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Daniel Jositsch

«Mein Sohn war nicht begeistert»

SP-Ständerat Daniel Jositsch will Bundesrat werden. Obwohl seine Parteileitung explizit ein Frauenticket wünscht. Warum er als junger Vater nicht für die Landesregierung kandidiert hätte und welche Politfrau ihn berät.

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Daniel Jositsch, Bundesratskanditat, in der Hochschule für Wirtschaft Zürich

«Es geht ums Prinzip.» Daniel Jositsch in der Hochschule für Wirtschaft in Zürich, wo er eine Vorlesung hält.

Nik Hunger

Daniel Jositsch (57) ist ein Meister des Zeitmanagements. Das Interview mit der Schweizer Illustrierten schiebt der SP-Ständerat und Strafrechtsprofessor am Mittwoch zwischen eine Zoom-Sitzung der linksliberalen SP-Reformgruppe und ein Meeting an der Hochschule für Wirtschaft in Zürich. Eine Studentin bleibt stehen und sagt: «Ich wünsche Ihnen viel Glück für die Bundesratskandidatur.» Jositsch strahlt. Wenige Stunden später wird klar, dass er nicht mehr als einziger Kandidat für die SP ins Rennen steigt. Die Bernerin Evi Allemann (44)  Mutter von zwei Kindern im Alter von elf und sieben Jahren, hat als erste Frau ihre Kandidatur lanciert.

Herr Jositsch, mit Ihrer Kandidatur haben Sie weit über die Partei hinaus eine Geschlechterdebatte ausgelöst. Haben Sie damit gerechnet?
Ja. Ich finde es wichtig, dass man das Thema diskutiert. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in eine fast religiöse Gleichstellungsdebatte geraten, in der man nichts mehr sagen darf.

Wie sind die Rückmeldungen auf Ihre Kandidatur aus Ihrem weiblichen Umfeld?
Sehr positiv. Viele Frauen sagen mir: Frauen mit einem reinen Frauenticket zu pushen – das haben wir doch gar nicht nötig!

Die Schweiz hatte erst neun Frauen im Bundesrat. Ist es nicht vertretbar, dass gerade die SP, die sich die Gleichstellung auf die Fahne schreibt, auf ein Frauenticket setzt?
Wenn die Fraktion am Schluss zwei Frauen zur Wahl vorschlägt, habe ich damit kein Problem. Es geht darum, die Auswahl nicht schon vorher einzuschränken. Wegen der Zauberformel ist die Partei ja schon gesetzt, Nicht-Parlamentarier haben kaum Chancen, andere sind zu jung oder zu alt, oder die familiäre Konstellation stimmt nicht. Wenn man da noch Kandidaten wegen des Geschlechts oder des Kantons ausschliesst, kommt man zu keiner vernünftigen Lösung.

Daniel Jositsch, Bundesratskanditat, in der Hochschule für Wirtschaft Zürich

«Wäre mein Sohn 12 Jahre oder jünger, hätte ich nicht kandidiert»: Daniel Jositsch.

Nik Hunger

Ihre Partei stellt 64 Prozent Frauen im Parlament. Glauben Sie nicht, dass darunter genug fähige Kandidatinnen sind?
Doch. Gerade deshalb sollten Männerkandidaturen nicht ausgeschlossen werden.

Die Parteileitung wünscht sich eine junge Mutter wie Evi Allemann als Bundesrätin. Was sagen Sie dazu?
Egal ob Mann oder Frau, es ist eine individuelle Entscheidung. Mein Sohn ist jetzt 18 Jahre alt. Wäre er 12 oder jünger, hätte ich persönlich nicht kandidiert. Ich habe aber Isabelle Moret als Nachfolgerin von Johann Schneider-Ammann unterstützt, obwohl sie kleine Kinder hatte – genauso wie Alain Berset.

Warum wären Sie als Vater jüngerer Kinder nicht angetreten?
Mein Sohn war knapp vier Jahre alt, als ich Nationalrat wurde. Damals plagte mich häufig das schlechte Gewissen, weil ich zu wenig Zeit für ihn hatte. Immerhin konnte ich die ganz wichtigen Termine wahrnehmen: So schwänzte ich etwa die Session, um an einem Besuchsmorgen in der Schule teilzunehmen.

