1. Home
  2. People
  3. Swiss Stars
  4. Seelisberg und die fliegenden Yogis: Neuer Film von Zenoni
Dok-Film über die fliegenden Yogis von Seelisberg

Auf der Spur des Gurus über dem Rütli

Als Kind staunte Felice Zenoni über Maharishi Mahesh. Der indische Lehrer lenkte von Seelisberg UR aus seine «Weltregierung des Zeitalters der Erleuchtung». In einem Kinofilm erinnert der Regisseur nun an die fliegenden Yogis in seiner Heimat.

Artikel teilen

<p>Prachtvoll: einst Grandhotel, später «Sektensitz». Regisseur Felice Zenoni vor dem 1875 erbauten «Sonnenberg» im Urner Bergdorf Seelisberg.</p>

Prachtvoll: einst Grandhotel, später «Sektensitz». Regisseur Felice Zenoni vor dem 1875 erbauten «Sonnenberg» im Urner Bergdorf Seelisberg.

Thomas Meier

Anfang der 1970er-Jahre ist im katholisch geprägten Bergdorf Seelisberg der Teufel los. Der damalige Gemeindepräsident denkt zuerst an einen Jux, als er im «Amtsblatt des Kantons Uri» liest, die Hotelanlage Sonnenberg und Kulm sei an eine Hindu-Sekte verkauft worden. «Yogi-Invasion beim Rütli», titelt die Schweizer Illustrierte in der Ausgabe vom 18. Oktober 1971, als bekannt wird, dass der indische Meditationsmeister Maharishi Mahesh Yogi den Ort oberhalb der Rütliwiese zur Zentrale seiner «geistigen Erneuerungsbewegung» erkoren hat. Das bis dahin beschauliche 600-Seelen-Dorf wird über Nacht zum Hauptquartier der Bewegung der Transzendentalen Meditation (TM), der damals Prominente wie die Beatles, Schauspielerin Mia Farrow oder Künstler David Lynch folgen.

Guru

Die Schweizer Illustrierte berichtete in den 1970er-Jahren auch über das Hotel der fliegenden Yogis von Seelisberg.

Schweizer Illustrierte

Felice Zenoni (61) war noch ein Halbwüchsiger, als die «fliegenden Yogis» über dem Rütli von sich reden machen. Der gebürtige Urner lebte mit den Eltern und drei Geschwistern im Kantonshauptort Altdorf. Für Sonntagsspaziergänge zog es die Familie ab und zu nach Seelisberg. «Dort sahen wir Leute in weissen Gewändern, hörten, wie Einheimische sich lustig machten über sie, weil die angeblich fliegen konnten», erinnert sich Zenoni. Rund 300 Anhänger des Gurus bevölkerten in der Blütezeit der TM-Bewegung Seelisberg. Mit seinem Dokfilm «Namaste Seelisberg» bringt Felice Zenoni 55 Jahre nach dem Auftauchen der Yogis in Uri jetzt ein spannendes Stück Zeitgeschichte auf die Leinwand. Kinostart ist am 26. Februar.

<p>Die Bergstation: ­Oft fuhr Zenoni mit dem Seelisberg-Bähnli vom Schiffsteg Treib hinauf ins Dorf.</p>

Die Bergstation: Oft fuhr Zenoni mit dem Seelisberg-Bähnli vom Schiffsteg Treib hinauf ins Dorf.

Thomas Meier

Früher stand Felice Zenoni vor der Kamera – als Ansager beim Schweizer Fernsehen, später war er Realisator beim Schweizer Privatsender TV3. Furcht vor dem Rampenlicht kennt er nicht, er stand schon als Dreikäsehoch bei den Tellspielen Altdorf auf der Bühne. Dort klopfte ihm sogar Schauspielstar Christian Kohlund nach einer Vorstellung anerkennend auf die Schulter und sagte: «Das hast du toll gemacht!» Für Zenoni war das ein Ritterschlag. Nach der Schule und einem Jahr in der Westschweiz, wo er sein Französisch aufbesserte, entschied sich Zenoni für eine KV-Ausbildung, zog dann erst für ein Jahr nach England, wo er bei der BBC Radiokurse besuchte, dann für ein weiteres Jahr nach Italien, um seine Italienischkenntnisse zu vertiefen. Danach erst heuerte er beim Radio an und wechselte später zum Fernsehen.

<p>Das Überbleibsel: Eine Mini-Statue von Maharishi Mahesh Yogi erinnert an früher.</p>

Das Überbleibsel: Eine Mini-Statue von Maharishi Mahesh Yogi erinnert an früher.

