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  4. Musikerin Tanja Dankner zur «Night of Light» & Corona-Konsequenzen

Musikerin zieht Konsequenzen aus Lockdown

«In der Angst und Panik möchte ich nie mehr leben»

Langsam nimmt das Leben für Kulturschaffende wieder Fahrt auf. Doch damit ist die Krise noch nicht vorbei. Musikerin Tanja Dankner kämpft nach wie vor mit den fehlenden Einnahmen, täglichen Absagen und der Ungewissheit.

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Nachdenklich: Tanja Dankner plagt die Ungewissheit. 

Tabea Hüberli

Tanja Dankner, seit dieser Woche sind wieder Veranstaltungen mit 1000 Personen möglich. Ist die Corona-Krise für euch Künstler/innen nun vorbei?
Es wäre extrem schön, wenn es so wäre. Natürlich ist es das aber nicht. Das, was in der totalen Panik im März und April abgesagt worden ist, ist noch immer abgesagt und hat sich mit der Zeit summiert. Tag für Tag sind immer mehr Absagen gekommen, gewisse Dinge wurden zunächst auf den Sommer verschoben, jetzt aber doch noch abgesagt. Einige Nachbarn haben mir bei jeder Lockerung gratuliert und gesagt: «Lässig, jetzt geht’s wieder los!», aber so ist es nicht. Es ist unmöglich, auf Knopfdruck wieder aufzumachen.

Was bedeutet das für dich?
Mein Hauptverdienst ist komplett weg – Touren, Gagen, einfach weg. Und ich habe keine Garantie, was nächstes Jahr ist. Wir müssen einen Tag nach dem anderen nehmen.

Mit der Aktion «Night of Light» habt ihr Kunstschaffenden am Montagabend auf die Notlage in der Veranstaltungsbranche hingewiesen. Was erhoffst du dir davon?
Die Zeit hat gezeigt, wie sehr die Industrie zusammengehalten hat. Wir haben uns zusammengetan, uns ausgetauscht. In Deutschland, Belgien, Österreich und auch bei uns versuchen wir, mit der Aktion ein Zeichen zu setzen. Ich hoffe ganz fest, dass gesehen wird, was es für Veranstalter und uns Künstler heisst, wenn die Unterstützungen gestrichen werden. Das Überleben ist einfach nicht möglich.

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In Rot: Mit der Aktion «Night of Light» machte die Kulturbranche auf die prekäre Lage aufmerksam, in der sie sich befindet. Auch das Opernhaus Zürich leuchtete in Rot.

instagram/nightoflight_ch

Du hast als Freischaffende Unterstützung vom Bund gekriegt. Wie stehst du dazu?
Ich habe lange darauf gewartet, das Geld ist immer weniger geworden. Bis Anfang Mai ist gar nichts gekommen, aber auch, seitdem ich etwas kriege, ist es ganz schwierig für mich. Ich bin immer noch am Kämpfen, das Leben ist mit wenigen Franken am Tag schlicht nicht möglich.

Was hättest du anders gemacht, hättest du in der Haut des Bundesrats gesteckt?
Ich fand es super, dass das Maximum des Taggelds bei 196 Franken angesetzt wurde. Aber eine untere Limite hat es nicht gegeben. Ich mit zwei Kindern brauche einen Grundstock, und den hatte ich nicht. Es gab auch viele buchhalterische Schwierigkeiten. Der Bund hat sehr viel versprochen und war überfordert, was ich sehr wohl verstanden habe. Natürlich war es nicht einfach, und auch die Leute von der Sozialversicherungsanstalt haben mir leidgetan – da wurde kurzerhand mal eine Abteilung aus dem Boden gestampft. Ich hatte viel Geduld und zeigte mich verständnisvoll, aber es kann nicht sein, dass man als Firma am nächsten Tag einen Kredit aufnehmen kann, der auch schwierig zum Zurückzahlen ist, und wir Selbständigen so lange keine Unterstützung erhalten haben. Und jetzt soll diese einfach stoppen, bloss weil entschieden wurde, dass alles wieder aufgeht? Das ist für Veranstalter und somit auch für uns schlichtweg unmöglich!

Wie bist du über die Runden gekommen?
Ich habe den Rest meiner Reserven aufgebraucht. Ich hatte nicht viel auf der Seite, da ich mit meinen Auftritten und Vocal-Coachings gerechnet habe. Mitte April war alles aufgebraucht. Daneben habe ich auch Online-Stunden gegeben, was aber eher schwierig war. Im März habe ich mich zudem bereits um einen Job gekümmert.

Was hast du gemacht?
Ich habe im Spital Zollikerberg gemeinsam mit meiner 15-jährigen Tochter im kurzfristig eingerichteten Kinderpflegehort für Ärzte und das Pflegepersonal gearbeitet und damit einen Batzen verdient. Meine Tochter wird im Sommer eine Lehre als FaBe antreten, für sie hat das also gut gepasst. Und auch ich habe einst eine pädagogische Ausbildung gemacht.

