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  4. Micheline Calmy-Rey und Alexandra Calmy im Interview

Micheline Calmy-Rey

Das grosse Mutter-Tochter-Gespräch

«Arbeite hart!», hat alt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey ihrer Tochter stets eingebläut. Heute kämpft Ärztin Alexandra Calmy an vorderster  Front gegen Corona – und hat ihrer Mutter verziehen, dass es früher oft nur Ravioli aus der Büchse gab.

Micheline Calmy-Rey mit Tochter Alexandra Calmy, Genf, April 2021, SI 18/2021

Micheline Calmy-Rey, 75 (l.), empfängt ihre Tochter Alexandra Calmy, 51, in ihrer Genfer Altstadtwohnung – zwischen Designstücken und Souvenirs.

Nicolas Righetti /Lundi13.ch

Es ist ein amüsantes Bild: Micheline Calmy-Rey, die als SP-Bundesrätin gleichermassen populär und gefürchtet war und der Schweiz im Ausland überhaupt erst ein Gesicht gegeben hat – sie versucht in ihrer Küche vergeblich, eine Kaffeekapsel in die Maschine zu stecken. «Wie soll das funktionieren?», fragt die 75- Jährige und lacht. «Ich trinke nur Tee.»

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Der Espresso ist für ihre Tochter Alexandra, 51, die eben zur Tür hereingeschwirrt ist. Sie kommt direkt vom Universitätsspital Genf, wo sie als Infektiologin die Abteilung HIV-Aids leitet – und muss bald wieder los. Auch ihre Mutter ist noch immer «très occupée» – «sehr beschäftigt». Erst kürzlich hat sie ein neues Buch über die Neutralität der Schweiz veröffentlicht.

«Seit ich gegen Corona geimpft bin, gehe ich ­gelassener durchs Leben»

Micheline Calmy-Rey
Micheline Calmy-Rey mit Tochter Alexandra Calmy, Genf, April 2021, SI 18/2021

Alt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey.

Nicolas Righetti /Lundi13.ch

Micheline Calmy-Rey

Die ehemalige Aussenministerin (2003–2011) lehrt an der Uni Genf Internationale Beziehungen und Schweizer Aussenpolitik. Ihr Mann verstarb 2015. Mit ihm hat sie zwei Kinder, Alexandra, 51, und Raphaël, 46.

Micheline Calmy-Rey, wir treffen uns bei Ihnen zu Hause. Haben Sie keine Angst vor Corona?
Micheline Calmy-Rey:
Seit ich geimpft bin, gehe ich gelassener durchs Leben. Aber natürlich halte ich weiterhin Abstand. Ausser bei meiner Tochter. Als Ärztin ist auch sie bereits geimpft.

Alexandra Calmy: Ich bin sehr erleichtert, dass du immun bist, Maman. Vor allem, weil du letzten Juli tatsächlich an Corona erkrankt warst.

Calmy-Rey: Stimmt, ich lag zehn Tage im Bett mit Fieber und Gliederschmerzen und hatte überhaupt keinen Appetit.

Calmy: Wir machten uns grosse Sorgen. Und es war nicht gerade einfach, dich zu pflegen (lacht).

Alexandra Calmy, als Ärztin für Infektionskrankheiten sind Sie in der Covid-19-Task-Force des Bundesrats. Was ist die grösste Herausforderung bei dieser Pandemie?
Calmy: Dass wir nicht wissen, wie sie sich entwickelt. Sie überrascht uns immer wieder! Ich beschäftige mich ja vor allem mit Medikamenten, die gegen Corona helfen könnten. Wir haben viele getestet. Aber wir suchen noch immer fieberhaft nach einem Wirkstoff, der schwere Krankheitsverläufe verhindert.

Calmy-Rey: Aber ihr macht auch Fortschritte! Als ich krank war, gab es noch keine Medikamente.