Thomas Meier

Ausgezeichneter Dok-Filmer

Seit Jahren nimmt sich der Innerschweizer Zenoni Themen aus seinem Heimatkanton an. So gilt sein Film «Danioth – der Teufelsmaler» über den Urner Künstler Heinrich Danioth als bedeutendes Werk über einen der herausragenden Schweizer Maler des 20. Jahrhunderts. In «Fedier – Urner Farbenvirtuose» setzte der Filmemacher dem visionären Maler Franz Fedier ein Denkmal. Und sein erster Dok-Film «Charlie Chaplin – The Forgotten Years» über den Weltstar und Wahlschweizer räumte gleich mehrere internationale Preise und Auszeichnungen ab.

Die Idee, einen Film über Seelisberg und seine Yogis zu machen, habe er schon länger im Kopf gehabt, sagt Felice Zenoni. «Nicht nur aus Heimatliebe, sondern weil es eine verrückte Geschichte ist.» Zudem greife der Film ein gesellschaftliches Phänomen der 70er- und 80er-Jahre auf. Als vor gut vier Jahren klar wurde, dass die Yogis ihr Hotel verkaufen und von Seelisberg wegziehen wollen, ist das für Zenoni der richtige Moment für sein neues Projekt. Zuletzt lebten gerade noch 20 TM-Anhänger im «Yogi-Palast», wie Einheimische das einstige Grandhotel nannten. Jetzt wird es von einer Schweizer Immobilienfirma für 200 Millionen Franken aufgehübscht und soll irgendwann wieder Hotelgäste beherbergen.

<p>Einstige Weltzentrale: der Grosse Saal im «Sonnenberg» zur Zeit des indischen Gurus Maharishi Mahesh Yogi.</p>

Einstige Weltzentrale: der Grosse Saal im «Sonnenberg» zur Zeit des indischen Gurus Maharishi Mahesh Yogi.

Keystone

Vertrauen, Respekt und ein Glücksmoment

Für «Namaste Seelisberg» recherchierte der Filmemacher in 33 verschiedenen Archiven, las sich durch unzählige alte Zeitungs- und Magazinberichte, sichtete viele Kilometer historisches Filmmaterial. Das Besondere aber sind die Zeitzeugen, die Felice Zenoni aufgestöbert und für seinen Film dazu gebracht hat, offen vor der Kamera mit ihm über die wilden Jahre von Seelisberg zu sprechen. Das Wichtigste für ihn als Filmemacher sei, zuerst das Vertrauen der Leute zu gewinnen. «Sie müssen spüren, dass ich sie weder in die Pfanne hauen noch vorführen will.»

Seiner Verantwortung ist sich Zenoni bewusst. «Das hängt sicher auch mit meiner Erziehung zusammen und mit meinem Charakter. Ich bin kein Haudegen-Journalist.» Schon vom Elternhaus bekamen Zenoni und seine Geschwister Respekt mit auf den Weg. Sein ältester Bruder Gerold lebt als Benediktinermönch im Kloster Einsiedeln.

<p>Der Anhänger: Felix Kägi (l.) machte einst den Guru mit dem Ort über dem Rütli bekannt.</p>

Der Anhänger: Felix Kägi (l.) machte einst den Guru mit dem Ort über dem Rütli bekannt.

Thomas Meier

In «Namaste Seelisberg» kommen Yogis und Einheimische zu Wort: etwa Felix Kägi (72), einst Vorsitzender der TM-Bewegung Schweiz, der damals den Titel «Seine Hoheit Raja Dr. Felix Kägi» trug. Oder Hermann Zwyssig (81), ein Ur-Seelisberger, der sich als Hausmeister um den «Yogi-Palast» sowie die Bäume und Grünanlagen rund ums Hotel Sonnenberg kümmerte. Zwyssig bescherte Zenoni zudem einen besonderen Glücksmoment. Als er mit ihm sein Interview führte, sagte der Senior aus heiterem Himmel: «Also die Bäume schneide ich diesen Winter noch mal, aber im nächsten Jahr müssen die dafür jemand anderen suchen.» Der Satz kam so unerwartet, den hätte er sich als Filmemacher gar nicht ausdenken können, sagt Zenoni. So jedoch hatte er seinen Schluss für «Namaste Seelisberg» gefunden. «Namaste» stammt übrigens aus dem Sanskrit. Es bedeutet «Verbeugung vor dir» und ist zugleich Grussformel wie Ausdruck von Respekt. Respekt, den Zenoni auch in seinem jüngsten Film zeigt.

<p>Der Hausmeister: Hermann Zwyssig (r.)vor dem Fronalpstock. Der Guru nannte ihn «Mount Shiva».</p>

Der Hausmeister: Hermann Zwyssig (r.)vor dem Fronalpstock. Der Guru nannte ihn «Mount Shiva».

Thomas Meier
René Haerig, Ringier
René HaenigMehr erfahren
Von René Haenig am 28. Februar 2026 - 18:00 Uhr