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Albert Rösti und Elisabeth Baume-Schneider

Die Wahl der Herzlichen

Für Albert Rösti ist die Bundesratswahl ein Start-Ziel-Sieg. Ihre Wahl hingegen ist eine Sensation: Elisabeth Baume-Schneider überholt die Favoritin und erobert den ersten Sitz für ihren Kanton, den Jura. Mit Charme, Unbeschwertheit und Witz.

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07.12.2022; Bern; Inland - Bundesratswahlen; Die beiden frisch Gewaehlten: Bundesraetin Elisabeth Baume-Schneider und Bundesrat Albert Roesti (Yoshiko Kusano/freshfocus) --------------------------------------------------------------------- ACHTUNG REDAKTIONEN: KEINE ABONNEMENTS, ES GELTEN DIE PREISEMPFEHLUNGEN DES SAB - MANDATORY CREDIT, EDITORIAL USE ONLY, NO SALES, NO ARCHIVES ---------------------------------------------------------------------

Plötzlich Bundesrat: Elisabeth Baume-Schneider und Albert Rösti, flankiert von zwei Bundesweibeln.

Yoshiko Kusano/Freshfocus

Elisabeth Baume-Schneider (58) ist die Siegerin der Emotionen. Das spürt man beim Empfang der neuen Bundesrätin am Weihnachtsessen der SP im Kulturzentrum Progr. Unter tosendem Applaus ihrer Genossinnen und Genossen packt die Jurassierin die Hand von Kollegin Simonetta Sommaruga (62) und reisst sie in die Höhe. Die scheidende Magistratin, die zuvor mit dem künftigen Bundespräsidenten Alain Berset (50) in der Kälte auf ihre Nachfolgerin wartete, freut sich. «Ich schätze Elisabeth sehr.» Diesen Sommer habe ich sie im Jura getroffen. Und ich habe gespürt, wie stark sie bei den Menschen im Volk verankert ist.»

Bundesraetin Elisabeth Baume-Schneider und Alt Bundesraetin Simonetta Sommaruga begruessen sich im Hof des Progr zum Empfang durch die SP Fraktion, am Mittwoch, 7. Dezember 2022 in Bern. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Simonetta Sommaruga umarmt ihre Nachfolgerin Elisabeth Baume-Schneider herzlich. 

Keystone

Mit ihrem leuchtblauen Mantel ist Elisabeth Baume-Schneider schon frühmorgens um 6.45 Uhr ein Lichtblick auf dem noch dunklen Bundesplatz. Sie kommt – von ihrer persönlichen Mitarbeiterin flankiert, mit dem Telefon am Ohr und einem Lächeln im Gesicht – auf die Journalistin zu und drückt ihr die Hand. «Ja, ich bin nervös, aber zuversichtlich», sagt sie. Kurze Zeit später huscht ihre Konkurrentin, SP-Ständerätin Eva Herzog (60) schnellen Schrittes Richtung Bundeshaus. «Ich bin schon zu spät dran, habe keine Zeit.»

Gemeinsam warten

Einen Moment der Ruhe gönnen sich dann aber beide Bundesratskandidatinnen zusammen im Café Vallotton im Bundeshaus bei einem Espresso und einem Cappuccino. «Wir sind zwar Konkurrentinnen, aber schätzen uns sehr», sagt Baume-Schneider.

BR Wahl 7.12.2022 Roesti und Baume-Schneider. Foto: Karl-Heinz Hug

Konkurrentinnen beim Kaffee vor der Wahl. Elisabeth Baume-Schneider aus dem Jura und die Baslerin Eva Herzog.

Karl-Heinz Hug

Danach gehts in die Vereinigte Bundesversammlung – Baume-Schneider sitzt ganz rechts hinter der SVP-Fraktion, Eva Herzog hinter der FDP auf den Sitzen des Ständerats. Hier verfolgen die beiden, wie sich SVP-Bundesrat Ueli Maurer (72) mit einem lauten Jauchzer verabschiedet und SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga sagt: «Es war mir eine Ehre.»