Alain Berset hat drei Kinder, das jüngste war bei Amtsantritt sieben. Warum nicht eine junge Mutter?
Das kommt sehr auf die Situation an. Ich war von der Mutter meines Sohnes getrennt, und mein Sohn wohnt ausserhalb von Zürich. Von Bern brauche ich zwei Stunden, weshalb das mit einem Bundesratsamt sehr schwer vereinbar ist. Wenn man aber in Bern oder in der Nähe wohnt, dann ist das anders. Wie gesagt, es ist eine individuelle Entscheidung, die bei der Wahl keine Rolle spielt.

Haben Sie Ihre Kandidatur mit Ihrem Sohn besprochen?
Ja klar. Mein Sohn hat durchaus Vorbehalte. Begeistert war er nicht. Er ist jetzt im Maturajahr am Gymnasium und wird wegen meiner Kandidatur natürlich vermehrt angesprochen.

Hängt jetzt der Familiensegen schief?
Keinesfalls. Wir haben diskutiert und seine Ängste besprochen. Für uns ist klar: Es wird jetzt einen Monat lang mühsam, dann ist die Sache gegessen.

Wann haben Sie den Entscheid zur Kandidatur getroffen?
Ich habe mir schon länger überlegt, wie es wäre, Bundesrat zu sein. Hintergrund sind meine bald 16 Jahre im Parlament, meine Erfahrung und die Tatsache, dass ich immer wieder darauf angesprochen wurde. Es war kein Ad-hoc-Entscheid.

Haben Sie mit Weggefährtinnen gesprochen? Etwa mit Kollegin Chantal Galladé?
Klar. Sie ist eine meiner wichtigsten Beraterinnen.

Das ist Daniel Jositsch

In jungen Jahren gehörte der gebürtige Limmattaler der Grünen Partei an, wechselte dann zur SP. Von 1991 bis 1995 war er Geschäftsführer der Schweizer Handelskammer in Kolumbien. Seit 2011 sitzt der Zürcher Strafrechtsprofessor im Parlament. Zuerst im Nationalrat, seit 2015 im Ständerat. Er lebt in Stäfa, ist geschieden und hat einen Sohn.

Was motiviert Sie für das Amt?
Ich bringe die Grundvoraussetzungen mit: Ich kenne das Bundeshaus und auch die amtierenden Bundesräte sehr gut, mit allen arbeite ich schon länger zusammen. Als Strafrechtsprofessor und Präsident des Kaufmännischen Verbands der Schweiz habe ich beruflich einen guten Hintergrund. Von der persönlichen Konstitution her kommt mir entgegen, dass ich mit Druck und Angriffen, die man aushalten muss, gut umgehen kann. Aber ich habe grossen Respekt vor dem Amt.

Simonetta Sommaruga hat diesen Sommer praktisch durchgearbeitet, auch Ferien hat sie abgesagt.
Ja eben. Mir hilft, dass ich nicht mehr so familiär eingespannt bin. Wissen Sie, ich kämpfe eher um Termine bei meinem Sohn (lacht). Er ist sehr engagiert in der Cevi und mit seinen Freunden. Er ruft mich oft an und sagt: Wann kommst du am Samstag? Er habe nämlich nicht lange Zeit. Also arbeite ich heute schon oft am Wochenende. Weil ich das, was ich mache, gerne tue. Ferien gibts bei mir kaum.

Wirklich?
Ich reise regelmässig nach Kolumbien, wo ich auch mal fünf Jahre gelebt habe. Aber dort liege ich nicht am Strand, sondern gebe Vorlesungen an der Universität oder halte Seminare. Das Einzige, was ich privat mache, sind Museumsbesuche oder Wandern.

