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Bernhard Russi

«Andermatt wird keine Stadt in den Bergen»

Skeptiker befürchten den Ausverkauf der Heimat. Bernhard Russi, 73, bezeichnet den Einstieg von Vail Resorts in seinem Heimatort Andermatt UR als «Sechser im Lotto».

Bernhard Russi, Ski-Legende

«Das Dorf Andermatt hat sich seit meiner Kindheit kaum verändert»: Russi blickt vom Nätschen übers Urserental.

Kurt Reichenbach

Als Johann Wolfgang von Goethe einst durchs Urserental wanderte, konnte er seine Begeisterung nicht zurückhalten: «Mir ists unter allen Gegenden, die ich kenne, die liebste und interessanteste.» Rund 250 Jahre später ist Bernhard Russi mit dem Dichter einer Meinung: «Andermatt ist mein Paradies. Hier bin ich geboren, hier habe ich fast immer gelebt, von hier will ich nie mehr weg.»

In diesen Tagen reiben sich im 1500-Einwohner-Ort aber einige die Augen und trauen ihren Ohren nicht. Die Kunde, dass Samih Sawiris, 65, die Mehrheit seiner Beteiligung an den lokalen Bergbahnen an die amerikanischen Investoren von Vail Resorts verkauft hat, lässt im Urserental und im benachbarten Tujetsch Fragen und kontroverse Meinungen aufkommen. «Da haben wir nicht mehr viel zu sagen», befürchten die einen. «Das ist unsere grosse Chance und vor allem unsere Versicherung», hoffen andere.

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Bernhard Russi, Ski-Legende

«Spatz» aus der Gamelle: Russi in seinem Restaurant Wachthuus.

Kurt Reichenbach

Russi setzt sich im Bergrestaurant Wachthuus an einen runden Tisch. Die frühere Armee-Einrichtung übernahm er vor drei Jahren mit seinem Kollegen Al Breach, 49, und Samih Sawiris (als Minderheitsaktionär) und beförderte sie zu einem beliebten Pistenstopp. Hier wird unter anderem in Gamellen «Spatz» serviert.

Der Ort ist quasi ein Sinnbild für Andermatts Wandel – vom Militärstützpunkt zum modernen Touristenort. Russi erklärt: «Als sich die Armee zur Jahrhundertwende aus dem Ort zurückzog, gingen zahlreiche Jobs und Aufträge für das lokale Gewerbe verloren.» Auch viele Lehrstellen seien betroffen gewesen. Deshalb habe es viele Junge talwärts gezogen: «Die Bevölkerung ging von 1600 auf 1200 zurück. Heute zählt sie wieder über 1500.» 

Wendepunkt war das Engagement des ägyptischen Investors Samih Sawiris vor 17 Jahren. 130 Millionen Franken wurden allein in die Bergbahnen investiert. Wo einst Soldaten über die Kampfbahn robbten und Schiessübungen absolvierten, entstand eine komplett neue Ferienlandschaft mit mehreren Hotels – darunter das Fünfsternehaus The Chedi –, Ferienhäusern, einer hochmodernen Konzerthalle, einem 18-Loch-Golfplatz, Geschäften sowie dem Sport- und Freizeitzentrum mit Hallenbad. «Samih Sawiris hat Andermatt wachgeküsst», sagt Russi.

Nur etwas habe er nie gewollt – sich an den Bergbahnen beteiligen. Deshalb sei es für ihn eine Erleichterung, dass er nun die Mehrheit an diesem Paket an die US-Investoren abtreten könne, sagt Russi – und hält gleichzeitig fest: «Bei Andermatt Swiss Alps, die für Hotellerie und touristische Infrastruktur im Dorf verantwortlich ist, bleibt Samih der starke Mann.»

«Wo wären wir ohne ausländisches Geld?»

