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  4. Alles wird teurer: Preisüberwacher Stefan Meierhans über Inflation und Sparpotenzial

Preisüberwacher Stefan Meierhans

«Ich plädiere nicht für den billigen Jakob»

Benzin, Krankenkassen, Strom: Alles wird teurer. Preis­überwacher Stefan Meierhans bekommt so viele Meldungen von Bürgern wie noch nie! Wo er für die Leute das grösste Sparpotenzial sieht und womit er sein Umfeld nervt.

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Stefan Meierhans, Preisüberwacher

Der gebürtige Rheintaler ist seit 14 Jahren Preisüberwacher. Zuvor war der studierte Jurist im Stab der Bundesräte Koller und Metzler- Arnold. Er lebt mit seiner Frau, Turnverband-Direktorin Béatrice Wertli, 46, und den Töchtern Lena, 13, und Sophie, 11, in Bern.

Kurt Reichenbach

ACHTUNG: Bei der Printversion gab es ein Missverständnis und die nicht autorisierte Version wurde gedruckt. Dieses ist die korrekte, abgesegnete Version. Wir bitten um Entschuldigung. 

Preisüberwacher Stefan Meierhans, 54, ist gerade aus den Ferien zurückgekommen. Auf die Frage, ob sein E-Mail-Postfach nun explodiere, läuft er schnell hinter sein Pult, schaut auf den Computerbildschirm und sagt: «663 Meldungen von Bürgern. Ich muss also wohl etwas arbeiten.»

Stefan Meierhans, haben die Reklamationen über zu hohe Preise im Vergleich zu anderen Jahren zugenommen?
Ja. Wenn man die aktuellen Zahlen auf das ganze Jahr hochrechnet, haben wir ein Allzeithoch an Bürgermeldungen.

Woran liegts?
Zum einen sind da die Standardthemen wie Handyabo-Kosten, Krankenkassenprämien, Zoll- und Postgebühren. Hinzu kommen nun markant mehr Meldungen zum Thema Energie: sprich zu Gas, Erdöl, Diesel, Fernwärme und – das finde ich interessant – zu Pellets. Leute, die mit Holz heizen, beklagen sich über steigende Preise.

Was können Sie da unternehmen?
Bei den Pellets haben wir uns für eine Marktbeobachtung entschieden. So sehen wir, ob es da Probleme gibt und ob wir eingreifen müssen.

Was gibt Ihnen gerade am meisten zu tun?
Eindeutig die Energiemärkte. Nicht nur wegen der vielen Bürgermeldungen zu den steigenden Preisen, sondern auch wegen der vielen Beratungen von Gemeinden. Diese müssen mich obligatorisch konsultieren, bevor sie die Preise erhöhen können. Und weil momentan fast alle Gasversorger gezwungen sind, ihre Preise zu erhöhen, habe ich entsprechend viel zu tun. Verpasst es eine Gemeinde, mir die Änderung zu unterbreiten, meldet sich sicher ein Bürger oder eine Bürgerin.

Schauen Sie alle Meldungen persönlich an?
Ja. Und alle bekommen eine Antwort. Wegen der hohen Meldungszahlen müssen die Leute aktuell aber länger auf eine Antwort warten. 

Sehen Sie sich als Anwalt der Bürger?
Anwalt ist vielleicht das falsche Wort – gerade wenn man die Anwaltskosten betrachtet (lacht). Ich sehe mich als Fürsprecher, der bei manch wichtigem Entscheid der Wirtschaft mit am Tisch sitzt. Die Verwaltung ist ja für viele eine anonyme, graue Masse. Als Preisüberwacher gebe ich ihr ein Gesicht, an das man sich wenden kann und von dem man ernst genommen wird. 

 

Stefan Meierhans, Preisüberwacher

Auch bekannt für seine Frisur: «Ich sehe es als Zeichen der Emanzipation, dass man über meine Fransen spricht.»

