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  4. Jean-Claude Biver: Luxusuhren-Pionier lanciert eigene Marke
Uhrenpapst Jean-Claude Biver

«Bevor ich sterbe, möchte ich etwas zurückgeben»

Er lernte das Handwerk bei Audemars Piguet. Belebte Blancpain. Leitete Omega und Hublot. Jetzt startet Uhrenpapst Jean-Claude Biver mit seiner eigenen Marke durch – in einem Alter, in dem andere die Pension geniessen.

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<p>Hoch über dem Genfersee geniesst Jean-Claude Biver in La Tour-de-Peilz VD auf seinem Château La Poneyre aus dem Jahr 1865 das Leben inmitten der Natur.</p>

Hoch über dem Genfersee geniesst Jean-Claude Biver in La Tour-de-Peilz VD auf seinem Château La Poneyre aus dem Jahr 1865 das Leben inmitten der Natur.

Nicolas Righetti / Lundi13

Er bot bei Hublot mit der Big Bang All Black schon Luxusuhren mit schwarzem Zifferblatt, schwarzen Zeigern und schwarzen Zahlen an. Die Uhrzeit hätten heute ja alle auf ihrem Handy, pflegte Unternehmer Jean-Claude Biver (76) jeweils verschmitzt lachend zu sagen. Die Uhr als reines Accessoire. Jetzt baut der Uhrenpapst wieder eine verrückte Uhr. «Bei meinen eigenen Biver Watches gehe ich keine Kompromisse mehr ein», verspricht er. In fast 50 Jahren in der Luxusuhrenindustrie habe er immer wieder zu hören bekommen, das sei zu teuer, das könne man nicht verkaufen. «Jetzt will ich punkto Materialien und Qualität keine Abstriche mehr machen.» Das gilt nicht nur für die sichtbaren Elemente wie Zeiger und Zifferblatt, sondern für sämtliche Teile im Uhreninnern.

«Alle Uhrenhersteller polieren die Oberseite der Zeiger und des Zifferblatts. Das kann jeder», so Biver in seiner Manufaktur im waadtländischen Givrins. «Aber ich poliere jetzt auch die Unterseiten, jedes Rädchen, jede Schraube.» Wie schon die Uhrmacher im 16. oder 17. Jahrhundert, bevor die Industrialisierung gekommen sei. Diese Arbeit ist laut Biver mit grossen Risiken verbunden. Die Teile seien sehr dünn, das 18-karätige Gold sehr heikel. «Die Gefahr ist gross, dass ein Zeiger bricht oder sich verbiegt.» Auch sei der Unterschied zwischen Polieren und Schwarzpolieren riesig. «Wir bearbeiten die Teile so, dass sie eine besonders tiefe, spiegelnde Oberfläche mit dunklem, fast schwarzem Glanz erhalten.»

<p>Biver in seiner Manufaktur in Givrins VD. Er will jedes Rädchen und jede Schraube im Innern der Uhr so aufwendig behandeln wie alle sichtbaren Elemente.</p>

Biver in seiner Manufaktur in Givrins VD. Er will jedes Rädchen und jede Schraube im Innern der Uhr so aufwendig behandeln wie alle sichtbaren Elemente.

Nicolas Righetti / Lundi13

Nach vielen Versuchen ist es den Technikern aus dem Hause Biver gelungen, die sonst schon filigranen Zeiger zu gravieren. Die Minutenpunkte auf dem Zifferblatt ziert ein ganz kleiner Diamant. «Man muss die Lupe nehmen, um ihn zu sehen», sagt der Ökonom. «Nur der Besitzer weiss es. Das ist pure Schlichtheit und Eleganz.»

«Leidenschaft treibt mich an»

Im Fond seines Mercedes-Maybach schildert Biver auf der gut einstündigen Fahrt von Givrins zu seinem Wohnort La Tour-de-Peilz VD, weshalb er es mit der eigenen High-End-Marke nochmals wissen will. «Die Leidenschaft treibt mich seit 50 Jahren an», sagt er. «Da unterscheidet man nicht mehr zwischen Freizeit und Arbeit.» Er sei sich jedoch bewusst, dass er sich jetzt in der letzten Phase seines Lebens befinde. «Ich hatte eine tolle Zeit und habe viel erlebt. Bevor ich sterbe, will ich etwas zurückgeben.» Es geht ihm nicht nur darum, eine Uhr als Vermächtnis zu hinterlassen. Vor allem freut er sich, dass er die Marke Biver zusammen mit seinem Sohn Pierre (25) lancieren konnte. «Ich möchte ihn unterstützen und begleiten.»

