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«Ich will eine Olympiamedaille 2024 in Paris!»

Appenzeller Zehnkämpfer Simon Ehammer träumt vom Coup

Er stammt aus dem kleinen Ausserrhoden, doch keiner in der grossen Leichtathletik-Welt ist derzeit besser als er: Zehnkämpfer Simon Ehammer aus Stein hat den Alpstein und Olympiagold vor Augen.

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Karriereziel Olympiasieg in Stein gemeisselt: Zehnkämpfer Simon Ehammer mit dem Diskus auf der Schwägalp am Fuss des Säntis.

Remo Buess

Wenn das kein Senkrechtstart ist! Erst vier Jahre ist es her, dass der Teenager Simon Ehammer aus dem Ausserrhoder Dörfchen Stein seine ersten Zehnkämpfe bestreitet. Heute, mit 20, führt er die Welt-Jahresbestenliste an. Die 8231 Punkte, erzielt Mitte August in Langenthal BE, hätten vor einem Jahr an der WM in Doha zu Rang sieben bei den «Grossen» gereicht. Mitten in der Weltelite! «Und das Coole ist», sagt Ehammer mit verschmitztem Lachen, «dass es erst im Dezember wieder einen Wettkampf auf Spitzenniveau gibt. Also mindestens ein halbes Jahr lang der Weltbeste – nicht schlecht, oder?»

Auf dem Weg zum Appenzellerland an die Weltspitze setzt Ehammer eindrückliche Marken. 2018 wird er an der Junioren-WM Dritter. «Mein Durchbruch. Seither läufts, und zwar richtig», sagt Simon rückblickend mit einem Selbstverständnis, das man selten findet bei so jungen Athleten. Und ein Jahr nach WM-Bronze folgt 2019 der Titel ­an der U20-EM. Spätestens jetzt fragt niemand mehr «Simon, wer?».

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Immer im Wettkampf: Simon (l.) und Andrin duellieren sich im Zimmer des Zehnkämpfers an der Dartscheibe.

Remo Buess

Noch zwei Jahre zuvor hatte das ganz anders ausgesehen. Ehammer, der gerne mal «täubelet», wenn er irgend­wo nicht reüssiert, will an der U20-EM vor dem ab­schliessenden 1500-Meter-­Lauf ab­rei­sen. «Die Resultate bis dahin waren mir derart peinlich.» Doch da ruft Mama Manuela aus der Heimat an und bestimmt: «Du startest!» Der Lehrblätz wirkt.

Und heute gehts Schlag auf Schlag: Im Juni dieses Jahres springt er in Schaffhausen 8,15 Meter weit. Der zweitweiteste Satz jemals eines Schweizers. Bei Julien Fivaz’ Rekord (8,27 m) 2003 ist Ehammer noch nicht in den Sandkasten gesprungen, sondern hat höchstens darin mit Schüfeli und Kesseli gespielt. Im Juli erzielt er in ­seinem zweiten Zehnkampf als Aktiver als erst sechster Schweizer mehr als 8000 Punkte. Und Mitte August folgen eben diese weltjahresbesten 8231 Punkte in der Königs­disziplin der Leichtathletik. Mit sechs persönlichen Bestleistungen! «Klar will ich nun die Schweizer Rekorde in Weitsprung und Zehnkampf. Spätestens 2021, aber im Weitsprung darfs auch schon heuer passieren.»

Eigentlich ein Tschütteler

Spannend an Simon Ehammers ­Exploits ist sein Werdegang. Aufgewachsen am Stadtrand von St. Gallen, spielt er zunächst bei St. Otmar Fussball. Und auch als die Familie nach Stein ins nahe Appenzellerland zieht, bleibt er dem Ball treu. Doch weil er beim «Schnellsten St. Galler» sowie beim «Schnellsten Steiner» siegt und den Landesfinal von Migros Sprint und UBS Kids Cup erreicht, wird auch die Leichtathletik auf Simon aufmerksam.