Kurt Reichenbach
«Massive Fehlanreize im System»

In einer Wirtschaft gibt es immer wieder Inflationen. Haben die Leute verlernt, mit steigenden Preisen umzugehen?
Uns ging es tatsächlich lange gut, somit sind wir uns solche Schwankungen nicht mehr gewöhnt. Man muss aber auch sagen, dass die Teuerungskurve zurzeit abnormal steil ist. Mit dem Krieg in der Ukraine und der Pandemie erlebt Europa gleich zwei aussergewöhnliche Ereignisse – mit aussergewöhnlichen Folgen. Das verunsichert die Strom- und Energiemärkte in einem Masse, das nichts mehr mit normaler Preisentwicklung zu tun hat.

War die Energie nicht sowieso zu billig?
Für den Preisüberwacher ist nichts zu billig (schmunzelt). Wenn man lenken will. Kann man das allenfalls mit Lenkungsabgaben machen – so wie es bereits andernorts gehandhabt wird: Heute erhebt nämlich der Bund bereits Lenkungsabgaben auf umweltbelastende Stoffe. Diese Gelder fliessen via Krankenkassen an die Bevölkerung zurück.  Aber sehen Sie: Lenkungsabgaben wie beim CO2-Gesetz oder bei der Erhöhung der Autobahnvignetten wurden vom Volk abgelehnt.

Wo sehen Sie persönlich den grössten Handlungsbedarf?
Ohne die Auswirkungen der höheren Strompreise zu verharmlosen: Die Erhöhung der Krankenkassen-Prämien reisst ein grösseres Loch ins Portemonnaie der Leute. Gerade wenn ich an Familien denke oder an jene, die mit ihrem Einkommen gerade an der Schwelle zur Prämienverbilligung durch den Staat liegen. 

Trotzdem dominiert der Strom die öffentliche Debatte.
Ja, weil sich bei den Gesundheitskosten schon fast eine Schicksalsergebenheit eingestellt hat im Stil von «es ist einfach so». Dagegen wehre ich mich. Man könnte viel tun.

Zum Beispiel?
Die Preise für Generika reduzieren. Im Vergleich zum Ausland sind sie deutlich überhöht. Mein Vorschlag mittels Referenzpreisen 400 Millionen zu sparen, wurde vom Bundesrat angenommen. Der Nationalrat hingegen hat – Pharmalobby lässt grüssen – die Vorlage abgelehnt. Immerhin sind die Labortarife seit dem 1. August um 10 Prozent gesunken – nach jahrelangem Druck. Das macht 140 Millionen. Doch neben dem Preisproblem gibt es auch ein Mengenproblem: Ich kann den Generikapreis halbieren, doch wenn doppelt so viel Generika geschluckt werden, nützt das wenig.

Warum dieses Mengenproblem?
Weil wir massive Fehlanreize im System haben. Spitäler, Ärzte, Apotheker und alle andern Leistungserbringer im Lande werden nicht für die Gesundheit ihrer Patienten bezahlt, sondern für die erbrachten Leistungen. Und da liegt nahe, dass man lieber zu viel als zu wenig Leistung verkauft beziehungsweise bezieht.

Können Sie das beweisen?
Da gibt es diverse Studien: Die Experten des Bundes rechnen, dass etwas ein Fünftel der Ausgaben im Bereich der obligatorischen Krankenkasse ohne Qualitätsverlust eingespart werden könnte. Oder etwa die Studie vom Bundesamt für Gesundheit zur Operationshäufigkeit bei bei Zusatzversicherten: Aufgepasst, wenn Sie eine Zusatzversicherung haben – Sie landen früher auf dem Schragen, ist ihr Fazit. Da kann ein Spitaldirektor vielleicht schon auf die Idee kommen: Da sind noch OP-Termine frei, unsere Infrastruktur kostet – findet Ihr vielleicht noch ein Gelenk, das Ihr operieren könnt?

Das wird so offen angesprochen?
Das erzählt man mir hinter vorgehaltener Hand.  Wer weiss, vielleicht markiert eine grosse Klinikgruppe die Patientinnen und Patienten im Spital je nach Versicherungsstatus deshalb mit einem grünen, blauen oder gelben Bändeli? Bei grünen Privatversichertenbändeli weiss jeder sofort: Da gibt’s Geld zu holen. 