Calmy: Ja, damals fühlte ich mich machtlos. Wir konnten nur abwarten. Darum betone ich immer wieder: «Lasst euch impfen!» Unglaublich, dass wir ein Jahr nach der Entdeckung des Virus bereits einen Impfstoff haben. Ich verneine nicht, dass er Nebenwirkungen haben kann. Aber die Pandemie kriegen wir nur unter Kontrolle, wenn das Virus weniger zirkuliert und sich der Grossteil der Menschen impfen lässt.

«Manchmal war es schwierig, als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen zu werden»

Alexandra Calmy
Micheline Calmy-Rey mit Tochter Alexandra Calmy, Genf, April 2021, SI 18/2021

Infektiologin Alexandra Calmy.

Nicolas Righetti /Lundi13.ch

Alexandra Calmy

Die 51-Jährige ist Infektiologin am Unispital Genf und in der Covid-19-Task-Force des Bundesrats. Sie lebt in Genf und hat drei Töchter: Oriane, 23, und die Zwillinge Deborah und Ludivine, 20, alle drei studieren ebenfalls Medizin.

Frau Calmy-Rey, sind Sie froh, dass Sie aktuell nicht im Bundesrat sitzen?
Calmy-Rey: Nein, froh bin ich nicht. Ich habe diese Arbeit immer sehr gerne gemacht. Aber die aktuelle Situation ist sehr schwierig. Der Bundesrat ist nicht gerüstet, um Krisen zu bewältigen. Bei Corona sprechen wir nicht von einer kleinen Krise. Die Menschen sterben daran! Der Bundesrat hat eine riesige Verantwortung. Ich sehe das mit einer gewissen Distanz. Aber fühle auch mit.

Frau Calmy, als Ärztin haben Sie schon mehrere Epidemien miterlebt. Für Médecins Sans Frontières kämpften Sie in Ruanda gegen Aids und in Sierra Leone gegen Ebola …
Calmy-Rey: … aber angefangen hat alles noch viel früher.

Calmy: Mit 17, direkt nach der Matura, reiste ich für eine protestantische Organisation nach Haiti, um beim Aufbau von Schulen mitzuhelfen. Dort erlebte ich zum ersten Mal extreme Armut – und war tief betroffen. Als ich zurückkehrte, war mir klar: Das beste Mittel, um Leiden zu mindern, ist, Ärztin zu werden.

Waren Sie oft in Sorge um Ihre Tochter, Frau Calmy-Rey?
Calmy-Rey: Natürlich, jede Mutter wäre das! Wir haben oft wochenlang nichts von ihr gehört. Früher gab es ja noch kein Internet.

Frau Calmy, wie war Ihre Mutter, als Sie Kind waren?
Calmy-Rey: Ja, passen Sie mal auf (lacht)!

Calmy: Hee Maman, die Frage gilt mir! Alors … Ich erinnere mich vor allem daran, dass du sehr fleissig warst. Als du Grossrätin in Genf wurdest, war ich zwölf und realisierte rasch: Politik erfordert ein totales Engagement – dieses tangierte auch unsere Familie. An den Wochenenden hast du mich und meinen Bruder oft an Demonstrationen mitgenommen.

Wie hat die Arbeit Ihrer Mutter Sie geprägt?
Calmy: Ich habe früh gesehen, dass man etwas verändern kann, wenn man viel dafür tut. Ein Beispiel: Wir lebten in Grand-Lancy, einem Vorort von Genf. Mitten durch die Gemeinde führte eine Autobahn. Meine Mutter kämpfte dafür, dass diese unter die Erde verlegt wird – und erreichte ihr Ziel. Ich arbeite heute auch wegen ihr so hart.

Fühlten Sie sich manchmal auch unter Druck?
Calmy: Nein, meine Mutter hat mich eher motiviert, stets das Beste zu geben.

Micheline Calmy-Rey mit Tochter Alexandra Calmy, Genf, April 2021, SI 18/2021

«Wir haben in unseren Berufen stets den schwierigsten Weg gewählt», sagt Calmy-Rey über sich und ihre Tochter.

