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  4. Abbruch des Lauwarm-Konzerts – Historikerin Jovita dos Santos Pinto: «Man pickt sich raus, was einem gefällt»

Kulturelle Aneignung

«Man pickt sich raus, was einem gefällt»

Die Zürcher Historikerin Jovita dos Santos Pinto findet, dass die Diskussion nach dem Abbruch des Lauwarm-Konzerts in die falsche Richtung geht. Wo es in der Schweiz kulturelle Aneignung gibt und wie man damit umgehen soll.

Jovita dos Santos Pinto

«Viele wünschen sich beim Thema Rassismus eine ganz einfache Anleitung»: Jovita dos Santos Pinto.

Geri Born

Die Rassismusexpertin Jovita dos Santos Pinto, 38, gibt gern Auskunft. Und betont, dass sie mit diesem Interview weder die Stimmung anheizen noch der Band Lauwarm Ratschläge geben möchte. Die Zürcherin wünscht sich nach Vorfällen wie dem in der Brasserie Lorraine eine andere Debatte. Doch beginnen wir am Anfang. 

Frau Pinto, was ist «kulturelle Aneignung»?
Kurz gesagt: Eine dominante Kultur übernimmt Elemente einer marginalisierten Kultur und schlägt daraus Profit. 

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Und etwas länger gesagt? 
Diesen Begriff versteht nur, wer versteht, dass die globalisierte Welt von Kolonialismus geprägt ist. Von Europa aus bereiste man die Welt mit der Vorstellung, Länder, Menschen, Pflanzen und Tiere besitzen und ausbeuten zu können. Wir reden heute über kulturelle Aneignung, weil es eine koloniale Expansion gab. 

Ein Grund des Konzertabbruchs in Bern war, dass zwei Mitglieder der Band Lauwarm Dreadlocks tragen. Was sagen Sie dazu?
Dreadlocks haben eine vielseitige Geschichte und entstanden an mehreren Orten auf der Welt. In antikolonialen Kämpfen in der Karibik waren sie ein Symbol des Widerstands der Schwarzen Bevölkerung gegen kolonialrassistische Strukturen. 

Wie kam das?
Die weisse Bevölkerung empfand Schwarze Körper und Haare als bedrohlich. Dreadlocks wurden zu einem körperlichen Zeichen gegen die massive und lebensbedrohliche Gewalt, denen ehemals versklavte und Schwarze Menschen ausgesetzt waren. 

Jovita dos Santos Pinto

Die Kulturwissenschaftlerin schreibt an der Uni Bern ihre Dissertation über «Postkoloniale Öffentlichkeit und Schwarze Frauen». Sie ist Mitgründerin von Bla*Sh, einem Netzwerk Schwarzer Frauen in der deutschsprachigen Schweiz.

Und wie kamen sie in die Schweiz? 
In den 1980er-Jahren nahmen Jugendbewegungen in Europa die Frisur auf. Mit ihr kann man eine Allianz herstellen zum Kampf der Schwarzen Bevölkerung. Doch für Menschen hier hat das nicht die gleichen gewaltvollen Folgen. 

Also biedert man sich damit an?
Nicht unbedingt – es war ja auch ein Zeichen dafür, dass man nicht einverstanden war, wie die Dinge liefen. Doch von Anfang an gab es auch eine Diskussion darüber, ob damit der Rassismus und die spezifische Gewalt gegen Schwarze Körper verharmlost werden.

Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Thema? 
Dort, wo ich aufgewachsen bin, trugen früher viele Schweizer Dreadlocks. 

Und das fanden Sie komisch? 
Ja, ich war ambivalent. Bei Schwarzen Menschen wird die Frisur und die spirituelle Dimension dahinter oft als verwerflich angesehen – bei Europäerinnen und Europäern ist sie dann plötzlich weltoffen, cool und sympathisch. 

