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Er will auch mit 40 weitermachen

Setzt Roger Federer seinen Status aufs Spiel?

Er verspricht, 2021 noch zu spielen: Wird die Sportwelt dieselbe sein, wenn Roger Federer zurückkehrt? Und setzt er dann, mit 40 Jahren, seinen Status aufs Spiel? Eine Analyse.

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Tennisstar Roger Federer denkt noch nicht ans Aufhören.

Mikel Olaizola für L'Equipe Sport&Style

In welcher Liga der Prominenz spielt Roger Federer? Wer kein Einsiedler-Dasein fristet, weiss das. Ansonsten hilft ein Blick auf das Netzwerk Instagram. Dort präsentiert der Star ein Kunststück mit Schläger und Ball und fordert 35 Menschen auf, es ihm gleichzutun. Seine Adressaten sind auserlesen: Leo Messi, Cristiano Ronaldo, Bill Gates, Chris Hemsworth, Coldplay und – ganz nebenbei – @kensingtonroyal. Die Nomination von Prinz William und Herzogin Kate für eine Tennis-Challenge würde bei den meisten Menschen etwas dreist wirken. Aber wer das Paar zu seinem Freundeskreis zählt und im Kensington-Palast mitsamt Familie auch schon zu Kaffee und Kuchen eingeladen wurde, kann sich das leisten.

Der Tennisstar ist derzeit omnipräsent. Wenn auch nicht auf dem Tennisplatz. Er spendet eine Million Franken für bedürftige Familien in der Corona-Krise, zeigt per Video, wie er nach seiner Knie-Arthroskopie schon wieder Bälle hinter dem Rücken durchschlagen kann, oder lässt die Welt teilhaben, wie er neben seinem Haus in Valbella GR an einem kalten Aprilmorgen in die Gänge kommt. Elegant präsentiert er dabei auch seine On-Schuhe. An der Zürcher Firma ist er als Investor beteiligt. Federer – smart wie eh und je.

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Wimbledon-Final 2019: Leo, Lenny, Charlene und Myla mit Mutter Mirka und Grossmutter Lynette nach der Siegerehrung. 

Corbis via Getty Images

Es gäbe viele Gründe, nicht mehr zu spielen

Während er in diesen Zeiten den einen oder anderen Vorteil gegenüber Normalsterblichen hat – er kennt sich beispielsweise mit Homeschooling aus –, ist auch in seiner Welt fast nichts normal. Der Profisport steht vor gewaltigen finanziellen Problemen. Planbar ist derzeit kaum etwas. Die Olympischen Spiele? Abgesagt. Wimbledon? Abgesagt. Die US Open in New York? Kaum vorstellbar, dass sie stattfinden. Roland Garros? Auf den Herbst verschoben. Und weil die Macher des Grand-Slam-Turniers sich die Freiheit nehmen, den Event von Mai auf Ende September zu legen, kommt auch Federer unter Druck. Denn seine Agentur Team8 organisiert exakt dann den Laver Cup mit. Der Wettkampf zwischen «Team Europa» und «Team Welt» ist eine Erfolgsgeschichte, war bei den ersten drei Austragungen ausverkauft. Falls Ende September tatsächlich an Tennis mit Publikum zu denken ist, muss sich Federer etwas überlegen. Denn die Stars spielen zweifellos am prestigeträchtigen Pflichttermin in Paris. Im ganzen Chaos ist sich jeder selber der Nächste. Und es wird mit harten Bandagen gekämpft.

Während der Ungewissheit, wann die Welt wieder in den normalen Modus zurückwechselt, hat der Superstar versichert, 2021 in Wimbledon antreten zu wollen. «Ich kann es kaum erwarten, nächstes Jahr zurückzukommen!», schreibt er. Rund einen Monat bevor er am 8. August 2021 seinen 40. Geburtstag feiert, will er um einen neunten Wimbledon-Titel kämpfen. Dies, nachdem er in Melbourne noch erklärte: «Ich weiss nicht, ob ich zurückkomme. Vor allem in meinem Alter. Es hängt auch von der Familie ab.» Seine Zwillingstöchter Myla und Charlene werden im Juli elf, die Zwillingssöhne Leo und Lenny feiern im Mai schon den sechsten Geburtstag. Längst reisen sie nicht mehr zu allen Anlässen mit. Es gäbe viele Gründe, nicht mehr zu spielen. Aber Federer fühlt sich dem Sport nicht nur verpflichtet – er liebt ihn auch und hat Lust auf mehr. Spielt er Wimbledon 2021, tritt er zwei Monate später auch bei den US Open an. Dann sehen die New Yorker Federers ganz eigene Ü40-Party.

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Roger Federer läuft 2018 durch den Tunnel in die Halle von Paris-Bercy.