Er geht nach Herisau in den Klub und besucht ab 2013 in Teufen die Sportlerschule Appenzellerland. Das sportorientierte Schulsystem mit mehreren Standorten im Kanton, in dem etwa auch Eishockeyspieler Timo Meier aus Herisau die Basis für seine NHL-Kar­rie­re legt, wird für Ehammer zum ­perfekten Umfeld. Die Brüder Wyler fördern ihn als Trainer massgeschneidert, Karl beim TV Teufen, René in der Sportschule. «Weshalb also sollte ich weg von hier? Mehr könnten mir auch die Colleges in den USA nicht bieten, von denen ich schon Angebote hatte.»

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Die Ehammers vor ihrem Heim in Stein AR: Simon, Mama Manuela, die Zwillinge Lea und Andrin sowie Papa Franz (v. l.). Die Schindelfassade hat der Vater selbst angebracht.

Remo Buess

Bis er 16 ist, fährt Ehammer mit dem Töffli von Stein nach Teufen ins Training. Auch Mama Manuela, 44, sieht da längst ein, dass sie als Präsidentin der Steiner Dorfmusik nicht weiter auf den talentierten Bläser am Baritonhorn zählen kann. «Obwohl ich ziemlich sicher bin, ich hätte es auch in der Musik auf ein ähnliches Level bringen können», stellt Simon klar. Sein Entscheid für den Sport spornt auch die drei Jahre jüngeren Zwillingsgeschwister Lea und Andrin an. Sie wird ebenfalls Mehrkämpferin, er spielt in Herisau Fussball. Papa Franz, 49, ­betreibt begeistert Ausdauersport.

«Es ist nicht leicht für eine Partnerin, zu akzeptieren, dass der Sport für mich vorerst absolute Priorität hat»

Simon Ehammer

Neben der Leichtathletik absolviert Simon Ehammer in Appenzell bei Sport Baumann die Lehre als Sport­artikelverkäufer. Bis heute arbeitet er dort weiter zu 60 bis 80 Prozent. Ab Oktober ermöglicht ihm die Spitzensportler-RS erstmals eine Art Profi-Leben – und erhöht die Chancen, sich sowohl im Zehnkampf als auch im Weitsprung für Olympia 2021 in Tokio zu qualifizieren. Und das für die Schweiz, auch wenn Simon Wurzeln in Österreich hat und irgendwann die dortige Staatsbürgerschaft ebenfalls erlangen will. «Mein Vater stammt aus einem Tal in der Nähe von Kitzbühel. 2001 lebten wir ein halbes Jahr quasi auf Probe dort, und später verbrachten wir praktisch alle Ferien dort», sagt Simon. «Es ist meine zweite Heimat, und zu meinen Grosseltern habe ich bis heute ein enges Verhältnis.» Reverenz an diese Verbindung ist ein Tattoo des ­Tiroler Adlers unter seinen Achseln.

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Die Schweiz im Herzen, Österreich auf der Haut: Ehammers Tattoo des Tiroler Adlers ist eine Hommage an die zweite Heimat.

Remo Buess

Nach der RS will Simon Ehammer wieder mindestens 20 Prozent arbeiten. Für eine Beziehung ist der Muster­athlet durchaus offen, «aber meine diesbezüglichen Erfahrungen haben gezeigt, dass es nicht leicht ist für eine Partnerin, zu akzeptieren, dass der Sport für mich vorerst absolute Priorität hat».

Wohin diese Priorisierung führen soll, weiss Ehammer genau: «Ich will eine Olympiamedaille 2024 in Paris!» Um präzisierend mit einem Grinsen hinterherzuschicken: «Ich bin ja erst 20. Die letzten Weltrekordler stellten ihre Bestmarken mit 28 auf. Heisst: Ich bin erst 2028 im besten Alter. Doppel-­Olym­piasieger im Zehnkampf gab es bisher übrigens erst drei.» Manch einen liesse solches überheblich klingen. Aus Simon Ehammer spricht nur die pure Unverstelltheit des Appenzellerlands.

Von Iso Niedermann am 12.09.2020
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