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  4. Chef der Solothurner Filmtage: So lebt und arbeitet der Regisseur Niccolò Castelli

Film ab für Niccolò Castelli

«Tränen gehören im Kino dazu»

Niccolò Castelli ist neuer Gastgeber der Solothurner Filmtage. 300 Mitarbeiter, 220 Filme, vier Stunden Schlaf: Der Tessiner Regisseur ist bestens mit der glamou­rösen Filmwelt und ihren Schattenseiten vertraut.

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Niccolo Castelli Neuer Direktor Solothurner Filmtage

«Ich drehte schon als Bub Videos und liebte es, Geschichten zu erzählen». Drama und Amore: Niccolò Castelli, 40, im Solothurner Kino Canva. Erstmals ist ein Filmkünstler Direktor der Filmtage.

Geri Born

Eines war für Niccolò Castelli schnell klar: Der Espresso schmeckt hier anders als zu Hause. Im Übrigen hielt sich der Kulturschock für den Mann aus Lugano in Grenzen. Seit 2006 besuchte er als Regisseur die Solothurner Filmtage, eröffnete 2021 mit seinem zweiten Spielfilm «Atlas» den Event. Nun steht er bis 25. Januar als künstlerischer Leiter und Gastgeber der 58. Ausgabe im Rampenlicht. Die Freude steht dem 40-Jährigen ins Gesicht geschrieben. Mit lockerem Schritt gehts durch die Altstadt Richtung Büro. Die barocke Kulisse ist filmreif. «Ich habe recherchiert», sagt er und zeigt auf die St.-Ursen-Kathedrale. «Das Bauwerk aus Solothurner Marmor wurde von Gaetano Matteo Pisoni errichtet. Der Architekt aus Ascona starb am 4. März 1782. Ich wurde genau 200 Jahre später geboren, am 4. März 1982. Der Gedanke gefällt mir, dass wir beide in die Deutschschweiz gekommen sind, um zu arbeiten und unser Glück zu finden.»

Niccolo Castelli Neuer Direktor Solothurner Filmtage

Castelli durch die Scheibe seines Altstadt-Büros fotografiert. Er ist stolz auf die Arbeit des gesamten Teams.

Geri Born

«Es kommt öfter vor, dass ich mich in einer Bar bis spät in die Nacht verquatsche»

Der Filmliebhaber spricht fliessend Italienisch, Deutsch, Französisch und Englisch. «Es ist wichtig für uns Tessiner, über den Tellerrand unserer kleinen Region hinauszublicken. Mir ist zudem aufgefallen, dass es in diesem Jahr viele Filme gibt, die sich auf unterschiedliche Weise mit der Welt auseinandersetzen. Krieg, Geschlechterfrage, Radikalisierungen oder Klimawandel: Schweizer Filmschaffende legen den Finger auf die Wunde. Das ist bemerkenswert, sorgt für einen spannenden, facettenreichen Austausch.» 300 Leute sind im Einsatz. Für die Administration ist Co-Leiterin Monica Rosenberg zuständig. In acht Kinos werden 220 Filme gezeigt. Es gibt 60 Rahmenveranstaltungen und den begehrten Prix de Soleure – den Preis von Solothurn. «Es berührt mich, die Leidenschaft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Begeisterung der Bevölkerung zu spüren. Man ist stolz auf dieses Festival, das mitten im Winter kulturell viel bewegt.»

