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SI-Stammtisch im Wallis

Arbeit im Ferienparadies

Das Wallis ist konservativ, aber auch innovativ und dynamisch: Den Beweis dafür liefern am SI-Stammtisch die junge Weinbäuerin Line Dorsaz und der Festivalchef Sébastien Olesen.

Stammtisch à Champex lac, Valais,restaurant Le Cabanon.

Angeregte Diskussion am Ferien- Stammtisch. Line Dorsaz, Thomas Veraguth, Denis Libouton, Christelle Besse, Iwan Willisch, «L’illustré»- Chefredaktor Stéphane Benoit-Godet und Sebastién Olesen (v. l.) sind sich einig: Das Wallis verbindet Tradition mit Innovation.

Julie de Tribolet/L'Illustré

Champex-Lac im Unterwallis: Hier in den südlichen Walliser Alpen treffen sich die Elemente und Naturschönheiten. Der Blick geht über die urigen Tannenwälder zu den kolossalen Bergketten des Grand Combin und der Dents du Midi. Die Runde, die sich zum dritten Stammtisch von «L’illustré» und der Schweizer Illustrierten im Restaurant Le Cabanon trifft, diskutiert darüber, wie die Pandemie Kultur, Tourismus und Immobilienmarkt tangiert hat. Unter der Leitung von «L’illustré»-Chefredaktor Stéphane Benoit-Godet nehmen Sébastien Olesen, Direktor des bekannten Palp-Festivals, Thomas Veraguth, Ökonom bei UBS, Iwan Willisch, UBS-Regionaldirektor Wallis, sowie die junge Weinbäuerin Line Dorsaz, Eventveranstalterin Christelle Besse und Marketing- und Kommunikationsfachmann Denis Libouton als Vertretung der Leserschaft am Stammtisch Platz.

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Das Ober-, Mittel- und Unterwallis, Deutsch und Französisch – der ganze Kanton ist sehr vielfältig. Diese Qualität bildet auch das Palp-Festival ab, das im ganzen Kanton stattfindet …
Sébastien Olesen: Ja, wir geben dem gesamten Kanton quasi eine kulturelle Klammer. Gerade in der Pandemie haben wir bemerkt, wie wichtig kulturelle Ereignisse als Kitt für die Gesellschaft sind.
Line Dorsaz: Das Wallis ist grundsätzlich eine konservative Gegend, aber wir haben bei den Jungen eine sehr dynamische und innovative Bewegung. Bei mir führte die Dynamik dazu, dass ich den traditionellen Beruf des Weinbauern von meinem Vater übernommen habe. Anfangs schauten mich gewisse Menschen verwundert an, wenn sie von meiner Berufswahl hörten. Mittlerweile hat sich dies gelegt. Erstaunlich viele Frauen meiner Generation üben diesen Beruf nun aus.
Thomas Veraguth: Das Wallis befindet sich in einem steten Wandel. Bis in die 1990er-Jahre erlebten wir pro Jahr eine Zuwanderung von bis zu 4000 Arbeitskräften aus dem Ausland oder aus den anderen Kantonen. Nun sind es jährlich noch 1000 Personen. Die Bevölkerung im Wallis ist von 300 000 auf knapp 350 000 Personen gestiegen. Gleichzeitig wurden aber auch immer mehr neue Wohnungen und Häuser gebaut. Deshalb haben wir derzeit über 6500 leere Wohneinheiten im Wallis.
Iwan Willisch: Wir müssen unseren Trumpf, die hohe Lebensqualität, noch besser ausspielen. Wir müssen weiterhin an einem qualitativen Bevölkerungswachstum im ganzen Kanton interessiert sein, das heisst, idealerweise Personen anziehen, die im Wallis arbeiten und wohnen, und verhindern, dass gut ausgebildete Walliserinnen und Walliser den Kanton verlassen.
Christelle Besse: Das Wallis vereint alle Eigenschaften, die man sich von einer Region wünschen kann: die Nähe zur Natur, aber auch die gute Erreichbarkeit der urbanen Zentren. Seit der Eröffnung des Lötschberg-Basistunnels ist man aus Visp in einer Stunde in Bern und in zwei Stunden in Zürich. Und gleichzeitig hat man die schönsten Berge direkt vor der Haustür.
Veraguth: Das Wallis verfügt auch über eine erstaunliche Anzahl an Hotspots aus Geschichte und Kultur. Wussten Sie etwa, dass in Saint-Maurice das älteste noch bewohnte Kloster der Schweiz steht? Dort wird seit 1500 Jahren gebetet. Dieser Ort hat alle europäischen Krisen und Katastrophen überlebt.

Stammtisch à Champex lac, Valais,restaurant Le Cabanon. Sébastien Olesen Palp festival et Line Dorsaz,viticultrice

Weinbäuerin Dorsaz zu Festival-Veranstalter Olesen: «Wir müssen uns von alten Rollenmustern lösen.»

Julie de Tribolet/L'Illustré

Denis Libouton, Sie kommen ursprünglich aus Belgien, was gefällt Ihnen an der Schweiz und am Wallis?
Manches wie Mehrsprachigkeit, kulturelle Vielfalt, Zusammenleben verschiedener Nationalitäten – das kenne ich. Aber: In der Schweiz funktioniert vieles besser. Und die Natur bietet Schönheiten, die mich immer wieder beeindrucken.