Getty Images

«Surreal, heute an Wimbledon 2021 zu denken»

Aber wie wird es sein, wenn der Profisport wieder startet und Federer zum Racket greift? Die Frage stellt sich auch Heinz Günthardt, einst Wimbledon- und French-Open-Sieger im Doppel, Coach von Steffi Graf, heute Chefberater von Swiss Tennis und SRF-Experte. «Es ist surreal, heute an Wimbledon 2021 zu denken», sagt er. «Ich habe mir eher überlegt, was passiert, wenn die Türen wieder aufgehen. Die Leute hatten sehr viel Zeit zu überlegen, was sie brauchen und was nicht.» Ob Grossanlässe gleich wieder dazuzählen? «Wir gewöhnen uns gerade ans Distanzhalten. Wenn das ein paar Monate anhält, wird es eigenartig sein, sich unter die Masse zu mischen. Die Angst ist da. Die Masse ist aber die Basis des Profisports.»

Alleine die zwei Wochen bei den US Open ziehen jeweils eine Dreiviertelmillion Menschen an. Der Zürcher bezweifelt deshalb, dass 2020 noch viel Tennis zu sehen sein wird. «Ich bin skeptisch, dass die US Open und die French Open im normalen Rahmen stattfinden. Gut möglich, dass die Diskussion müssig ist, wie sich Roland Garros und Federers Laver Cup nun konkurrenzieren. Ich kann mir weder vorstellen, dass im September Zehntausende in Paris Tennis schauen dürfen, noch dass zur selben Zeit die Massen zum Laver Cup in Boston pilgern. In eine Halle. Man muss sich das einmal vorstellen.»

Wie sehr wird die Krankheit die Gesellschaft verändern? Und unsere Lust auf grosse Happenings? Auf Konzerte, Spiele? Die Lust auf die Emotionen und die Nähe in einer pulsierenden Zuschauermasse? Wird alles nur auf Eis gelegt, bis die Medizin Lösungen gefunden hat? Und gehen die Menschen danach einfach zur Tagesordnung über? Schwer vorstellbar.

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Physisch top: Federer auf schnellen Beinen unterwegs beim Wimbledon-Final 2019 gegen Djokovic.

Getty Images

«Ich werde sicher nicht auf Platz 7 abtreten»

Natürlich gibt es wichtigere Probleme als die Durchführbarkeit von Sportanlässen. In Federers Welt aber läuft die Zeit für die grössten Siege langsam ab. 2021 könnte noch einmal ein gutes Jahr sein, um ernsthaft um einen Grand-Slam-Titel zu kämpfen. Es ist anzunehmen, dass Federer nur spielt, solange er sich Chancen auf die Hauptpreise ausrechnet. Dort führt er derzeit noch mit 20 Titeln, vor Rafael Nadal mit 19 und Novak Djokovic mit 17. Vor Jahren sagte er einmal in einem Interview: «Weisst du, ich werde sicher nicht auf Platz 7 abtreten, während irgendein Zuschauer mit einem Kaffeebecher in der Hand am Zaun vorbeiläuft.» Ohne Zweifel wird ihm das nicht passieren. Selbst wenn er pausenlos verlieren würde, spielte er immer auf den grössten Plätzen. Ohnehin kann er wie kein Zweiter einschätzen, was noch möglich ist. «Ich finde es beeindruckend, dass er jetzt schon mitteilt, er spiele 2021 in Wimbledon», sagt Günthardt. «Dass er mehr als ein Jahr im Voraus keinen Zweifel hat, dass er dann fit ist und das Turnier gewinnen kann. Das zeigt auch, wie sehr er das Tennis liebt.»

«Es ist falsch, dass man im Erfolg abtreten muss»

Er glaubt nicht, dass Federer einen Masterplan für eine Abschiedstournee hat. «Es ist kaum so, dass er sich auf ein Rücktrittsjahr festlegt. Er wird es spüren. Wenn er hinausläuft und merkt: Eigentlich will ich nicht auf den Platz. Wenn dir das zwei-, dreimal passiert, dann weisst du, dass das Feuer erloschen ist.» Wie gut man im gesetzten Sportler-Alter noch spielen kann, hat Federer bewiesen. Interessant ist auch, dass von einigen Legenden nicht die grössten Siege in Erinnerung bleiben, sondern die Emotionen, die sie am Ende ihrer Karriere entfachten. Als der Amerikaner Jimmy Connors 1991 mit 39 Jahren nochmals in die Halbfinals der US Open stürmt und dabei im Jubel mit den Fäusten wirbelt, als schwinge er ein Lasso, liegt ihm ein ganzes Land zu Füssen. Ein amerikanischer Kommentator sagte: «Wenn du wüsstest, dass du dieses Gefühl mit einem Ticket kaufen kannst, würdest du jeden Preis bezahlen.» Auch Heinz Günthardt wünscht Federer, dass er spielt, solange er Lust verspürt. «Wenn er mit 43 Jahren in der ersten Runde von Wimbledon einen Nobody in fünf Sätzen bezwingt, liegt das Stadion flach. Dann drehen alle komplett durch.»