Dann kommt SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi (43) ans Pult – und nennt prompt ein falsches Gründungsjahr seiner Partei. Favorit und SVP-Nationalrat Albert Rösti (55) schmunzelt. Sein Konkurrent Hans-Ueli Vogt (53) verfolgt den ersten Wahlgang auf der Besuchertribüne – er ist im Gegensatz zu Rösti kein Mitglied mehr des Parlaments. Doch kaum begonnen, ists schon vorbei. Bereits nach einem Wahlgang steht fest: Albert Rösti ist der neue Bundesrat! Auffällig: Die erste Gratulantin mit Küsschen ausserhalb der SVP ist Baume-Schneider.

07.12.2022; Bern; Inland - Bundesratswahlen; Bundesrat Albert Roesti kuesst seine Ehefrau Theres (Yoshiko Kusano/freshfocus) --------------------------------------------------------------------- ACHTUNG REDAKTIONEN: KEINE ABONNEMENTS, ES GELTEN DIE PREISEMPFEHLUNGEN DES SAB - MANDATORY CREDIT, EDITORIAL USE ONLY, NO SALES, NO ARCHIVES ---------------------------------------------------------------------

Familie Rösti. Albert küsst nach der Wahl seine Ehefrau Theres. Feiern mit: Mutter Hanni Rösti (u. l.). Hintere Reihe: Makelle Kelly, Freundin von Sohn André, Marco Schmid, Freund von Tochter Sarina (v. l.).

Yoshiko Kusano/Freshfocus
Von Anfang an in Front

Kurz darauf bahnt sich die Sensation an. Denn bereits nach dem ersten Wahlgang liegt die Basler Favoritin Eva Herzog 13 Stimmen hinter ihrer Konkurrentin aus dem Jura. Für Raunen im Saal sorgen zudem die 58 Stimmen, die an SP-Ständerat Daniel Jositsch gehen. Dass er sich selbst nicht sofort oder spätestens nach dem zweiten Wahlgang aus dem Rennen nimmt – Baume-Schneider liegt immer noch leicht vor Herzog –, bringt ihm später nicht nur von SP-Co-Präsident Cédric Wermuth harsche Kritik ein.

Während alle gespannt auf das Ergebnis des dritten Wahlgangs warten, nimmt Herzog einen grossen Schluck Multivitaminsaft, bevor sie sich mit FDP-Frauen-Präsidentin Susanne Vincenz-Stauffacher (55) unterhält. Baume-Schneider wird derweil von Parteikollege Pierre-Yves Maillard (54) geherzt. Vom Gewerkschaftschef hat sie ein schwarzes Büsi adoptiert, das bei ihr zu Hause in Les Breuleux wohnt.

«Ich kann auch ernst»

Dann verkündet Nationalratspräsident Martin Candinas (42) das Resultat: Gewählt ist mit 123 Stimmen – Elisabeth Baume-Schneider! Die Überraschung ist perfekt. Grosser Applaus, die neue Bundesrätin wirft die Hände in die Luft. Vor lauter Aufregung vergisst sie bei ihrer Rede eine Seite, die sie mit Grussworten für die rätoromanische Schweiz und die Tessiner vorbereitet hat. «Beim nächsten Mal mache ich das besser.» Die Kolleginnen und Kollegen im Saal lachen. Doch eines will die Jurassierin, die im Gegensatz zum Berner Rösti bei der Vereidigung nicht schwört, sondern das nicht religiöse Gelübde ablegt, betonen: «Ich bin nicht nur charmant, ich kann ernst arbeiten.»

