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Treffen mit der Familie

Arno Del Curto: «Ich bin ein Kindskopf geblieben»

Der legendäre Eishockeytrainer Arno Del Curto meldet sich zurück. Mit seiner Biografie. Was sein Leben geprägt hat, welche Dinge er bereut – und was seine Kinder über sein Image als schräger Vogel sagen.

Arno del Curto mit seinen Kindern Yannick und Stéphanie am Ufer der Sihl. © Valeriano Di Domenico

«Ich hatte oft Schwein, wurde ich nicht eingelocht»: Arno Del Curto mit seinen Kindern Stéphanie und Yannick auf Besuch in Zürich.

Valeriano Di Domenico

Es ist kühl und grau an diesem Mittag, als Arno Del Curto, 65, und seine Kinder Stéphanie, 35, und Yannick, 29, im Zürcher Kreis 4 der Sihl entlangspazieren. «Die Beziehung zu meinen Kindern ist für mich das Schönste!» Das Wetter tut der Stimmung keinen Abbruch – auch wenn es Del Curto, der sein Leben in Eishallen verbrachte, lieber wärmer hätte. Die drei setzen sich auf eine Bank, unterhalten sich lebhaft und essen ein Fleischkäse-Sandwich. Stéphanie arbeitet bei der Stadt, Yannick lebt ebenfalls in Zürich. Als Eishockeytrainer ist er im ZSC-Nachwuchs engagiert. Wie jede Woche ist der Vater aus Lotzwil BE angereist – dort wohnt er mit seiner Freundin.

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Viel hat sich verändert im Alltag des erfolgreichsten Schweizer Eishockeytrainers. Vor drei Jahren, am 27. November 2018, blickt er in der Eishalle Davos das letzte Mal auf die leere Tribüne und verabschiedet sich dann vom Team – nach 22 Jahren beim HC Davos. Del Curto war ein Besessener des Eishockeys. Mit jeder Faser seines Körpers litt und fieberte er mit seiner Mannschaft. Heute aber will er möglichst wenig mit Eishockey zu tun haben. «Ich bin überrascht, dass ich loslassen konnte. Ich dachte wie viele andere: Das kann er nicht!»

Arno Del Curto Buch

Mit Tochter Stéphanie heckte Del Curto viele Streiche aus. Und während er auf dem Eis war, schaute sie den Trickfilm «Grisu, der kleine Drache» in der Garderobe.

Privatarchiv
Einfaches Essen statt Viergänger

Äusserlich ist er noch ganz der Alte: die Frisur, der eindringliche Blick, die leicht schräg sitzende Brille. Auch die Liebe zu Zürich und das enge Verhältnis zu den Kindern sind geblieben. Der Ort und das Mittagsmenu an diesem Tag sind für Del Curto in vielerlei Hinsicht bedeutungsvoll. Die Natur und die raue Seite der Stadt passen ihm besser als ein piekfeines Restaurant, einfaches Essen zieht er einem Viergänger vor.

Fleischkäse auf einer Parkbank – das erinnert Del Curto an eine schwere Zeit im Leben: Es ist der 24. Dezember 1990, Del Curto Trainer beim SC Herisau und wegen geschäftlicher Turbulenzen abseits des Eises hoch verschuldet. Mit der vierjährigen Tochter besucht er das Hallenbad im Säntispark in Abtwil SG. Danach setzt er sich mit ihr und seiner damaligen Frau und Mutter der Kinder auf eine Bank auf dem Parkplatz. Das Weihnachtsessen: Fleischkäse.

Arno Del Curto Buch

Arno Del Curto Hippie-Haaren. Er glaubt daran, alles erreichen zu können, wenn man will. 

Privatarchiv
«Ich realisierte erst im Nachhinein richtig, wie schlecht es mir ging»

Solche berührenden Anekdoten gibt Arno Del Curto in seinem Buch preis. Etwa, dass sein Bruder früh an einem Hirntumor starb. Das habe ihn geprägt und ihn Demut und Dankbarkeit gelehrt. Tochter Stéphanie sagt: «Dass wir allen Menschen mit Respekt begegnen, egal ob jung, alt, reich oder randständig, hat er auch bei uns verankert.» Gerade deswegen kann sie der Bekanntheit ihres Vaters wenig abgewinnen. «Nicht wegen der Prominenz an sich, aber weil die Menschen mich anders behandeln, mir etwa plötzlich Hallo sagen, wenn sie merken, wer mein Vater ist.» Das Buch zeigt aber auch die wilde, unangepasste Seite von Arno Del Curto: Er beschreibt, wie er einst mit der Tochter in Zürich Ketchup und Mayonnaise an die Türgriffe eines Cadillacs schmierte, weil die Fahrerin ihm nach langem Warten einfach den Parkplatz weggeschnappt hatte. «Ein Riesenspass», sind sich beide einig.

