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FDP-Chef Thierry Burkart hatte selber Corona

«2G wäre für mich schwer akzeptierbar»

Er soll der FDP zu alter Stärke verhelfen. Im ersten Abstimmungskampf als Parteipräsident ruft Thierry Burkart zum Impfen auf – obwohl er die Impfoffensive des Bundes kritisiert. Wie er selber Corona erlebte und warum er Dates mit der Freundin planen muss.

Thierry Burkart, FDP-Präsident

Seit Anfang Oktober ist Thierry Burkart Präsident der FDP. Seit 2019 sitzt er für den Kanton Aargau im Ständerat.

Kurt Reichenbach

Mit zwei Minuten Verspätung tritt Thierry Burkart, 46, bestimmten Schrittes zur Tür des Medienzimmers im Bundeshaus herein – und zieht sofort seine Krawatte aus. «Im Ständerat ist die Krawatte Pflicht, für die nächsten Termine als Parteipräsident trete ich lieber etwas lockerer auf.»

Thierry Burkart, seit einem Monat sind Sie Parteipräsident der FDP. Sind Sie in Ihrer neuen Rolle angekommen?
Das ging wie der Blitz. Und ich finde je länger, je mehr Gefallen daran (lacht).

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Der langjährige FDP-Chef Franz Steinegger sagte, das Amt sei «einer der beschissensten Posten, den man haben kann».
Da widerspreche ich! Klar habe ich eine grosse Verantwortung und entscheide nicht mehr nur für mich, sondern in erster Linie für die Partei. Aber ich kann mitgestalten, Dinge in Bewegung setzen, Einfluss nehmen. Das ist spannend. Was stimmt: Das Amt ist sehr zeitintensiv.

Freie Wochenenden sind jetzt wohl passé …
Nein, ich habe mit meinen Vizepräsidenten vereinbart, dass ich ein Wochenende pro Monat freihabe. Was ich konsequenter machen muss, sind Freiräume einplanen. Bei einem Parteipräsidium gibt es zeitlich gegen oben keine Grenzen. Diese muss ich mir selber setzen. Wenn ich also am Samstagabend freihaben und mit meiner Partnerin essen gehen möchte, muss ich das im Voraus planen. Dasselbe gilt für Ferien.

Wie steht es um Ihren Schlaf?
Gut. Ich bin sowieso kein Langschläfer, sondern stehe sehr früh auf und lese alle Zeitungen. Das war aber schon immer so.

Sie haben Ihre Partnerin erwähnt: Bei unserem Besuch bei Ihnen zu Hause in Baden vor rund zweieinhalb Jahren waren Sie noch Single!
Stimmt. Janine und ich kamen vor eineinhalb Jahren zusammen. Wir kennen uns aber schon fast 20 Jahre. Natürlich ist mir wichtig, dass wir trotz meinem Amt genügend Zeit füreinander haben.

Und wie siehts mit Hobbys aus?
Der Sport kommt definitiv zu kurz. Immerhin machen wir, so oft es geht, am Wochenende zusammen mit dem Hund ausgedehnte Spaziergänge und Wanderungen.

Einen Hund? Den gabs damals auch nicht …
Genau, den hat Janine in die Beziehung gebracht. Baila ist eine Sennenhündin, die viel Auslauf braucht. Trotzdem überlege ich mir, ein Gerät fürs Hometraining anzuschaffen (schmunzelt).
 

Thierry Burkart, FDP-Präsident

Im Schuss: Als Parteipräsident müsse er lernen, sich selber zeitliche Grenzen zu setzen. «Sonst ist man rund um die Uhr dabei», sagt Thierry Burkart.

Kurt Reichenbach

«Im November vor einem Jahr hatte ich Corona»

Thierry Burkart

Die Erwartungen an Sie sind riesig: Sie sollen die FDP in Sachen Klima und Europapolitik einen und die Partei wieder zu alter Stärke führen. Wie gehen Sie mit diesem Druck um?
Ich bin mir der Verantwortung bewusst, denke aber nicht tagein und tagaus daran. Ich bin zum Glück nicht allein, habe ein tolles Team, das schnell eingespielt war. Und mit den Wahlsiegen im Kanton Freiburg legten wir einen tollen Start hin. Das motiviert.

Wir befinden uns mitten im Abstimmungskampf zum Covid-Gesetz. Die FDP hat erst letzte Woche zusammen mit den anderen grossen Parteien eine Pressekonferenz einberufen. Ist das nicht zu spät?
Die Gegner sind seit Wochen aktiv! Wir waren ebenfalls aktiv – in sozialen Medien, mit Leserbriefen und an Standaktionen. Dies zum einen, weil wir das Gefühl haben, dass die Meinungen grossteils schon gemacht sind. Es geht vor allem um die Mobilisierung. Zum anderen haben wir relativ wenig finanzielle Mittel. Deshalb der späte Auftritt – damit der Effekt bis zur Abstimmung nicht verpufft.

Wie viele Coronatests machten Sie in den letzten Monaten?
Unzählige! Als es das Zertifikat noch nicht gab, musste ich mich nur schon bei jedem Bundeshaustermin testen lassen.

Wie lange liegt Ihr letzter Test zurück?
Ein paar Tage. Ich bin etwas erkältet, da habe ich vorsichtshalber einen PCR-Test gemacht. Er war negativ.

War das mal anders?
Ja, im November vor einem Jahr hatte ich Corona. Meine Freundin – sie arbeitet als medizinische Praxisassistentin – hat damals den Test bei mir gemacht.

