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«Martins Freude zieht mich an»

Belinda Bencic zeigt ihrem Freund ihre Schweizer Heimat

Tennis-Weltstar in Oberuzwil SG. Belinda Bencic zeigt ihrem Freund Martin ihre Schweizer Heimat. Die Weltnummer 8 spricht im Interview über neue Hobbys, Liebe im Lockdown und verrät, wo sie Hündin Paula fand.

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Belinda Bencic mit ihrem Freund Martin Hromkovic und dem adoptierten neuen Familienmitglied: Hündin Paula.

Thomas Buchwalder

Paula und Snowy bellen im Garten gerade um die Wette. Eigentlich schimpfen sie über den Mann, der hinter der Hecke das Gras in ohrenbetäubender Lautstärke mäht. Das Haus der Familie Bencic im sankt-gallischen Oberuzwil ist wieder einmal richtig belebt. Belinda, 23, ist mit ihrem Freund und Konditionstrainer Martin Hromkovic, 38, zurück aus der Slowakei, Vater Ivan und Mutter Dana organisieren am Esstisch gerade den Tag. Am Wochenende wird Belinda mit Chiasso um den Interclub-Titel spielen – und ihn gewinnen. Davor nimmt sie sich Zeit, über das seltsame Jahr zu sprechen, das auch seine guten Seiten hat.

Oberuzwil, Wollerau, Bratislava – wo wohnen Sie jetzt eigentlich, Belinda?
In der turnierfreien Zeit bin ich entweder in Bratislava oder in meiner Heimat Oberuzwil. Die Basis Wollerau haben wir nicht mehr. Mein Vater und meine Mutter pendeln oft hin und her. Und mein Bruder Brian ist – solange er nicht Tennis spielt – hier im Elternhaus.

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Es heisst, Sie hätten sich in der Corona-Pause Hobbys zugelegt. Malen, Wandern, Kochen?
Ja, ich hatte im Lockdown mehr Zeit für mich. Ich kochte zweimal pro Tag. Wir machten einen Menüplan. Auch gebacken hab ich einige Sachen. Ich habe experimentiert.

Kann Ihr Freund ebenfalls kochen?
Ab und zu schaffen wir es zusammen. Eines unserer Lieblingsgerichte ist Spaghetti aglio e olio mit Shrimps. Ansonsten kochen wir sehr gesund mit viel Gemüse, auch aus dem Ofen. Aber ich backe fast lieber.

Normalerweise essen Sie in Hotels, Restaurants, Turnierkantinen. Ist das nicht öde?
Zum Kochen ist halt fast keine Zeit. Manchmal vermisse ich dann die Specials meiner Mutter. Unübertroffen ist ihre Marinade für Steaks. Und sie macht eine wahnsinnig gute Lasagne.

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Belinda im Garten des Elternhauses in Oberuzwil SG. «Ich geniesse die Ostschweiz in vollen Zügen.»

Thomas Buchwalder

Ab wann steckten Sie in der Corona-Zeit fest?
Mitte März flogen wir aus den USA in die Slowakei. Davor war gerade das Turnier von Indian Wells abgesagt worden. Dann kam der Tag, als Trump die Reiseblockade verkündete. In der Nacht schlief ich kaum. Ich wollte nur noch weg aus den USA. Ab nach Hause. Wir nahmen den zweitletzten Flug. Papi flog nach Zürich, ich mit Martin nach Wien. Und von dort in die Slowakei.

Was haben Sie während der vier Monate in der Slowakei gemacht?
Wir haben trainiert, kleine Turniere gespielt, den slowakischen Interclub gewonnen – und eine Hündin adoptiert. Paula. Sie ist aus einem Tierheim. Wir fahren dort ab und zu vorbei und gehen mit den Tieren spazieren. Um etwas Gutes zu tun. An einem Samstag fiel uns Paula auf. Es war so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Wir schauten uns an und dachten dasselbe: Wir wollen sie! Gleichzeitig überlegten wir, wie das machbar ist, wenn wir die ganze Zeit unterwegs sind. Ich sagte, das können wir doch keinem Hund antun. Aber Martins Papi ist pensioniert, hat Zeit und sagte, ihm tue ein wenig Beschäftigung draussen sowieso gut. Er könne auf sie schauen, wenn wir weg sind. Zwei Wochen später durften wir sie abholen.

Besitzen Sie in der Slowakei auch ein Haus?
Meine Eltern haben in Bratislava ein kleines Haus. Ich bin bei Martin in seiner Reihenhaus-Wohnung. Er ist momentan in der Weiterbildung zum Master als Konditionstrainer. Wenn er in der Slowakei ist, arbeitet er auch als Fitnesscoach.

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Links: Die Miele-Botschafterin Belinda Bencic (r.) kocht gern mit Mutter Dana: «Ich habe endlich Zeit, auf meinen neuen Geräten zu experimentieren.»

Thomas Buchwalder

Sie kamen erst vor ein paar Wochen in die Schweiz. Haben Sie die Familie vermisst?
Nein, uns tat die Zweisamkeit ganz gut. Corona hat zwar viel Schlechtes mit sich gebracht. Das Positive für mich war aber, einfach mal in Ruhe an einem Ort zu bleiben. Das habe ich mit Martin genossen. Auch wenn wir 24 Stunden am Tag zusammen waren. Es war schön, nicht zu reisen. Alle Koffer mal komplett auszupacken.

Blieben Sie sportlich diszipliniert, oder lebten Sie auch einmal in den Tag hinein?
Wir mussten schauen, dass wir eine Struktur in den Tag bekommen. Um acht Uhr geht der Wecker, um neun Uhr beginnt das erste Training, dann Frühstück. Und so weiter. Denn in der ersten Woche war es nicht so gut. Wir liefen nachmittags um drei noch im Pyjama herum (lacht). Da wussten wir: Das geht nicht! Sonst fallen wir in ein Loch.