Apropos Kolumbien: Seit Anfang 2017 haben Sie den kolumbianischen Pass. Geben Sie diesen ab?
Ich könnte das pro forma machen, das tue ich aber nicht. Das hat bei mir sehr viel mit Herz zu tun (greift sich ans Herz). Kolumbien ist meine zweite Heimat, die Schweiz meine erste. Klar ist aber, dass ich als Bundesrat die mit der kolumbianischen Nationalität verbundenen Rechte nicht ausüben würde: Sprich, ich würde nicht wählen, nicht mit dem Pass reisen. Aber die kolumbianische Staatsbürgerschaft behalte ich.

Nochmals zu Ihrer Kandidatur: Haben Sie nicht Angst, dass Sie den Zusammenhalt in der SP gefährden?
Nein, weil es nicht um eine Debatte wie etwa Europa geht, sondern um eine Verfahrensfrage. Ich habe noch vor zwei Tagen mit Parteipräsident Cédric Wermuth telefoniert.

Sie reden noch miteinander?
Ja klar. Vieles wird von den Medien aufgebauscht. Doch dass man über uns spricht, dient der Sozialdemokratie!

Wenn ausgerechnet die SP über die Geschlechterfrage streitet?
Nicht streiten! Die Parteileitung hat einen Antrag gemacht – ich einen Gegenantrag. Am Schluss entscheidet die Fraktion.

Das klingt sehr anwaltschaftlich.
Das ist Politik. Wir haben keine Ehe, in der man jetzt Krach hätte. Wir sind alle Profis. Und wie schon gesagt, wenn man mich zum Spiel zulässt, spiele ich selbstverständlich auch nach den Regeln. Sprich: Wenn die SP zwei Frauen aufs Ticket setzt, respektiere ich das.

Daniel Jositsch, Bundesratskanditat, in der Hochschule für Wirtschaft Zürich

Trainiert jeden Tag auf dem Hometrainer. Sowohl an seinem Wohnort Stäfa, in der Wohnung in Zürich und in Bern steht ein solches Gerät.

Nik Hunger

Sind Sie denn grundsätzlich für Frauenquoten?
Ich war nie für Quoten – sie bringen immer Probleme mit sich. Selbst Cédric Wermuth musste bei seiner Ständeratskandidatur am Schluss einen rhetorischen Trick anwenden, weil eigentlich eine Frau kandidieren sollte. Ich bin für Frauenförderung. An der Uni Zürich war das Strafrecht früher eine absolute Männerdomäne. Dann führten wir bei den Professuren ein, dass bei gleicher Qualität eine Frau bevorzugt wird. Das gilt bis heute. Nun sind von acht Posten drei mit Frauen besetzt. Im Gegensatz zu früher sitzen in meinen Vorlesungen heute mehr als 50 Prozent Frauen. Damit steigt die Zahl von Assistentinnen, Doktorandinnen, Oberassistentinnen und schlussendlich Professorinnen. Das wächst von unten.

Im Parlament wächst die Zahl der Frauen auch: Dennoch haben wir bis heute nur neun Bundesrätinnen!
Die Fehler der Vergangenheit können nicht korrigiert werden. Die Zahl 112 zu 9 ist daher nicht relevant. Was zählt, ist das Verhältnis heute: Und das ist drei Frauen zu vier Männern.

Wenn Sie gewählt werden, wären es allerdings nur noch zwei Frauen.
Das stimmt nicht. Nach der SP-Logik müsste die Partei bei den SVP-Kandidaten zwingend Michèle Blöchliger wählen. Ich werde, wenn die SP Männerkandidaturen ausschliesst, folgerichtig dafür plädieren, dass wir nur Frau Blöchliger wählen.

Ist das nicht trötzlig?
Nein, das ist konsequent. Man kann bei mir nicht sagen, ein Mann, das geht nicht, und bei der SVP schauen wir auf die Qualität. Genau das stört mich. Als ich Karin Keller-Sutter 2010 bei ihrer ersten Kandidatur für den Bundesrat vorgeschlagen habe, wurde ich in der Fraktion fast gesteinigt. Da hiess es: Frau alleine – das genügt nicht.

Von Jessica Pfister am 10. November 2022 - 09:08 Uhr