<p>Minutenrepetition plus Tourbillon und dezentraler automatischer Aufzug: Die Biver Carillon Tourbillon Deep Blue mit Saphiren kostet CHF 1350000.–.</p>

Minutenrepetition plus Tourbillon und dezentraler automatischer Aufzug: Die Biver Carillon Tourbillon Deep Blue mit Saphiren kostet CHF 1350000.–.

Die Herstellung braucht Know-how, Zeit – und hat ihren Preis. «Diese Arbeit beherrschen nur wenige – und auch nur wenige können sie bezahlen.» 50'000 Franken teuer ist das Einstiegsmodell, für ein Topmodell müssen Interessenten eine halbe Million Franken hinblättern. Mit Juwelen steigen die Preise auf über eine Million. «Qualität und Herstellung sind bei allen Modellen gleich, die Preisunterschiede ergeben sich einzig durch unterschiedlich teure Materialien wie Titan, Gold oder Platin», erklärt Biver.

Bisher nicht vom Zollhammer betroffen

Der Uhren-Aficionado sagt seinen Leuten immer wieder: «Nach langer Zeit hat der Käufer den Preis für die Uhr vergessen. Aber die Qualität vergisst er nie.» Nach Jahren werde dieser seinem Enkel sagen, schau, die habe ich schon vierzig Jahre, und sie läuft immer noch tadellos. Genauso ist es ihm selber ergangen. «Auf dem Totenbett hat mir mein Vater seine LeCoultre in die Hand gedrückt und gesagt: Pass auf diese Uhr auf, Jean-Claude, sie ist etwas Besonderes. Meine Mutter hatte sie ihm 1947 geschenkt.» Die Uhr laufe heute noch.

<p>Auf sie kann er zählen: Ehefrau Sandra gibt dem unermüdlichen Schaffer in den oft hektischen Zeiten Kraft und Rückhalt. </p>

Auf sie kann er zählen: Ehefrau Sandra gibt dem unermüdlichen Schaffer in den oft hektischen Zeiten Kraft und Rückhalt. 

Nicolas Righetti / Lundi13

Vier Monate benötigt das 30-köpfige Team in Givrins für eine Uhr. Pro Jahr fertigt es 120 Exemplare. Es sind sehr schlichte Modelle. «Das Design einer solchen Uhr muss ewig sein», sagt Biver. Kein modischer Schnickschnack. Am besten laufen die Uhren in den USA, dieser Markt macht etwa 35 Prozent aus. «Weil jeder Käufer eine Anzahlung von 30 Prozent machen und etwa ein Jahr auf seine Uhr warten muss, hat uns der Zollhammer von Trump bis jetzt nicht getroffen.» Dennoch ist er froh darüber, dass die Schweiz nun einen neuen Deal ausgehandelt hat. Dass es 15 und nicht wie bis anhin in der Uhrenbranche zwei Prozent sind, stört ihn nicht gross: «Ich bin mit unserer Kollektion und unseren Innovationen mit Blick auf die Konkurrenz sehr zufrieden.» Schon mehrmals habe er in der Vergangenheit gerade in schwierigen Situationen mit besonderer Kreativität und Innovation punkten können. Bis Mitte 2027 sind sämtliche Biver Watches ausverkauft.

«Die Natur macht demütig»

Schon früh in seinem Leben setzte sich Jean-Claude Biver ein klares Lebensziel: Er wollte zwei Spuren in seinem Leben hinterlassen. Eine Spur des Berufs und eine der Liebe. «Mit der eigenen Uhrenmarke zusammen mit Sohn Pierre treffen sich nun diese Spuren gegen Ende meines Lebens.» Für ihn ist Liebe mehr als die Verbindung zwischen zwei Menschen. Liebe bedeute teilen und weitergeben. Verzeihen, aber auch Treue und Respekt vor Menschen, Tieren und der Natur.

<p>Oft kocht er selber. Jean-Claude Biver liebt die unverfälschte, ehrliche Küche: «Es geht nichts über einen feinen Härdöpfel mit Butter.»</p>

Oft kocht er selber. Jean-Claude Biver liebt die unverfälschte, ehrliche Küche: «Es geht nichts über einen feinen Härdöpfel mit Butter.»

Nicolas Righetti / Lundi13

«Wir müssten wieder viel stärker nach den Gesetzen der Natur leben», fordert er. Er sei oft draussen am Laufen oder Velofahren. Die Natur mache demütig. Er schätzt aber auch ihre Köstlichkeiten. Oft seien einfache Dinge fantastisch. «Manchmal esse ich drei-, viermal in der Woche einen frischen Härdöpfel mit Butter – es gibt nichts Besseres.» Er lacht. «Ausser einem Stück meines eigenen Etivaz-Alpkäses mit einem Glas Burgunder!»

Text: Max Fischer vor 4 Stunden