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Brandkatastrophe im Wallis

Anwalt der Crans-Montana-Opfer: «Ein Urteil heilt die Seele nicht»

Sébastien Fanti ist einer der 74 Anwälte der Brandopfer von Crans-Montana. Der Walliser spart nicht mit Kritik an seinem Kanton – und organisiert für seine Klienten in der Klinik auch mal ein Geburtstagsfest. 

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<p>Anwalt Sébastien Fanti bei sich zu Hause in Sion. Sowohl sein Büro als auch die Wohnung der Familie sind in unscheinbaren Blocks im Walliser Hauptort.</p>

Anwalt Sébastien Fanti bei sich zu Hause in Sion. Sowohl sein Büro als auch die Wohnung der Familie sind in unscheinbaren Blocks im Walliser Hauptort.

Sedrik Nemeth

Er nimmt kein Blatt vor den Mund, attackiert und fordert: Der Walliser Anwalt Sébastien Fanti (55) setzt sich mit Leib und Seele für die Opfer des Infernos von Crans-Montana VS ein. Selbst vertritt er drei Opferfamilien, eine aus Frankreich, zwei aus der Schweiz. Er sagt Dinge wie: «Der Polizei mangelt es an Neugier, in alle Richtungen zu ermitteln.» Oder: «Die Nähe der beteiligten Personen besorgt uns, das Wallis ist ein kleiner Kanton.»

Dass man ihm dabei vorwirft, er sei profilierungssüchtig, ist ihm egal. Dass er zu weit gehe und zu Vorverurteilung neige – das ist so gewollt. «Ich habe meinen Klienten gesagt: Wenn ihr darauf wartet, dass ein Urteil euch die Gerechtigkeit gibt, die ihr sucht, dann vergesst es. Ihr müsst anderswo Kraft schöpfen, das Schreckliche, das ihr erlebt habt, mit anderen Mitteln verarbeiten, Stärke in euch selber finden.»

Wie kann er, ein Mann des Rechts, so wenig Vertrauen in die Justiz haben? «Die Strafen bei fahrlässiger Tötung sind höchstens drei Jahre Haft mit der Möglichkeit, bei fahrlässiger Brandstiftung zu bis zu viereinhalb Jahren verurteilt zu werden. Das ist im Vergleich mit anderen Ländern wenig!»

Der Ort des Schreckens: Blumen und Kerzen vor der abgesperrten Bar Le Constellation in Crans-Montana. Der Brand in der Neujahrsnacht 2026 forderte 41 Todesopfer. 115 Personen wurden schwer verletzt.

Der Ort des Schreckens: Blumen und Kerzen vor der abgesperrten Bar Le Constellation in Crans-Montana. Der Brand in der Neujahrsnacht 2026 forderte 41 Todesopfer. 115 Personen wurden schwer verletzt.

Keystone

Zu wenig Strafe und Repression

Für ein Wirtschaftsdelikt komme man länger ins Gefängnis, als wenn man jemanden überfahre oder eben – durch Fahrlässigkeit 41 Menschen verbrennen lasse, 115 schwer verletze und fürs Leben zeichne. Der Anwalt sagt: «Die Rechtsprechung heilt weder Körper noch Herz noch Seele.» Und weiter: «In der Schweiz sind die Gesetze zu wenig auf Repression und Bestrafung angelegt.»

Deshalb attackiert Fanti mit aller Kraft das Betreiberpaar der Bar Le Constellation, Jacques und Jessica Moretti, die Gemeinde Crans-Montana, die keine Kontrollen durchführte, und den Kanton, der im jetzigen Stadium zu oberflächlich ermittle. «Wieso hat man nicht Oberstaatsanwalt Olivier Elsig als Chef des Pools der Staatsanwälte eingesetzt?» Dieser hat den schweren Carunfall in Sierre von 2012 bearbeitet, bei dem 22 Kinder und sechs Erwachsene ihr Leben verloren und 24 Kinder schwer verletzt wurden. «Elsig hat das Verfahren fachlich perfekt, würdig und mit bemerkenswerter Sensibilität gegenüber den Angehörigen geführt.» Ein aussergewöhnliches Ereignis erfordere aussergewöhnliche Massnahmen, so die Meinung des Opferanwalts.

Strafe durch soziale Ächtung

Fanti recherchiert auch selber. Er gehörte zu den Ersten, die die wirtschaftliche Lage des Ehepaars Moretti hinterfragten und die Staatsanwaltschaft um entsprechende Ermittlungen baten, insbesondere in Frankreich. Dass diese öffentliche Vorverurteilung zu einem milderen Strafmass führen kann, nimmt er in Kauf.

In Italien gefragt

Sébastien Fanti ist in seinem Heimatkanton bekannt. Er amtete neun Jahre lang als Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragter des Kantons. Auch hat er 2002 die Familie Mongelli vertreten, deren Sohn nach einem angeblichen Angriff durch einen Hund so schwer verletzt wurde, dass er heute Tetraplegiker und blind ist. Das Verfahren wurde 2019 eingestellt, ohne dass der genaue Tathergang ermittelt werden konnte. Die Familie Mongelli kam aus Italien wie jetzt auch viele Opfer der Brandkatastrophe.