Hättest du Unterstützung von aussen gehabt, wenn das alles nicht gereicht hätte?
Ja, meine Eltern, mein Lebenspartner und viele liebe Freunde haben mir angeboten, mir unter die Arme zu greifen. Aber das habe ich nicht angenommen, denn das würde mit meinem Stolz nicht aufgehen. Egal, was kommt, egal, wie: einfach schaffen.

Wie sind deine Kinder mit der speziellen Situation umgegangen?
Meine Tochter hat wahnsinnig gelitten, da sie mit 15 mitten im Ablöseprozess steckt. Doch das war ihr jetzt nicht möglich, weil sie daheim sein musste. Wir haben lange darüber geredet, inwiefern sie aus dem Haus gehen kann mit immer denselben zwei Freundinnen. Zum Glück wohnen wir direkt am Wald. Mit Vertrauen und gesundem Menschenverstand sind wir durch die Zeit – nicht nur zum Schutz vor Corona, sondern auch zum Schutz der Seele. Ich kann mein Kind mit 15 Jahren nicht zuhause einschliessen wegen Corona, sodass es womöglich eine Depression kriegt, nur, damit es kein Corona kriegt.

Wie sah es bei deinem 12-jährigen Sohn aus?
Für ihn habe ich ein Bewegungsprogramm auf die Beine gestellt, damit er gesehen hat, wann er nach draussen gehen und sich austoben konnte und wann auch mal Zeit war, um runterzufahren. Aber das hat alles meistens geklappt mit einem Koch- und Einkaufsplan, einer Putzliste und Freizeit. Ich bin mega stolz auf sie – und auch auf mich. Die Zeit hat gezeigt, dass die letzten zehn Jahre Früchte getragen haben. Wir haben super funktioniert als Team.

«Ich hatte schlaflose Nächte, bis das Geld von der SVA gekommen ist»

Was war für dich in dieser ungewissen Zeit am schlimmsten?
Dass ich mich um meine Existenz gefürchtet habe. Ich bin alleinerziehend, habe zwei Kinder, und musste feststellen: Mein Plan geht nicht auf. Aufs Mal ist alles auseinandergefallen, auch mein kreativer Prozess. Ich hätte verschiedenste Projekte gehabt, für die ich bereits ein Jahr gearbeitet habe. Plötzlich war alles weg. Mir war nie langweilig, aber ich hatte keine Lust, um Songs zu schreiben, keine Lust, über diese Zeit zu schreiben, und habe mich mit meinen Kindern abgelenkt. Lehrerin, Hausfrau, Mutter und Seelsorgerin zu sein, stand jedenfalls nicht auf meinem Plan.

Deine Kinder sind nun wieder in der Schule. Was hat das in dir ausgelöst?
Vor drei Wochen hat es mich «genommen», ich bin in eine Art Depression gefallen. Ich dachte: «Ich kriege das mit der SVA voll nicht auf die Reihe», und habe die Krise gekriegt. Immer wieder hat es Änderungen gegeben, was man neu einreichen könnte, aber trotzdem hat sich nichts bewegt. Als die Schule wieder angefangen hat, habe ich gemerkt: Es geht noch ewig lang. Es kamen immer mehr Absagen, das ist so deprimierend.

Wie bist du aus diesem Loch herausgekommen?
Ich bin wieder aufgestanden, wie ich es immer getan habe, für mich selber und in meiner Vorbildfunktion. Liegen zu bleiben, ist einfacher, als wieder aufzustehen. Seit letztem Wochenende habe ich wieder einige kleine Auftritte, am 9. Juli geht es für mich mit dem Theater Rigiblick im Park los. Darauf freue ich mich wahnsinnig. Es ist für die Seele so schön, diese Kreativität auszuleben, und für mich total wichtig. Sonst gehe ich ein.

Wann, denkst du, wird für euch Künstler/innen wieder Normalbetrieb herrschen?
Das steht in den Sternen. Ich denke da aber vor allem an nächstes Jahr.

Inwiefern hat der Lockdown deine Sicht auf deinen Beruf verändert?
Bei mir hat es sich grundsätzlich geändert. Mittlerweile darf ich wieder Gesangsstunden geben, zudem habe ich ab dem Sommer eine Festanstellung an einer privaten Schule. Dort werde ich Musik unterrichten. Ich habe 26 Jahre nur von der Musik gelebt, jetzt ist der Moment gekommen, daneben ein Standbein aufzubauen. Ich hatte schlaflose Nächte, bis das Geld von der SVA gekommen ist. In der Angst und Panik möchte ich nie mehr leben.

Von Ramona Hirt am 26.06.2020
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