Das Unbehagen, das in gewissen Kreisen mit dem Geschäft verbunden ist, kann Russi nachvollziehen. Etwas Neues sei immer auch eine Herausforderung. Doch von einer Fernsteuerung will er nichts wissen: «Es sind noch zu viele Anteile in Schweizer Hand, als dass sich die Amerikaner über alles hinwegsetzen könnten.» Und ohnehin hätten die Investoren aus Vail schnell realisiert, dass sie ohne einheimisches Know-how verloren wären: «Sie wissen über die geografischen Besonderheiten, die hohen und steilen Berge, die Lawinensituation und den Umgang mit den Schneemassen zu wenig. Deshalb werden sie keine lokalen Leute auswechseln.»

Russi bezeichnet den Deal als einen «Sechser im Lotto», von dem alle profitieren: «Der Bäcker, der Schreiner, der Sanitärinstallateur.» Und der frühere Skistar fügt fragend an: «Wo wären wir heute ohne ausländisches Geld? Wie viele Lehrstellen hätten wir? Wäre die Schulhaus-Renovation möglich gewesen? Hätte die Gemeinde die Steuern in den vergangenen Jahren zweimal senken können?»

Bernhard Russi, Ski-Legende

Verheissungsvolle Zukunft: Russi freut sich auf den Support aus den USA. 

Kurt Reichenbach

Andermatt ist nicht allein. In Crans-Montana besitzen russische Investoren die Bergbahnen, nach Saas-Fee fliesst Geld aus Österreich. Art Furrer, 85, Hotelpionier von der Riederalp VS, strebte vor einigen Jahren eine Zusammenarbeit mit französischen Geldgebern an. Doch das Geschäft scheiterte, weil in den Gemeinden die Opposition zu gross wurde. Furrer sieht die Situation deshalb differenziert – und erkennt für Andermatt «mehr Positives als Negatives». Zwar könne ein Teil der Selbstbestimmung verloren gehen, aber frisches Geld sei für die Tourismusbranche überlebenswichtig. 

«Klein und überschaubar»

Urs Kessler, 59, CEO der Jungfraubahnen, sagt, dass jedes neue Angebot die gesamthafte Attraktivität der Schweiz steigere. Mit Andermatt stehe seine Region in keinem Konkurrenzverhältnis: «Eiger, Mönch und Jungfrau kann uns niemand nehmen.» Die Jungfrauregion selber unterhalte eine Kooperation mit Sölden – im Bereich von Werbung, Medienarbeit, Marketing und auf informeller Ebene. 

Dass Andermatt weder mit den Monumenten der Berner Alpen noch mit Zermatt und dem Matterhorn oder mit St. Moritz in Konkurrenz treten kann, denkt auch Bernhard Russi. «Wir wollen qualitativ zwar näher an diese Orte kommen, aber wir werden immer klein und überschaubar bleiben. Das ist unser Trumpf! Wir werden nie eine Stadt in den Bergen.» 

«Es sind zu viele Anteile in Schweizer Hand, als dass sich die Amerikaner über alles hinwegsetzen könnten»

Bernhard Russi

Überhaupt denkt er nicht, dass sich Andermatt seit seiner Kindheit als Ort extrem verändert habe: «Dort, wo heute das ‹Chedi› steht, war früher das Hotel Bellevue. Und eine moderne Überbauung hat den Standort des früheren Grandhotels eingenommen.» Und dass die Preise für eine Tageskarte auf 250 Franken steigen könnten, schliesst er aus: «Dann würde niemand mehr Ski fahren. Und letztlich sind es die Gäste, das heisst die Märkte, welche die Preise diktieren.»

«Der Ort blüht auf»

Bernhard Russi steht auf den Ski und blickt während der Talabfahrt auf seinen Heimatort hinunter. Für einen Moment gewinnt die Sonne den Kampf gegen die Wolken und schickt ein paar Strahlen nach Andermatt. Es ist wie ein Zeichen des Himmels – oder wie es Russi sagt: «Der Ort blüht, die Fassaden werden neu gestrichen. Die Menschen stellen Blumen auf die Fensterbänke. In Andermatt schlägt der Puls einer neuen Epoche.» 

Von Thomas Renggli am 10. April 2022 - 08:02 Uhr
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