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100 Jahre «The Kid» von Charlie Chaplin

Mein Vater, Charlie Chaplin

Sein Humor und seine Filme berühren bis heute die Herzen. Charlie Chaplins Film The Kid wird dieses Jahr 100 Jahre alt. 1952 zügelte der weltbekannte Schauspieler und Regisseur an den Genfersee. Sein Sohn Eugene Chaplin wurde im Jahr darauf in Vevey geboren und erinnert sich an seine fabelhafte Kindheit im fröhlichen Elternhaus.

Eugene Chaplin, Sohn von Charlie Chaplin, Elternhauses in Corsier-sur-Vevey 2022, SI 07/2022
Eugene Chaplin ist seinem Vater aus dem Gesicht geschnitten. An diesem Schreibtisch feilte Charlie Chaplin an seinen Ideen und Drehbüchern. «Er liess sich von uns Kindern ungern stören.» Geri Born

Eugene Chaplin, 68, schreitet durch den Park des Manoir de Ban in Corsier- sur-Vevey. Vogelgezwitscher begleitet den bedächtigen Mann an diesem Morgen. In der Ferne ein sonores Brummen. Charlie Chaplins grosser Filmhit «Modern Times» lässt grüssen. «Als ich hier geboren wurde, gab es natürlich noch keine Autobahn, die an unserem Haus vorbeiführte.»

Eugene ist das fünfte Kind von Oona und Charlie Chaplin. Mit sieben Geschwistern tollte er im 14 Hektaren grossen Garten herum. Planschte im Swimmingpool, in dem sein Vater jeden Morgen um sieben seine Runden drehte. Spielte in der historischen Villa aus dem Jahr 1840 Verstecken. Aus dem Anwesen wurde das Museum Chaplin’s World: das einzige Museum weltweit, das dem genialen Komödianten gewidmet ist

Eugene Chaplin, Sohn von Charlie Chaplin, Elternhauses in Corsier-sur-Vevey 2022, SI 07/2022

Eugene Chaplin vor der Villa in Vevey, wo er geboren wurde. «Unser Heim war ein Ort der Freude und des Vergnügens.» 13 Hausangestellte kümmerten sich um das Wohl der Grossfamilie.

Geri Born

Schnurrbart, Melone, Bambusstock, Schlabberhose, übergrosse Schuhe, Watschelgang: Charlie Chaplin (1889–1977) brachte mit seinen rund 80 Filmen Millionen Menschen zum Lachen. Fast alles im Haus wurde so belassen, als hätte der Hausherr nur kurz einen Spaziergang gemacht. «Jedes Mal, wenn ich diesen Ort betrete, überkommt mich ein Gefühl von Dankbarkeit und Geborgenheit. Der Geist meines Vaters ist für mich noch immer spürbar.» Wie löst man sich aus dem Schatten eines so berühmten Vaters? Vielleicht gar nicht. Vielleicht, indem man einfach seinen eigenen Weg geht. «Ich begriff früh, wie unendlich hoch diese Messlatte war und dass ich nie wirklich ein guter Schauspieler werden würde», erinnert sich Eugene Chaplin.

Stattdessen wurde er Tontechniker, arbeitete mit David Bowie, Queen und den Rolling Stones in den Mountain Studios in Vevey zusammen. Seine Leidenschaft für Musik ist vererbt. «Es war toll, meinem Vater im Salon beim Komponieren zuzuhören. Er war der Erste, der Filme vertonte. Sein Lebensmotto lautete: Wenn du willst, dass etwas klappt, dann mach es selber.» Erinnerungsfotos schmücken den Flügel. Noten, Füllfederhalter, Zeitschriften, Bilderrahmen – alles ist festgeklebt. «Damit Langfinger, die durchs Museum schlendern, keine Souvenirs mitnehmen.»

Eugene Chaplin, Sohn von Charlie Chaplin, Elternhauses in Corsier-sur-Vevey 2022, SI 07/2022

Chaplin als Wachsfigur. Aus der Familienvilla wurde das Museum Chaplin’s World. Für Eugene ist jeder Winkel voller Emotionen.

Geri Born

Eugene lacht und nimmt am Schreibtisch seines Vaters in der Bibliothek Platz, lässt seinen Blick durch den Raum schweifen. Das Ambiente strahlt Wärme und Eleganz aus. Dabei war die Kindheit seines Vaters von bitterer Armut geprägt. Charlie Chaplin wuchs in London als Sohn eines Taugenichts und einer psychisch kranken Mutter auf.