Stefan Meierhans, Preisüberwacher

Hat den Überblick: Stefan Meierhans 

Kurt Reichenbach
«Stromgutschein für meine Töchter»

Warum tut man nichts gegen die Fehlanreize?
2017 war ich Teil der Expertengruppe um die ehemaligen Gesundheitspolitikerin Verena Diener: Wir haben dort 38 Vorschläge ausgearbeitet. Alle wurden bislang verwässert. Es fehlt an politischem Mut. Wir brauchen mehr managed care. Vielleicht so wie in Singapur, wo es ein Gesundheitskosten-Budget pro Person gibt. Wird dieses überschritten, müssen sich die Ärzte erklären. So eine Erklär-Pflicht könnte sehr viel bringen! Auf jeden Fall müssen wir die bestehenden Fehlanreize wenn immer möglich ausmerzen!

Welche Tipps geben Sie den Leuten, um bei den Gesundheitskosten zu sparen?
Bei Krankenkassen ist es klar: Vergleichen, vergleichen, vergleichen. Nicht in jedem Kanton werden die Leute über eine Prämienverbilligung automatisch benachrichtigt. Also immer nachfragen und einfordern. Unbedingt auch die Modelle vergleichen, ausrechnen, ob man mit einer hohen Franchise mehr zahlt. Und was ich auch gerne wiederhole: Die Grundversicherung muss nicht bei der gleichen Kasse abgeschlossen werden wie die Zusatzversicherung. Die Möglichkeiten sind bekannt – ein Wundermittel gibts nicht.

Verstehen Sie, dass es vielen zu mühsam ist, jedes Jahr die Krankenkasse zu wechseln?
Ja, aber es lohnt sich in den allermeisten Fällen. Viele meinen, sie können die Grundversicherung nicht bei einer anderen Kasse haben als die Privatversicherung.

Man könnte natürlich auch ins Appenzell ziehen, wo die Prämien am tiefsten sind …
Meine Bekannte wohnt in Basel-Stadt. Sie zahlt im Monat über 400 Franken für die Krankenkasse bei einer hohen Franchise. Das ist wirklich viel.

Und was raten Sie beim Stromsparen?
Der einzelne Bürger kann hier nicht so viel ausrichten. Dafür die Städte und Gemeinden: statt die Gaspreise sofort zu erhöhen, sollten sie ihre Reserven einsetzen und auf Konzessionsabgaben und Gebühren verzichten. Der Bundesrat könnte die Zinsen auf dem Netz senken. Klar ist: Gehen die Gebühren weiter rauf, heizt das den ganzen Kreislauf an und wir landen im schlimmsten Fall in einer Lohn-Preis-Spirale. 

Ist denn günstiger immer besser?
Sehen Sie diesen Schirm (nimmt einen schwarzen Schirm hervor): Den habe ich für rund 5 Franken gekauft – einmal auf, und er war kaputt. Es geht darum, das Preis- und Leistungsverhältnis zu vergleichen. Ich plädiere auch nicht für den billigen Jakob, sondern für den fairen Jakob. 

Vergleichen Sie selber überall?
Ja, zum Ärger meiner Freunde und Bekannten. Kürzlich veröffentlichte ich einen Vergleich zu den Bankgebühren, darum fragte ich meine Coiffeuse beim Besuch diese Woche, bei welcher Bank sie denn sei – sie meinte, bei der Postfinance. «Die sind mega teuer», rief ich aus. Da kann ich mich nicht zurückhalten.

Sie haben zwei Töchter – welche Kosten schenken da am meisten ein?
Wohl Netflix und X-Box. Ich habe mir schon überlegt, ihnen auf die Weihnachten einen Stromgutschein zu schenken (lacht). Ich gebe aber zu, bei den Kindern bin ich kein grosser Sparfuchs. Wobei ich meine 13-jährige Tochter, die sich zunehmend für Hautpflege und Kosmetik interessiert, schon mal darauf hinweise, dass diese in der Drogerie günstiger ist als beim Luxuswarenhaus. 

 

Interview: Jessica Pfister am 28. Oktober 2022 - 13:08 Uhr