Niccolò Castelli liebt die Quartier-Atmosphäre, den stillen Zusammenhalt untereinander. «Es kommt öfter vor, dass ich mich in einer Bar bis spät in die Nacht bei einer guten Flasche Rotwein bei Gesprächen verquatsche.» Seine offene Art stösst auf Sympathie. Er selber geht mit Druck bewundernswert entspannt um. «Eine gute Vorbereitung ist der Schlüssel. Ich versuche mir einzureden, dass Stress nur ein Denkmuster ist und es immer Platz haben sollte für Unvorhergesehenes.» Filme mit Ecken und Kanten liebt er. «Ein Drama darf für komische Momente sorgen. Gleichzeitig sollte sich eine Komödie auch durch Tiefgang auszeichnen. Die Welt des Films ist heilsam. Sie hilft uns, Konflikte zu überstehen. Durch diese Herausforderungen können wir uns entwickeln.» Auf seine Schwächen angesprochen, sagt er: «Ich rede zu viel. Ich sollte etwas mehr in der Stille verharren.» Und seine Stärken? «Mein grösstes Talent ist, das Talent anderer zu erkennen.» Das ist ihm im Dokumentarfilm «Looking for Sunshine» über die Skirennfahrerin Lara Gut-Behrami gelungen. Mit dem Skistar, der in St. Anton kürzlich den Super-G gewann, pflegt er ein freundschaftliches, lockeres Verhältnis. «Lara ist cool und eine Macherin. Leider sehen wir uns nicht sehr häufig. Wir führen beide ein verrücktes, intensives Leben.»

Niccolo Castelli Neuer Direktor Solothurner Filmtage

Die barocke Fassade der St.-Ursen-Kathedrale erinnert Castelli ein wenig an seine Tessiner Heimat. Den Espresso brachte er aus Lugano mit.

Geri Born

Emotionen wecken, wachrütteln, die Menschen verzaubern

Der Vater eines kleinen Buben pendelt zwischen Lugano und Solothurn, wo er seit fünf Monaten eine Dienstwohnung hat. Seinen Sohn besucht er, sooft er kann. Er selber fand als Kind zum Film. «Ich liebte es, Geschichten zu erzählen, drehte mit meinen Brüdern und Nachbarn Videos.» Emotionen wecken, wachrütteln, die Menschen verzaubern: Die Macht des bewegten Bildes elektrisiert ihn bis ins Herz. Die Verpflichtung als Chef des drittgrössten Festivals im Land hat aber auch Schattenseiten. «Wir mussten aus über 600 eingereichten Filmen eine Auswahl treffen. Als Regisseur kenne ich die Träume und Sorgen der Leute am Dreh. Man ist voller Hoffnung, ob der Film ins Festivalprogramm aufgenommen wird. Und erhält eine Absage. Dieses Gefühl ist brutal. Etwas vom Schwierigsten in meinem Job ist, meine Kolleginnen und Kollegen zu enttäuschen.»

Das Programm gibts unter www.solothurnerfilmtage.ch

Niccolo Castelli Neuer Direktor Solothurner Filmtage

Niccolo Castelli Neuer Direktor Solothurner Filmtage. In seinem kultigen Büro steht die Zeit nie still.

Geri Born
Niccolò Castelli: Seine sechs Filmklassiker

Genialster Bösewicht
«Fantomas» mit Jean Marais aus dem Jahr 1964. Er war der erste Verbrecher, der emotionale Tiefe zeigte und zum Vorbild für Batman & Co. wurde.

Schönster Liebesfilm
«Vergiss mein nicht!» von Michel Gondry. Der Film zeigte mir, dass man auch nach einer unglücklichen Liebe wieder Vertrauen fassen kann.

Bester Dokumentarfilm
Daniel Schmids «Il Bacio di Tosca» über die Bewohner eines Opern-Altersheims geht unter die Haut.

Spannendster Krimi
«Chinatown» von Roman Polanski (1974) mit den Hollywood-Legenden Jack Nicholson und Faye Dunaway ist ein Meilenstein der Filmgeschichte.

Coolster Schauspieler
Vittorio Gassman – keiner verkörperte blutige Figuren besser. Und Jim Carrey: Mit ihm würde ich liebend gern einmal einen Film drehen.

Aufregendste Schauspielerin
Jodie Foster, weil sie unglaublich intelligent ist und Augen hat, die denken können.

Von Caroline Micaela Hauger am 20. Januar 2023 - 14:28 Uhr