Sie haben in den vergangenen Tagen Interclub in der Schweiz gespielt. Wie war das in diesem überschaubar prickelnden Ambiente?
Ich habe es sehr genossen. Denn ich kenne das ja von früher. Die kleinen Tennisklubs, die 100 oder 200 Leute, die zuschauen kommen. Es ist nett, sehr familiär. Es gibt ein Klubhaus, die Leute vom Klub geben sich immer Mühe. Das ist herzig. Ich hatte wieder mal ein Teamgefühl. Martin, Mami, Papi, der Hund – alle waren da.

«Ich denke nicht mehr ständig nach über den Körper, das Training und die Leistung»

Belinda Bencic

Sie haben auf Instagram Bilder geteilt, die Sie mit Ihrem Freund auf Wanderungen zeigen. Hat er die Schweiz erstmals gesehen?
Er war sicher schon vier- oder fünfmal hier. Aber so ausgiebig wie diesmal mit dem Seealpsee, der Hundwiler Höhe, dem Chäserrugg, dem Baden in der Thur und so weiter waren wir bislang noch nie in der Natur. Er wandert wie ich gerne, ist ein sehr aktiver Mensch. In der Slowakei gibts zwar ebenfalls Berge, aber die Idylle hier mit den Kühen war etwas Besonderes für ihn.

Auf den sozialen Medien sehen Ihre Fans auch Ihren sportlichen Körper. Sind Sie so leicht und so fit wie nie?
Ja, wahrscheinlich stimmt das. Aber das kam ja nicht von heute auf morgen. Seit ich mit Martin arbeite, ist das ein kontinuierlicher Prozess. Ich habe mich ein Jahr darauf konzentriert, Gewicht zu verlieren. Seit 2017 habe ich um die zehn Kilo verloren. Meine Schnelligkeit wurde besser, meine Kraft ist auf einem guten Niveau. Zu dünn sollte man beim Tennis ja auch nicht werden. Den Schwung und das Gewicht musst du in den Ball legen können. In der Bewegung fühle ich mich jetzt sehr gut. Ich habe die Balance gefunden.

Geht das mit 23 Jahren besser als mit 18, 19 Jahren, weil ein Mensch gefestigter ist?
Vielleicht, ja. Ich denke nicht mehr ständig nach über meinen Körper, mein Training und meine Leistung. Wenn eine Sportlerin das um jeden Preis will, verkrampft sie sich. Ich bin lockerer geworden, nehme nicht mehr alles so ernst. Ich sage nicht mehr: Das alles musst du in dieser Woche um jeden Preis schaffen! Wir machen es natürlich.

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Belindas Freund Martin hat Anteil am Erfolg: «Ich bin fit wie nie. Aber das kam nicht von heute auf morgen.»

Thomas Buchwalder

Was macht Martin als Mensch und als Konditionstrainer aus?
Er hat eine positive Ausstrahlung. Man spürt in jedem Moment, wie sehr er das Leben liebt. Seine Freude zieht mich an. Er ist bei allem leidenschaftlich. Wir haben uns viel zu erzählen, haben viele Gemeinsamkeiten. Ich glaube nicht so recht daran, dass sich Gegensätze anziehen. Wir verstehen uns oft ohne Worte. Er spürt es, wenn ich meine Ruhe brauche oder wenn ich sauer bin.

Mit Ihrem Vater können Sie ja ab und zu wie Blitz und Donner auf dem Platz sein. Passiert das mit Martin nie?
Martin kann auch impulsiv sein. Aber tendenziell ist er der beruhigende Part. Wir streiten fast nie. Ich habe gelernt, nicht in jeder Situation gleich auszuflippen. Mit dem Papi ist es ja so, dass wir nur kurz streiten. Fünf Minuten später ist alles wieder vergessen. Wir sind nicht nachtragend. Sport ist halt emotional.

Wie sieht Ihr Plan für die nächsten Wochen aus? Spielen Sie die US Open Ende August?
Ich habe mich noch nicht entschieden. Ich warte ab, wie die nächsten Turniere ablaufen. Es ist eine schwierige Entscheidung. Mal wache ich morgens auf und denke: Ich gehe. Am nächsten Tag will ich nicht. Die Ungewissheit macht einen müde.

Viele Spielerinnen ausserhalb der Top 100 quälen derzeit Existenzsorgen. Haben Sie in den Hilfsfonds einbezahlt?
Ja. Wie viele andere Topspieler auch. Aber grundsätzlich finde ich es traurig, dass es eine Pandemie braucht, damit der Sport eine faire Geste zeigt. Denn die Preisgelder werden ungerecht verteilt. Das grosse Geld ist erst ab den Halbfinals zu machen. Wer früh ausscheidet, muss mit praktisch nichts nach Hause. Und die Fixkosten sind hoch. Viele müssen sich überlegen, ob sie den Coach nach Übersee mitnehmen können. Fliegen 24 Stunden in der Eco nach Australien und spielen zwei Tage später. Das ist hart. Die 500 Besten einer grossen Sportart sollten davon leben können. Man stelle sich das einmal im Fussball oder Eishockey vor. Undenkbar!

Sie könnten es sich leisten, den Rest des Jahres einfach Ferien zu machen. Hätten Sie Lust?
Lust hätte ich. Vor allem auf mehr Berge. Die habe ich jetzt neu entdeckt. Die freie Zeit geniesse ich schon sehr. Aber wenn es von der Gesundheit her sicher ist, spiele ich gerne Tennis. Das ist schliesslich meine grosse Leidenschaft.

Von Christian Bürge am 16.08.2020
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