Wie hat sich die Krankheit bei Ihnen geäussert?
Ich hatte Kopfweh und war etwas müde. Aber ich habe von zu Hause aus gearbeitet.

Haben Sie sich danach geimpft?
Ja, und zwar doppelt. Um die Sicherheit zu erhöhen.

Spüren Sie heute noch Folgen der Erkrankung?
Nein, zum Glück nicht.

Thierry Burkart, FDP-Präsident

Thierry Burkart macht sich Sorgen um den Zusammenhalt der Schweiz.

Kurt Reichenbach

«Als Liberaler bin ich kein Freund von Einschränkungen»

Thierry Burkart

Unter den Gegnern des Covid-Gesetzes sind zunehmend Leute, die geimpft sind wie etwa Blochers jüngste Tochter Rahel. Ihr Argument: Jeder soll frei entscheiden, ob er sich impfen will oder nicht. Als Liberaler müssten Sie diese Haltung nachvollziehen!
Das tue ich. Wir sind ja auch gegen eine Impfpflicht.

Die Gegner sagen aber genau, dass das Zertifikat eine versteckte Impfpflicht ist.
Das stimmt eben nicht! Man kommt zum Zertifikat ja nicht nur mit Impfen, sondern auch mit einem Test oder wenn man genesen ist. Als Liberaler bin ich kein Freund von Einschränkungen. Aber wir befinden uns in einer Pandemie! Das Zertifikat ist da eine verhältnismässige Massnahme, die einem ein Stück Freiheit zurückgibt.

Mitte Oktober forderten Sie vom Bundesrat noch eine Ausstiegsperspektive. Und heute?
Diese fordere ich immer noch. Für die Bevölkerung ist es wichtig, endlich Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Gehen die Fallzahlen runter und besteht weiterhin keine Gefahr für die Kapazität der Intensivbetten, braucht es eine Lockerung der Massnahmen.

Zurzeit siehts leider nicht danach aus. Die Fälle haben sich innert Wochenfrist verdoppelt.
Ja, diese Entwicklung macht mir Sorgen. Sie zeigt, dass wir noch nicht dort sind, wo wir sein sollten. Umso wichtiger ist es darum, dass sich die Leute impfen lassen!

Österreich und Teile von Deutschland haben nun 2G eingeführt. In Restaurants etwa kommt man nur noch geimpft oder genesen. Der Bund schliesst 2G in Zukunft zumindest nicht aus.
Aus liberaler Sicht wäre 2G für mich nur schwer akzeptierbar. Allerdings befürchte ich, dass im Parlament eine Mehrheit für 2G sein wird, wenn die Impfzahlen nicht deutlich steigen.

Der Bund hat 96 Millionen Franken in die jüngste Impfoffensive mit zahlreichen Veranstaltungen wie etwa den Impfkonzerten gesteckt. Bisher läuft es eher harzig. Sind diese Kosten gerechtfertigt?
Ich sehe die Impfoffensive kritisch und finde auch, sie kommt viel zu spät. Weiter glaube ich nicht, dass Massnahmen zielführend sind. Auf der anderen Seite: Wenn es immer noch zu wenig Leute gibt, die sich impfen lassen, ist eine solche Offensive immer noch günstiger als ein weiterer Lockdown. Wir haben 30 Milliarden Covid-Schulden beim Bund – das ist über ein Drittel des jährlichen Bundeshaushalts! Einen weiteren Lockdown können wir uns schlicht nicht leisten.

Thierry Burkart, FDP-Präsident

Burkart ist im Sommer von der Stadt Baden ins 2500-Seelendorf Lengnau AG gezogen. 

Kurt Reichenbach

«Ich habe Freunde, die sich nicht impfen lassen wollen»

Thierry Burkart

Wie erleben Sie die Stimmung in Ihrem Umfeld?
Ich habe Freunde, die sich nicht impfen lassen wollen, und andere, die enge Angehörige an Corona verloren haben. Das zeigt die ganze Bandbreite im Land auf. Mit meinen Freunden kann ich aber immer vernünftig diskutieren.

Spaltet Corona unser Land?
Die Gehässigkeiten haben stark zugenommen, das spüre ich auch als Politiker. In der Schweiz haben wir keine geografischen Grenzen, keine gemeinsame Kultur. Was uns zusammenhält, ist der Wille, überhaupt ein Land zu bilden. Es tönt vielleicht altmodisch, aber wir sind eine Willensnation. Die Spannungen im Land gefährden unseren Zusammenhalt. Das beschäftigt mich. Dennoch bin ich überzeugt, dass die Leute auf den Strassen eine Minderheit sind – wenn auch eine laute.

Im Sommer sind Sie nach 20 Jahren in der Stadt Baden ins 2500-Seelen-Dorf Lengnau gezogen. Warum?
Meine Partnerin hat zwei schulpflichtige Kinder, die im gewohnten Umfeld bleiben sollten. Wir haben uns zusammen ein Haus gekauft. Es liegt an der Landwirtschaftsgrenze und hat einen Garten. Ich sehe mich immer noch als Badener – aber fühle mich auf dem Land sehr wohl.

Spüren Sie einen Stadt-Land-Graben, was Corona angeht?
Persönlich habe ich noch keine grossen Unterschiede gespürt – obwohl es diese sicher gibt. Man ist natürlich auf dem Land weniger mit dem Thema konfrontiert. Und das Schöne ist: In der Natur kann ich die Maske weglassen.

Von Jessica Pfister am 12. November 2021 - 09:00 Uhr
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