«Das machte ihn zu einer Art Perfektionisten. Er wollte, dass wir gute Schüler werden, aber ich mochte die Schule überhaupt nicht. Brachte ich schlechte Noten nach Hause, konnte er bitterböse werden. Er legte auch Wert auf gute Manieren. Wollten wir vom Tisch aufstehen, mussten wir höflich fragen.» Charlie Chaplin liebte Kinder. Und junge Frauen. Mit Oona O’Neill ging er seine vierte Ehe ein (sie war 18, er 54) und wurde zum elften Mal Vater. Ihre Familie verstiess sie danach.

Eugene Chaplin, Sohn von Charlie Chaplin, Elternhauses in Corsier-sur-Vevey 2022, SI 07/2022

Klein Eugene, umarmt von seinem Vater Charlie Chaplin und zwei seiner sieben Geschwister im Garten des Manoir de Ban in Vevey VD.

Geri Born

«The Great Dictator» war Chaplins berühmtester Film. Darin stellte er das Naziregime als Satire und Adolf Hitler mit sich selbst in der Hauptrolle als boshaften Trottel dar. Seine unverblümte, aber auch verstörend einfühlsame Art provozierte. Er erhielt Todesdrohungen, wurde als Kommunist beschimpft. Eugene Chaplin entrüstet sich noch heute: «Dabei war mein Vater durch und durch Humanist. Als sein Visum für die USA nicht verlängert wurde, setzte meine Mutter Druck auf. Sie war mit mir schwanger, wollte rasch einen neuen Wohnsitz finden. Mein Vater veräusserte seine Filmstudios in Hollywood und kaufte 1952 dieses Herrenhaus oberhalb von Vevey für 600'000 Schweizer Franken.»

Er könnte in der Schweiz nicht glücklicher sein, liess Charlie Chaplin gern verlauten: «Keine Erpressungen, kein Hass, keine Politik.» Obschon Workaholic, vernachlässigte er seine Familie nie. «Schliesse ich die Augen, sehe ich meine Eltern Händchen haltend durch den Garten schlendern. Meine bildhübsche Mutter Oona gab ihm die Gelassen-heit, um Neues zu erschaffen», erinnert sich Eugene, der selber Vater von sieben Kindern geworden ist. «Beide waren emotional aufs Engste verbunden und lachten viel. Ich hörte sie nie streiten.»

Eugene Chaplin, Sohn von Charlie Chaplin, Elternhauses in Corsier-sur-Vevey 2022, SI 07/2022

Die Familie liebte Filmabende mit ihren Kindern. Vor allem Eugenes Mutter war eine begnadete Filmerin und hielt die zahlreichen Momente mit der Kamera fest.

Geri Born

Man kaufte auf dem Markt von Vevey ein, genoss im Restaurant Auberge de l’Onde in Saint-Saphorin Froschschenkel und Hühnchen mit Estragon. Ging ins Kino Rex und verpasste keine Premiere des Circus Knie. «Mein Vater fand immer einen Grund zum Feiern. ‹Ich hatte heute einen ausgezeichne-ten Tag›, pflegte er zu sagen, verlangte Portwein, englischen Käse und sein Akkordeon. Darauf spielte er Lieder aus seiner Heimat. Wir Kinder sassen auf den Treppenstufen, sangen laut-hals mit und applaudierten wie wild.» 

Am 18. März eröffnet Eugene Chaplin nun die neue Sonderausstellung im Museum. Sie ist «The Kid» gewidmet, dem wohl persönlichster Film seines Vaters mit Kinderstar Jackie Coogan. Der Stummfilm ist herzzerreissend. Und hinterlässt ein verwirrendes Gefühl von Verlassensein, indem er das kleine Glück im Alltag thematisiert. 1921 feierte «The Kid» in New York Premiere, ein Jahr später eroberte der Film den Rest der Welt.

Eugene Chaplin, Sohn von Charlie Chaplin, Elternhauses in Corsier-sur-Vevey 2022, SI 07/2022

«Mein Vater starb an Weihnachten, sein Tod war für uns Kinder ein Schock.» Chaplin verschied 1977 in seinem Bett im ersten Stock.

Geri Born

Charlie Chaplin liebte das Leben und hasste Weihnachten. Am 25. Dezember 1977 schlief er friedlich in seinem Bett im ersten Stock ein, für immer. «Es war die perfekte Rache – jede künftige Weihnacht wurde für uns Kinder zum Gedenktag.» Der Leinwandmagier hingegen sah in der Einsamkeit des Alters nichts Tragisches. Kurz vor seinem Tod schrieb der 88-Jährige folgende Zeilen ins Tagebuch: «Ich gehe, wohin mich der Wind trägt, und würde kein Quäntchen von dem ändern, was mir das Leben beschert hat.»

Sonderausstellung «The Kid», Eröffnung 16. März im Museum «Chaplins's World», mit grossem Zirkus in den Osterferien, www.chaplinsworld.com

 

Text: Caroline Micaela Hauger am 21. Februar 2022 - 08:53 Uhr