellung «Taking Pictures, Making Pictures», bis 2. Januar 2022, www.museum-gestaltung.ch

 

Alberto Venzago, Fotograf 2021

Die Braut, die sich was traut. Alberto Venzago und Julia Fokina (sie ist Indian-Fahrerin) vor dem Museum für Gestaltung in Zürich. 

Geri Born
Von Caroline Micaela Hauger am 10. Juli 2021 - 15:01 Uhr
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