Fanti, der die schweizerische und die italienische Staatsbürgerschaft besitzt, ist deshalb gefragter Gesprächspartner für die Medien im Nachbarland. Dass die Katastrophe zu diplomatischer Eiszeit der beiden Länder geführt hat, erklärt er sich so: «Crans-Montana ist in Italien sehr beliebt. Viele Familien kommen seit Generationen hierher. Sie verbinden den Ort mit schönen Momenten, feierlichen Festtagen, glücklichen Auszeiten. Deshalb ist der Schock, dass so etwas bei uns passiert, so gross. Die Ermittlungen in der Schweiz scheinen nun die grossen Erwartungen Italiens nicht zu erfüllen», drückt er sich vorsichtig aus.

Kleines Fest in der Klinik

Der «harte Hund» Fanti kann aber auch ganz anders: Vor einigen Tagen hat er zum Geburtstag einer seiner Klientinnen in der Suva-Klinik in Sion ein kleines Fest organisiert. Eingeladen waren auch die acht anderen dort hospitalisierten Crans-Montana-Opfer. Fanti hat den lokalen McDonald’s-Betreiber gebeten, einen «McDonald’s in der Klinik» zu erschaffen. «Damit sie alle für einen Moment Erholung haben und die schwierige Rekonvaleszenz vergessen können.»

<p>Freizeitvergnügen und Training: Sébastien Fanti mit Sohn Tim und Tochter Zia Lou auf dem Sportplatz in Sion.</p>

Freizeitvergnügen und Training: Sébastien Fanti mit Sohn Tim und Tochter Zia Lou auf dem Sportplatz in Sion.

Sedrik Nemeth

Als Vater von vier Kindern will Fanti ihnen den Wert redlicher Arbeit vermitteln. Seine Tochter Zia Lou (16) die das Gymnasium besucht, will ebenfalls Juristin werden und begleitet ihren Vater oft. «Ich bin im Alter der Opfer und habe so meinen eigenen Zugang zu ihnen», sagt sie und zeigt auf dem Handy den Verlauf ihrer Nachrichten. Zia Lou findet es spannend, wie ihr Vater arbeitet, und war auch schon mit ihm an Fernsehinterviews. Und wie ist er so als Vater? «Streng», sagt sie schelmisch, denn sie versucht ihn immer wieder zu überzeugen, dass sie gern diese oder jene Sache kaufen möchte. Fanti lacht, sagt dann aber ernst: «Ich will meinen Kindern zwei Dinge vermitteln – harte Arbeit und Unabhängigkeit im Geist und von Materiellem.»

Familie liebt Basketball

Sohn Tim (14) besucht ein Sport-College in Florida. «Die Ausbildung vermittelt die Werte des Sports, Verantwortungsbewusstsein und bereitet die Schüler auf die Uni vor. Das Leben dort ist recht spartanisch», so Fanti. «Drei Stunden pro Tag spiele ich Basket- ball, und auch jetzt in den Ferien muss ich das weiterziehen», erzählt Tim, der gerade für eine Woche Ferien da ist. Die Schule gefalle ihm, das Leben in den USA auch. Studieren will er Medizin. Mit Papa, in seiner Jugend ebenfalls Spieler und Vorstandsmitglied einer Mannschaft der obersten Liga, geht er gern auf den Sportplatz gleich in der Nähe.

Ist Tim in den USA, haben sie immer um 21 Uhr per Whatsapp Kontakt. «Ich schaue mit ihm die Aufgaben durch und bespreche mit ihm die Matches, die ich oft live sehen kann, manchmal mitten in der Nacht.» Auch wenn Tim mental sehr stark sei, brauche er doch täglichen Kontakt, ist der Vater überzeugt.

<p>Anwalt Sébastien Fanti am 9. Januar 2026. Damals fand der nationale Trauertag in Martigny statt, und an diesem Tag wurde Barbetreiber Jacques Moretti in U-Haft gesetzt. «Viel zu spät!», so Fanti.</p>

Anwalt Sébastien Fanti am 9. Januar 2026. Damals fand der nationale Trauertag in Martigny statt, und an diesem Tag wurde Barbetreiber Jacques Moretti in U-Haft gesetzt. «Viel zu spät!», so Fanti.

AFP

Gewinnermentalität

Seine zwei anderen Söhne, Maxime (24) und Théo (22) beenden bald die Universität. Auch sie spielen Basketball. Die innerfamiliären Matches sind stets eine schöne Gelegenheit, gemeinsam Zeit zu verbringen. «Bei uns wollen immer alle gewinnen. Das ist gut so und hält mich jung. Ich gebe aber zu, dass es für mich immer schwieriger wird und ich manchmal etwas tricksen muss», meint Fanti lachend. Seine Frau hält sich aus der Öffentlichkeit fern, es reiche, dass ihr Mann bekannt sei.

Das Inferno von Crans-Montana nehme sehr viel Zeit in Anspruch, gibt der Anwalt zu. Aber er sei es seinen Klienten schuldig, alles zu geben. Das gebe ihm die Kraft, jeden Tag mit vollem Engagement tätig zu sein. Die Verjährungsfrist betrage nur zehn Jahre. «Und die Zeit vergeht schnell!»

Mediation anstossen

Der streitbare Anwalt aus Sion träumt davon, einen Mediationsprozess anzustossen für diejenigen, die keinen Gerichtsprozess wünschen. «Das würde ihnen erlauben, sich ihr Leben rasch wieder neu aufzubauen.» Man müsse auch bedenken, dass einige der Opfer wohl nie mehr richtig ins Leben zurückfinden würden.

Anwalt Fanti ist nun wieder auf dem Sprung, der nächste Termin ruft. Er wird nicht aufgeben und niemanden schonen – auch sich selbst nicht.

MR
Monique RyserMehr erfahren
Von Monique Ryser vor 1 Stunde