Der Tourismus wurde aber von der Pandemie hart getroffen …
Willisch: Die Situation bietet auch eine Chance. Denn die Schweizer haben ihr eigenes Land als Ferienziel wiederentdeckt – und sie freuen sich darüber.
Olesen: Auch wir spüren positive Kräfte. Das Publikum unterstützt uns, wir sind zusammengerückt. Solidarität und Loyalität sind keine leeren Worte. Für kommende Projekte ist dies ganz wichtig. Auch der Tourismus kann davon profitieren. Die Leute wollen Abwechslung: Sie möchten vielleicht drei Tage in den Bergen verbringen – und am vierten Tag ein Konzert oder eine Theateraufführung besuchen. Das können wir ihnen im Wallis bieten.
Willisch: Dies tangiert auch den Markt der Ferienwohnungen. Die steigende Nachfrage nach Schweizer Ferienimmobilien kommt jetzt primär von den Schweizern. Neben der Ferienmöglichkeit gibt es einen Trend, das Homeoffice in die Berge zu verlegen.

«Wir dürfen uns nicht blockieren ­lassen, sondern mit Optimismus ­vorwärtsschauen»

Thomas Veraguth

Homeoffice ist eine der einschneidendsten Veränderungen der Krise.
Willisch: Arbeitsmodelle müssen flexibel und individuell sein. Einige fühlen sich im Homeoffice wohl, andere vermissen die physische Präsenz und Nähe zu den Kolleginnen und Kollegen. Der kreative Austausch ist über den Computerbildschirm nur bedingt möglich.
Dorsaz: Es ist wichtig, dass wir im Wallis unseren Wurzeln treu bleiben. Man muss nicht jeden Trend mitmachen – sonst verliert man seine Identität, und man wird als Region austauschbar.
Olesen: Ja, aber man muss den Mut haben, neue Wege zu gehen. Wir organisierten zum Beispiel auf einer Alp eine Vorführung von Volksliedern – gefolgt von einem Rockkonzert. Es kamen Besucher im Alter von 20 bis 90 Jahren. Diese Erlebnisse schaffen Verbindungen und bauen Brücken. Um ein solches Festival zu erhalten, brauchen wir aber Unterstützung. Und in dieser Beziehung sind wir im Wallis im Nachteil. Veranstalter in Genf oder Lausanne haben wohl zehnmal mehr Mittel zur Verfügung.
Dorsaz: Die Menschen müssen sich jetzt aber auch wieder an ein schnelleres Tempo gewöhnen. Viele haben einen Gang zurückgeschaltet, haben sich quasi entschleunigt. Aber nochmals: Wichtig ist, dass wir uns auf unsere Stärken konzentrieren: das Zusammenspiel zwischen Dynamik und Tradition.
Veraguth: Ich möchte an dieser Stelle unterstreichen: Es sind die Bewohnerinnen und Bewohner des Landes, die den Unterschied machen. Das müssen sich die Menschen zu Herzen nehmen. Wir dürfen uns nicht blockieren lassen, sondern müssen vorwärtsschauen – mit Optimismus und positivem Willen.
Olesen: Wir haben im Wallis ein immenses Potenzial. Dies müssen wir nutzen. Aber ich hoffe auch, dass die Politik einen klaren Plan hat.
Besse: Ich bin sicher, dass wir im Wallis auf einer positiven Welle reiten. Dieses Bild mag ich. Wenn wir unsere Stärken gemeinsam nutzen, können wir mit grossem Optimismus in die Zukunft blicken.

Katharina Hofer

Die Ökonomen Katharina Hofer...

Balz Marti
Saputelli

... und Claudio Saputelli sind die Autoren des UBS-Wettbewerbsindikators.

Marc Straumann

«Das Unterwallis ist am besten positioniert»

Im Rahmen des SI-Stammtisches beleuchtet der UBS Kantonaler Wettbewerbsindikator jeweils kurz jeden Kanton, den wir besuchen.

Die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit des Wallis ist im Vergleich zu den anderen Kantonen eher unterdurchschnittlich. Die mächtigen Bergmassive nördlich und südlich des Rhonetals schränken die Erreichbarkeit wichtiger Infrastruktur sowie das Einzugsgebiet – also die schnell erreichbare Personenzahl und Grösse des Absatzmarktes – stark ein. Dafür verfügt das Wallis über die zwei wichtigen Hebel Kostenumfeld und Staatsfinanzen, mit denen es gegenüber der restlichen Schweiz an Attraktivität gewinnen könnte. Die Senkung der Gewinnsteuer für Unternehmen ist ein Schritt in Richtung Verbesserung der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit. Die Regionen sind sehr unterschiedlich aufgestellt. Im Allgemeinen ist das Unterwallis mit seiner Nähe zum Grosszentrum Lausanne am besten positioniert. Die Region Sion kann dank einem höheren Anteil dynamischer Unternehmen und besser diversifizierter Branchen mit einer stärkeren Wirtschaftsstruktur aufwarten. In Visp und Brig sticht der Arbeitsmarkt mit einer besonders tiefen Arbeitslosigkeit hervor.

Von Thomas Renggli am 16. Juli 2021 - 11:38 Uhr
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