Dass man als erfolgreichster Spieler der Geschichte den Zeitpunkt für den Rücktritt verpassen kann, glaubt er nicht. «Es ist falsch, dass man im Erfolg abtreten muss. Es ist völlig egal. Haben Sie das Gefühl, Rod Laver habe auf dem Höhepunkt aufgehört? Der spielte noch, als ich schon spielte. Bescheiden erfolgreich. Ken Rosewall auch. Wissen Sie, warum? Weil diese Boys einfach gerne Tennis gespielt haben. Wir fanden es grossartig. Und es hat ihren Status in keiner Weise beeinflusst.» Man könne nur zu früh gehen. Wie Björn Borg, der 1991, acht Jahre nach seinem Rücktritt, in Monte Carlo ein Comeback gab. Mit Holzracket und Stirnband. Ein Mann, wie aus der Zeit gefallen. Der zurückkam, um ein Gefühl zu suchen. Vielleicht sollten sich grosse Athleten darum eher an Connors halten. Der sagte rückblickend: «Es waren die besten elf Monate meines Lebens!» Gut möglich, dass diese auch Federer noch bevorstehen.

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Stammbach feiert mit Roger Federer und Stan Wawrinka 2014 den Sieg im Davis-Cup-Final gegen Frankreich.

Freshfocus

René Stammach, Präsident von Swiss Tennis: «Es ist ein Drama!»

René Stammbach, atmen Sie auf, weil Roger Federer dem Welttennis auch 2021 erhalten bleibt?
René Stammbach: Es ist sensationell! Keine Frage, was Roger Federer fürs Tennis bedeutet. Es geht um die Moral. Dass die Leute Federer noch ein Jahr länger sehen können. Das gibt Mut.

War es nicht Federers Plan, nach einem schönen Olympia-Jahr aufzuhören?
Ich habe keinen blassen Schimmer. Aber ich sage: Solange einer die Nummer 4 der Welt ist und bei grossen Turnieren in die Halbfinals vorstösst, stellt sich die Frage nach einem Rücktritt für mich nicht.

Andere Tennisprofis fürchten derzeit um ihre Existenz, weil keine Turniere stattfinden. Beschäftigt Sie das?
Es ist ein Drama! Damit setzen wir uns täglich auseinander. Es trifft alle hart, auch die vielen Tennislehrer und Coaches. Ich kenne die Probleme der Spieler, die zwischen Rang 200 und 1000 der Weltrangliste liegen. Wie der Schaffhauser Sandro Ehrat, Nummer 393 der Welt. Für ihn ist es schwierig, weiterhin aufs Tennis zu setzen. Zu warten, bis der Tenniszirkus wieder losgeht, ist ein Risiko.

Vom wirtschaftlichen Standpunkt her müssen Sie hoffen, dass die US Open und die French Open dieses Jahr stattfinden. Aber sind Events dieser Grösse mit Hunderttausenden von Zuschauern zu verantworten?
Ich bin weder Arzt noch Virologe und kann das nicht beurteilen. Nicht einmal die Experten können sagen, was dieses Jahr noch geht. Was sicher ist: Garantiert wird es kein Grand-Slam-Turnier geben, wenn die Leute gefährdet sind.

Wegen des Coronavirus wurde Roland Garros auf Ende September verschoben und steht damit in Konkurrenz zu Roger Federers Laver Cup. Ist dies das Recht des Stärkeren?
Meine Meinung zum Laver Cup ist klar. Ich habe nichts gegen das Format, ich war bei den ersten beiden Austragungen dabei. Es ist spannend und interessant. Jedes Format, das bei diesen Preisen ausverkauft ist, verdient seinen Platz im Kalender. Aber weil es Exhibition-Charakter hat, gehört es zu Saisonende terminiert.

Der Ryder Cup im Golf ist vom Modus her fast identisch und geniesst höchstes Prestige. Niemand würde behaupten, das sei ein Schaukampf.
Das stimmt wohl. Prestige hat auch mit Tradition zu tun. Den Ryder Cup gibt es seit 1927. Der Davis Cup wird seit 1900 ausgetragen. Der Laver Cup fand gerade erst zum dritten Mal statt.

Federer ist so in der Zwickmühle.
Das sehe ich anders: Der Platz für Exhibitions ist im November und Dezember.

Was ist Ihre grösste Sorge?
Dass wir erst 2021 wieder werden spielen können. Es stehen weltweit viele Arbeitsplätze auf dem Spiel. Wir hoffen, dass wir irgendwann im Sommer – zumindest in der Schweiz – das Racket schwingen können.

Die Welt ohne Sport ist langweiliger. Was tun Sie ohne Sport?
Pendenzen aufarbeiten. Normalerweise schaue ich relativ viel Sport. Aber ich kann nicht sagen, dass mein Leben ohne Sport zusammenbricht. Und wir reden ja nicht von lebenslänglichem Verzicht. Es gibt drängendere Probleme als ein Fussballspiel oder ein Tennismatch.

Von Christian Bürge am 18.04.2020
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