Die neuen Bundesraete Elisabeth Baume-Schneider, SP-JU, links, und Albert Roesti, SVP-BE, werden neben den Weibeln Mario Gonzalez , ganz links, und Peter Truffer vereidigt, nach der Ersatzwahl in den Bundesrat durch die Vereinigte Bundesversammlung, am Mittwoch, 7. Dezember 2022 im Bundeshaus in Bern. (KEYSTONE/POOLPeter Schneider)

Nach der Vereidigung: Elisabeth Baume-Schneider und Albert Rösti bedanken sich für die Standing Ovation

keystone-sda.ch

Danach trifft Baume-Schneider endlich auf ihre Familie: ihren Mann Pierre-André (56) und die beiden Söhne Luc (29) und Theo (22) die mit ihren Freundinnen angereist sind. «Ich war ehrlich gesagt etwas überrascht – aber natürlich bin ich wahnsinnig stolz auf Elisabeth», sagt ihr Mann. Der Leiter einer Fahrschule stammt wie sie aus einer Bauernfamilie. Als ihn ein Fotograf auf seine Beatles-Frisur anspricht, erzählt er schmunzelnd, wie ungern er Anzüge trage. «Für heute habe ich mir einen Anzug von meinem Sohn Luc ausgeliehen.» Der ältere von Baume-Schneiders Söhnen hat Wirtschaft studiert und arbeitet in der Finanzbranche. Angesprochen darauf, dass seiner Mutter immer so viel Charme attestiert wird, sagt er: «Als Sohn ist das etwas schwierig zu beurteilen. Aber sicher hat Maman die Menschen sehr gern.» Elisabeth Baume-Schneider hat seit je zwischen Politik und Familie jongliert, ihren jüngeren Sohn Theo, der die Hotelfachschule in Lausanne absolviert, stillte sie im Kantonsrat.

BR Wahl 7.12.2022 Roesti und Baume-Schneider. Foto: Karl-Heinz Hug

Familie Baume-Schneider: die gelöste und glückliche Elisabeth lehnt sich an Ehemann Pierre-André. Feiern mit: Sohn Luc mit Freundin Noémie Aubry (l.) und Sohn Theo mit Freundin Vanessa Giardini (r.).

Karl-Heinz Hug

In der «Galerie des Alpes» stösst derweil Jean-Claude Schneider (71) mit Verwandten auf den Sieg seiner Schwester Elisabeth an. «Die Fotos mit den Schwarznasenschafen haben ihr sicher bei den Bauern geholfen», sagt er auf Berndeutsch, das er wie seine Schwester gut beherrschen. An einem anderen Tisch steht Hans-Ueli Vogt zusammen mit alt Regierungsrätin Rita Fuhrer (69) und einigen Freunden. Der unterlegene SVP-Kandidat wirkt alles andere als enttäuscht. «Für mich war es eine tolle Erfahrung. Und ich habe auch gemerkt, dass der Job des Professors vielleicht nicht das Einzige ist, was mir liegt.» Schielt er also auf ein anderes politisches Amt? «Dazu bräuchtest du aber Schwarznasenschafe», witzeln seine Freunde.

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Gemeinsam mit ihrem Mann hat Elisabeth Baume-Schneider Schwarznasenschafe.

Marco Schnyder

An der ersten Pressekonferenz als neue Bundesrätin sind bei Elisabeth Baume-Schneider die wolligen Tiere erneut Thema. Allerdings stellt sie klar: «Ich habe zwar Schwarznasenschafe – aber ich wurde nicht wegen ihnen gewählt, sondern weil ich Politikerin bin.» Albert Rösti, der seine Medienkonferenz kurz vorher abgehalten hat, sagt über Baume-Schneider: «Sie ist zugänglich, wie ich auch.» Beide betonen, dass sie zwar vom Land stammen, aber auch die Anliegen der Städter verstehen. «Ich habe für alle eine offene Türe», sagt Baume-Schneider. Die Herzlichen, sie haben gesiegt.

Von Jessica Pfister am 9. Dezember 2022 - 17:41 Uhr