Die Biografie – eine Mischung aus sportlichem Rückblick, Coaching-Philosophie und persönlichem Werdegang – kommt weder als Abrechnung noch als Selbstbeweihräucherung daher. Letzteres würde sowieso nicht zum Kulttrainer passen. Sogar die grössten Erfolge wie sechs Meistertitel und fünf Spengler-Cup-Siege mit Davos feierte er jeweils abseits des Trubels. Beim Spazieren im Wald, beim Autofahren, «für mich, wie in Trance». Oder ausschweifend zumindest abseits der Öffentlichkeit: «Dafür umso wilder! Ich hatte oft Schwein, wurde ich nicht eingelocht.»

Zum Ende der Trainerkarriere ist Del Curto nicht mehr zum Feiern zumute: Nach seinem Abgang in Davos und der kurzen, erfolglosen Zeit bei den ZSC Lions zieht er einen Schlussstrich. Erschöpft. Und zu spät, wie er zugibt. «Ich realisierte erst im Nachhinein richtig, wie schlecht es mir ging. Ich war müde, abgestumpft, ‹dure›.»

Arno del Curto mit seinen Kindern Yannick und Stéphanie am Ufer der Sihl. © Valeriano Di Domenico

Bescheidenheit statt Luxus: Del Curtos treffen sich zum Mittagessen oft an der Sihl im Zürcher Kreis 4.

Valeriano Di Domenico
«Ich verbrachte mein Leben mit jungen Leuten»

Heute steht sein Sohn als Trainer auf dem Eis und an der Bande. Zu Beginn ist der Vater nicht begeistert. Weil er Bedenken hat, dass ständig Vergleiche gezogen würden. «Nun sehe ich aber, dass er die menschlichen Fähigkeiten dazu hat – für mich das Wichtigste in diesem Job!», sagt Del Curto, der sich jetzt vielen anderen Projekten widmet. Er ist beim Neuaufbau des Posthotels in Arosa involviert sowie an einem Start-up beteiligt, das Glasabfall zu Dämmbeton recycelt. Die Projekte füllen ihn so sehr aus, dass er das Buch gar nicht mehr fertigstellen wollte. «Dann dachte ich, was ich angefangen habe, muss ich durchziehen!»

Kämpfen, aufstehen, weitermachen. Diese Philosophie lebte er auch als Coach. Als Beweis für seine Spieler, mit Fleiss alles schaffen zu können, übte der Musikneuling einst in sechs Wochen Beethovens «Mondscheinsonate» auf dem Klavier ein. Was der Musiklehrer für unmöglich hielt, gelang Del Curto. Yannick erinnert sich: «Er übte wie ein Verrückter, oft die ganze Nacht.» Del Curto war nicht nur Schleifer. Er interessierte sich für die Sportler als Menschen. «Ich verbrachte mein Leben mit jungen Leuten. Sah, wie sie ticken, was sie bewegt. Wenn ich etwas vermisse am Hockey, dann das! Nun bin ich ein alter Sack, aber dank ihnen noch immer ein Kindskopf!»

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Seine «Augensterne»: Stéphanie und der sechs Jahre jüngere Yannick.

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Um Mitternacht zum McDonald's

Als Vater ist Del Curto weit weniger streng denn als Trainer. Die Kinder genossen zu Hause viele Freiheiten: «Deshalb kamen die Kollegen immer zu uns – wir durften noch kurz vor Mitternacht zum McDonald’s und die ganze Nacht fernsehen!», erzählt Yannick. «Ich bin froh, hat vor allem meine Ex-Frau die Kinder erzogen», sagt Del Curto und fügt schmunzelnd an: «Heute bin ich zwar noch immer rebellisch, aber weiser.» Sein Sohn entgegnet: «Du bist schon noch ein schräger Vogel – aber das ist ja nichts Negatives.» Wer könnte das treffender beurteilen und formulieren als ein Del Curto selber?

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«Mit Köpfchen durch die Wand. Biografie eines Machers» von Franziska K. Müller.

Wörterseh Verlag
Von Sarah van Berkel am 28. November 2021 - 08:00 Uhr
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