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Tipps vom Energiedirektor

Benoît Revaz: «Geht Ski fahren, aber drosselt die Heizung!»

Was Daniel Koch in der Coronakrise war, könnte in der Energiekrise Benoît Revaz werden: «Mister Energy», der die Schweiz durch den kalten Winter lotst. Auch wenn der Direktor des Bundesamts für Energie ein Gas-Blackout befürchtet, gibt er lieber pragmatische Tipps.

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Benoît Revaz

«Hier schalte ich gern ab.» Benoît Revaz steht in der Freiburger Altstadt auf der vor 150 Jahren erbauten ersten Betonstaumauer Europas.

Sedrick Nemeth

Herr Revaz, welche Art Heizung haben Sie hier daheim in der Stadt Fribourg?
Wir heizen mit Gas. Unterstützt von einem Pelletofen. Ich brauche nicht mehr Gas als mein Nachbar, habe keinen Generator und auch sonst keinen Zugang zu irgendeinem geheimen Netz (lacht).

Aber eine Photovoltaikanlage auf dem Dach ist sicher geplant? 
Hélas! Eben nicht! Wir wohnen in einem alten, schlecht isolierten, aber denkmalgeschützten Gebäude. Unmöglich, so etwas dort zu installieren. Auch die Bewilligungen für die geplanten Isolationsarbeiten brauchen Zeit.

Pendeln Sie mit dem Auto oder dem Zug zur Arbeit?
Mit Ausnahme von ausserordentlichen Ereignissen nehme ich natürlich immer den Zug. Der Sitz des Bundesamts für Energie ist nur fünf Fussminuten vom Bahnhof Ittigen bei Bern entfernt. Mein Auto brauche ich praktisch nur in meiner Freizeit.

Haben Sie einen Verbrenner oder ein Elektroauto?
Ich habe einen Camper mit einem Verbrennungsmotor, aber mit einem Solarpanel auf dem Dach.

Benoît Revaz

Der 51-Jährige wurde unter Doris Leuthard Direktor des Bundesamts für Energie mit 320 Angestellten. Der Walliser hat in Fribourg, wo er wohnt, Recht studiert, ist Vater zweier erwachsener Töchter und arbeitete bei den Elektrizitätsfirmen EOS und Alpiq.

Werden Sie als «Mister Energy» diesen Winter so berühmt wie Daniel Koch als «Mister Corona»?
Wir werden nach der Krise sehen, ob ich dann genauso wenig Haare haben werde wie Daniel (lacht). Aber natürlich steht das Amt jetzt unter Druck.  Und ich will es nicht verhehlen: Die Situation bei der Energieversorgung wird sich nicht automatisch mit dem Ende dieses Winters verbessern. Das Jahr 2023 und der folgende Winter 23/24 werden ausserordentlich schwierig, denn das Risiko ist gross, dass dann die Gasvorräte in ganz Europa aufgebraucht sind.

Können Sie uns versichern, dass es diesen Winter kein Blackout geben wird in der Schweiz?
Was ich sagen kann, ist, dass die jetzt verfügten Massnahmen unser Energieversorgungssystem gestärkt haben. Aber es gab noch nie eine solch angespannte Lage. Russland führt Krieg und spielt mit dem Gashahn. Wir sind, was die fossile Energie angeht, zu 100 Prozent auslandabhängig. Da kann uns niemand versichern, dass wir keine Mangellage haben werden. Aber wir müssen klar unterscheiden zwischen einer temporären Unterbrechung der Energieversorgung, die in der Regel etwa vier Stunden dauert, und einem richtigen Blackout, dessen Dauer niemand kennt.

Was heisst das?
Temporäre Abschaltungen habe ich in Kalifornien selber schon erlebt. Ich will die Auswirkungen eines solchen Ereignisses nicht unterschätzen, aber wenn wir alle Akteure der Energiebranche – Kantone, Gemeinden und Firmen – mobilisieren, sind wir fähig, solche Unterbrüche zu verhindern oder zu bewältigen, sollten sie trotzdem auftreten.

Droht der Schweiz das Blackout vom Ausland her?
Natürlich! Deshalb geht es in allen Fällen darum, genügend Kontingente aufzubauen, um zu verhindern, dass das System zusammenbricht. Ich gehe davon aus, dass wir einen Stromunterbruch in vernünftiger Zeit wieder beheben können. Eine Unterbrechung der Gasversorgung wäre hingegen eine Katastrophe, denn die Wiederaufnahme des Betriebs ist extrem zeitraubend.

Warum wäre ein Gas-Blackout so katastrophal?
Jeder Gasbrenner im Land, einer nach dem anderen, müsste vor der Wiederinbetriebnahme entlüftet und dann durch einen Techniker wieder in Betrieb genommen werden. Und es gibt Hunderttausende Gasbrenner in der Schweiz. Nur Gott weiss, was in dieser Zeit des Krieges noch alles passieren kann. Erste Sabotageakte in Europa gab es ja bereits.

Das Gas ist also wirklich Ihre grösste Sorge?
Ja, das ist so. Ohne Gas aus Russland, und wenn zudem in China die Konjunktur wieder anzieht, wird es ganz schwierig, die Gasvorräte in Europa in den Jahren 2023 und 2024 wieder genügend aufzustocken. Das macht unseren Kontinent sehr verwundbar. Je nachdem, wie hart der Winter wird, ist das Problem noch grösser.

Apropos Winter. Werden wir Skifans diese Saison sorgenfrei wieder auf die Pisten dürfen?
Die Schweizer Bergbahn- und Skiliftbetreiber waren rasch sehr proaktiv: Schon im Juli hat die Branche 80 Energiesparmassnahmen präsentiert und einen Plan vorgelegt, wann welche Anlagen im Notfall stillgelegt werden. Ehrlich gesagt, bin ich nicht allzu beunruhigt, wenn der Winter nicht übermässig streng wird. Aber auch dann müssten wir uns erst ab der zweiten Hälfte März Sorgen machen, wenn die Skisaison schon fast vorbei ist. Zudem fallen die paar Millionen Kilowattstunden der Bergbahnen angesichts der 30 Milliarden Kilowattstunden, welche die Schweiz im Winter insgesamt verbraucht, kaum ins Gewicht. Darum sage ich auch: Geht Ski fahren, aber dreht vor der Abfahrt in euren Wohnungen und Häusern die Heizung herunter!

Was ist Ihr wichtigster Ratschlag an die Bevölkerung?
Ich würde allen, welche die Möglichkeit dazu haben, raten, eine Fotovoltaikanlage zu installieren. Ich war kürzlich bei der Liechtensteiner Firma Hilti, die in 160 Ländern präsent ist. Die haben jetzt Hunderte Firmenparkplätze mit Fotovoltaikpanels überdeckt. Der Direktor sagt, das sei das beste Investment der Firma ever gewesen.

am 30. November 2022 - 07:00 Uhr