Nicolas Righetti/Lundi13.ch

Wie gingen Sie mit ihrer Bekanntheit um?
Calmy: Manchmal war es schwierig, als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen zu werden, nicht zuletzt, weil ich ihr ziemlich ähnlich sehe. Viele nannten mich später Madame Calmy-Rey, obwohl ich gar nicht so heisse. Und manche glaubten, dass ich wegen meiner Mutter Vorteile habe.

Was ist der beste Rat, den Ihre Mutter Ihnen gegeben hat?
Calmy: … (überlegt).

Calmy-Rey: Habe ich dir nie Ratschläge gegeben?

Calmy: Doch, jeden Tag!

Calmy-Rey: Gewiss in Bezug auf die Kleidung …

Calmy: Hör auf! Nun – ich erinnere mich, dass du immer sagtest: «Wenn du etwas schwierig findest, dann mache es erst recht!» Als ich zum Beispiel sagte, ich wolle aufs Gymnasium, sagtest du: «Dann lerne Griechisch oder Latein!» Heute sage ich manchmal dasselbe zu meinen Töchtern.

Frau Calmy-Rey, neben der Politik führten Sie mit Ihrem Mann einen Buchvertrieb. Wie lösten Sie beide die Kinderbetreuung?
Calmy-Rey: Das war schon ein «kleines» Problem (lacht), vor allem abends. Als ich das erste Mal ins Genfer Parlament gewählt wurde, waren die Kommissionssitzungen auf 18 Uhr angesetzt – also dann, wenn die Kinder bereits zu Hause waren. Oft herrschte ein Chaos, wenn ich heimkehrte: Geschirr überall, und die Kinder hatten in der Stube Fussball gespielt. Das war wirklich streng! Aber grundsätzlich haben mein Mann und ich uns die Aufgaben geteilt. Nur kochen konnte er nicht.

Calmy: Aber er wusste, wie man Lasagne in den Ofen schiebt.

«Ich bin keine Grossmutter, die nur Kuchen bäckt»

Micheline Calmy-Rey
Micheline Calmy-Rey mit Tochter Alexandra Calmy, Genf, April 2021, SI 18/2021

Très cool! Die Schuhe hat Calmy-Rey von Alexandra «geerbt». Früher bekam die Tochter modische Ratschläge von Maman.

Nicolas Righetti /Lundi13.ch

Hätten Sie sich gewünscht, Ihre Mutter wäre mehr da gewesen, Frau Calmy?
Calmy: Nein, ich habe mich nicht alleine gefühlt. Ich würde eher sagen: Wir haben Papa umso mehr entdeckt.

Calmy-Rey: Er hat euch gelehrt, wie man Ravioli wärmt (lacht). Mein Sohn wirft mir heute noch vor, wir hätten ihn schlecht ernährt.

Calmy: Aber das stimmt! Es gab zumindest keine lokalen Bio-Produkte. Aber das war halt auch eine andere Zeit.

Hatten Sie, Frau Calmy, es einfacher als Ihre Mutter, Kinder und Karriere zu vereinbaren?
Calmy: Das kann ich nicht so gut beurteilen. Aber gewiss ist: Die Betreuung der Kinder ist nach wie vor eine Frage, die vor allem Frauen gestellt wird.

Calmy-Rey: Ich konnte dir nicht helfen, als sie klein waren – damals sass ich im Bundesrat.

Welche Beziehung haben Sie heute zu Ihren drei Enkelinnen, Frau Calmy-Rey?
Calmy-Rey: Ich nehme rege an ihrem Leben teil! Wir diskutieren oft, über die Politik, aber auch über Alltägliches. Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Ich bin keine Grossmutter, die für ihre Enkelinnen nur Kuchen bäckt.

Calmy: Aber sie mögen deine Kuchen sehr!

Backen Sie am Muttertag für Ihre Maman, Alexandra Calmy?
Calmy: Nein, sie bekommt Blumen, wie jedes Jahr.

Von Michelle Schwarzenbach am 07.05.2021
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