Verstehen Sie, dass sich viele Leute über den Konzertabbruch aufregen? 
Ich sehe die Empörung als Folge davon, wie der Vorfall medial aufgegriffen und skandalisiert wurde. Kritik an Rassismus wurde lächerlich gemacht, und Fragen von Ungleichheit und Ausbeutung kamen gar nicht auf den Tisch.

Was meinen Sie?
Die Verhältnisse werden verkehrt dargestellt: Menschen mit Migrationsgeschichte sind in der Schweiz in unzähligen Bereichen benachteiligt. Im Wohn- und Arbeitsmarkt, in öffentlichen Institutionen oder in der Politik. Und wenn sie von ausserhalb von Europa kommen auch darin, ob sie hier überhaupt empfangen werden und wie. Stattdessen musste jetzt die Band herhalten, um weisse Menschen als Opfer von Rassismus darzustellen. 

«Wer sich dazu ­bekennt, dass ihm bei diesem Konzert unwohl war, kann fest damit rechnen, lächerlich gemacht zu werden.»

Jovita dos Santos Pinto

Wo gibt es in der Schweiz kulturelle Aneignung? 
Denken Sie an das Ende der 70er-Jahre: Da gab es eine kulturelle Öffnung. «Afrikanische Musik», «Sushi aus Japan», «Yoga aus Indien». Man wollte Dinge aus anderen, «exotischen» Ländern ausprobieren. Dabei haben aber im-mer kaufkräftige Schweizerinnen und Schweizer bestimmt, was Wert hat.

Und das ist verwerflich?
Ja, wenn wir zwar die Kultur wollen, aber die Menschen, die sie leben, nicht. Der afroamerikanische Autor Greg Tate hat es auf den Punkt gebracht: Wir übernehmen «everything but the burden». 

Das heisst?
Man pickt sich bei anderen Kulturen raus, was einem gefällt – auch wenn es erfunden ist. Doch die Geschichte der Unterdrückung und die Auseinandersetzung mit den Lebensumständen dieser Menschen lassen wir lieber weg. 

Moment! Was ist verkehrt daran, andere Kulturen kennenzulernen, fremde Länder bereisen zu wollen?
Reisen ist ein Privileg, das längst nicht alle haben.

Okay. 
Musikalische Ideen aus afrikanischen Ländern dürfen reisen – die Menschen dahinter nicht. Die Schweiz besuchen geht nur mit vielen Belegen über Einkommen, Absichten und Rückreise. Kultur kann zur Ware werden – und der Handel mit ihr ist ungleich.

Noch einmal zum Abbruch des Konzerts in Bern: Was fällt Ihnen bei der Berichterstattung darüber auf? 
Viele Leute sagen: Wir wollen doch nicht rassistisch sein. Das ist gut. Aber es hat niemand nachgefragt, was die Beweggründe der Konzertbesuchenden waren, ihr Unbehagen zu äussern.

Die Diskussion ging in eine andere Richtung.
Genau. Wem wird überhaupt die Möglichkeit gegeben, über seine Erfahrungen zu sprechen? Wer sich dazu bekennt, dass ihm bei diesem Konzert unwohl war, kann fest damit rechnen, lächerlich gemacht zu werden.

Sie auch?
Die Mails tröpfeln schon rein. Aber als Schweizer Wissenschaftlerin habe ich einen sicheren Aufenthaltsstatus, eine anerkannte Expertise und ein persönliches und berufliches Netzwerk. Diese Ressourcen haben nicht alle rassismusbetroffenen Menschen.

Was muss man ändern? 
Beim Thema Rassismus wünschen sich viele eine ganz einfache Anleitung. Doch so funktioniert es nicht. Es geht um Zugang zu Ressourcen, um Rechte und um demokratische Mitbestimmung. Das betrifft uns nicht als Einzelne, sondern gemeinsam. 

Was wünschen Sie sich?
Dass die Menschen, die in der Schweiz von Rassismus betroffen sind, ins Zentrum gesetzt werden. Auf eine Art, die uns nicht bedroht. 

Von Lynn Scheurer am 5. August 2022 - 17:08 Uhr
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