Wenn man sich dem Haus von Stefan Abplanalp (52) in Meiringen BE nähert, spürt man die Kraft der Natur. Die Gipfel des Berner Oberlands flankieren die Szenerie, die Aare fliesst gemächlich. Und drinnen herrscht fröhliche Ausgelassenheit – so wie man sie bei jemandem nicht unbedingt erwartet, der Präzision und Struktur lebt.
Abplanalp setzt sich mit seiner Ehefrau Sybille (51) und deren Kindern Noah (21) und Lynn, (24) zum Kaffee. Dazu gibt es «Tatzelwurm», eine lokale Süsswarenspezialität. «Wir sind ein eingespieltes Team», sagt Abplanalp lachend. Doch das Zusammensein ist im Winterhalbjahr ein rares Gut. Von November bis März verbringt der Trainer gerade einmal 20 Tage zu Hause. Den Rest der Zeit reist er von Weltcup zu Weltcup.
Doch wenn er zu Hause ist, kann er abschalten – und auf andere Gedanken kommen. Sybille ist sein Ruhepol. Die beiden kennen sich seit der Schulzeit – und haben auf Umwegen wieder zusammengefunden: «Manchmal liegt das Glück näher, als man denkt», sagt Abplanalp.
Die beiden ergänzen sich perfekt – auch weil sie sich in unterschiedlichen Welten bewegen. Sybille leitet in der Privatklinik Meiringen ein Atelier und ist stellvertretende Leiterin der Therapeutischen Dienste. «Sie ist sehr kreativ, sehr einfühlsam. Ohne sie wäre das Leben während der Saison viel komplizierter», sagt Abplanalp. Auch mit ihren Kindern ist er eng verbunden. «Mit Noah bin ich früher noch klettern gegangen – mittlerweile ist er zu stark für mich.»

Süssigkeiten in Meiringen: Stefan und Sybille Abplanalp am Esstisch mit Noah und Lynn beim Genuss eines «Tatzelwurms».
Kurt ReichenbachVerletzungen als Herausforderung
Sportlich ist seine Aufgabe in dieser Saison anspruchsvoll. Die Verletzungen von Lara Gut-Behrami und Michelle Gisin wiegen schwer. Immerhin ist mit Corinne Suter eine der Leaderinnen zurück. Für Abplanalp ist das Verletzungspech ohnehin kein Grund zur Resignation. «Es ist leider Teil des Sports, und man muss nach vorne schauen.»
Man müsse das Team schützen und es gleichzeitig fordern. «Es können plötzlich ganz andere an den Winterspielen teilnehmen.» Dass sie das Zeug dazu hat, hat Malorie Blanc (22) mit ihrem Sieg in Crans-Montana gerade bewiesen. «Es ist erst ihre zweite Weltcupsaison. Aber sie geht ihren Weg konsequent.»
Daneben ist auch die 25-jährige St. Gallerin Janine Schmitt, die in Zauchensee auf den fünften Platz fuhr, ein grosses Talent. Rückkehrerinnen wie Jasmine Flury, die über 600 Tage kein Rennen bestritten hatte, brauchen Zeit. «Man muss auch wieder lernen, Rennen zu fahren. Schritt für Schritt.» Auf der Piste korrigiert Abplanalp ruhig, präzise. Er stärkt das Vertrauen.
Talent allein genügt aber nicht. Materialabstimmung, Fleiss, Mut und die Bereitschaft, die Extrameile zu gehen, entscheiden. Der Trainer formuliert es so: «Die Talentierten setzen um, was du erklärst. Die Besten investieren immer wieder mehr.»

Richtige Linienwahl: Abplanalp umarmt Malorie Blanc nach ihrem Sieg in Crans-Montana.
keystone-sda.chLindsey Vonn im Fokus
Fasziniert verfolgt er das Comeback von Lindsey Vonn, seiner Ex-Athletin. «Sie ist einfach wieder da – und glänzte, bevor sie sich in Crans-Montana verletzte. Wenn sie an dir vorbeifährt, hörst du fast nichts. Sie zählt auch in Cortina zu den Favoritinnen, wenn sie wieder auf die Beine kommt.»
Mit den US-Fahrerinnen verbindet den Berner Oberländer eine besondere Beziehung. Im Sommer 2024 betreute er Breezy Johnson, die in Crans-Montana Dritte wurde. Seine Frau brachte der Athletin das Stricken bei, damit beruhigt sie sich nun vor den Rennen. Die Rechnung ging auf – an der WM 2025 in Saalbach raste Johnson zu Abfahrts- und Teamkombinations-Gold. Und auch zu Julia Mancuso pflegt Abplanalp eine freundschaftliche Verbindung: «Von ihrer Mutter habe ich das perfekte Truthahnrezept erhalten – das kommt jeweils an Weihnachten zur Anwendung.»
Die Rückkehr zum Schweizer Skiverband im vergangenen Frühling war von Stefan Abplanalp bewusst gewählt. Nach Jahren als TV-Experte und Privattrainer reizte ihn die Aufgabe: «Das war der richtige Zeitpunkt.»
Doch sein Rückzugsort bleibt Meiringen. Spaziergänge mit Sybille, gemeinsame Abende, Vertrauen. «Wenn die Saison vorbei ist, verbringen wir wieder viel Zeit zusammen. Bis dahin funktioniert es anders», sagt er.

Leistungsdaten: Auf seinem Laptop hat Stefan Abplanalp alles gespeichert. Was es ist, bleibt sein Geheimnis.
Kurt ReichenbachStefan Abplanalp arbeitet an Technik, Mentalem und Haltung. Er fordert Präzision, duldet keine Abkürzungen, weiss aber auch, wann Geduld gefragt ist. Gerade in einer Saison, in der Verletzungen den Takt bestimmen, ist das seine eigentliche Stärke.
Wer mit ihm arbeitet, merkt schnell: Hier geht es nicht nur um Hundertstel und Linienwahl. Sondern um Vertrauen, Verantwortung – und darum, Menschen so zu führen, dass sie im richtigen Moment erfolgreicher werden. Auf der Piste. Und daneben.
