1. Home
  2. People
  3. Swiss Stars
  4. FCL-Goalie David Zibung tritt nach dem Cupfinal zurück: Er bleibt Luzern treu

Letzter Auftritt am Cupfinal

Der ewige Goalie David Zibung sagt Adieu

Immer Luzern. Immer FCL. Torhüterlegende David Zibung verabschiedet sich mit dem Cupfinal vom Spitzensport. Trotzdem bleibt er seinem Klub treu: auf dem Platz und im Büro.

18.05.2021; Luzern; Portrait von Torhüter FCL David Zibung. © Valeriano Di Domenico

Luzerner Urgesteine: David Zibung vor dem schneebedeckten Pilatus. 

Valeriano Di Domenico

Am Himmel Möwen, vom See her eine sanfte Brise. Die Sonne gewinnt den Kampf gegen die Regenwolken. Touristen schiessen Selfies. David Zibung, 37, spaziert mit seiner Frau Joana, 32, über den Bootslandesteg, blickt Richtung Kapellbrücke: «Ist die Kulisse nicht wunderschön?» Die Frage ist rhetorisch – aber der Ort passend für den ewigen Torhüter des FC Luzern. 

Mehr für dich

Eine Rekordgeschichte

David Zibung, aufgewachsen in Hergiswil, gehört mittlerweile zur Stadt wie die historische Brücke aus dem 14. Jahrhundert. Eine Zeitung schrieb unlängst: «Den FCL ohne David Zibung. Das kann man sich nicht vorstellen.» Auf diese Worte angesprochen, lacht der 188 Zentimeter grosse Modellathlet: «Als ich 2003 mein Debüt in der ersten Mannschaft gab, hätte ich nie gedacht, dass diese Geschichte 18 Jahre dauert.»

Dabei ist es eine Rekordgeschichte. Kein Spieler in den 120 Jahren des FC Luzern hat mehr Partien (519) absolviert als David Zibung. Dass dies wirklich so ist, musste er sich aber zuerst von den Fans vorrechnen lassen. 

18.05.2021; Luzern; David Zibung mit seiner Frau Joana beim KKL in Luzern. © Valeriano Di Domenico

Joana und David Zibung sind seit zehn Jahren ein Paar. Vor fünf Jahren sagten sie Ja. 

Valeriano Di Domenico

Mit seinem nahenden Abschied habe er sich bisher kaum befasst: «Noch bin ich Profi», sagt Zibung bestimmt. Auf die Sprünge half ihm dann aber der eigene Anhang: «Als vor zwei Wochen plötzlich mehrere 100 Fans zum Training erschienen, um mich und Christian Schwegler zu verabschieden, war dies hochemotional. Das war etwas vom Schönsten, das ich im Fussball je erleben durfte.» David Zibung lächelt bei diesen Worten – und muss sich fast schon selber bestätigen, dass dies alles wahr ist: «Ich glaube, dass ich nicht alles falsch gemacht habe.» 

Die jüngere Tochter kommt zum ersten Mal ins Stadion

Natürlich sei ein Transfer ins Ausland auch sein Traum gewesen, doch gleichzeitig stellt er klar: «Ich hätte nie als Ersatz und nur wegen des Geldes in eine andere Liga gewechselt – zu schön war die Rolle als Nummer 1 im FCL-Tor.» 

Doch nun ist Schluss. Am kommenden Montag sitzt er im Cupfinal gegen St. Gallen als loyaler Ersatz von Stammkeeper Marius Müller ein letztes Mal auf der Bank. Schon am Freitag verabschiedet er sich beim Heimspiel gegen Lugano vom Tagesgeschäft. 35 der auf 100 Stück limitierten Eintrittstickets in der Swissporarena sind für seine Familie und Freunde reserviert: «Unsere jüngere Tochter Joleen kommt zum allerersten Mal ins Stadion», erzählt Joana – und schiebt schmunzelnd nach: «Aber eigentlich interessiert sie sich mehr für Pferde als für Fussball, genau wie ihre Schwester Jamila.»

18.05.2021; Luzern; David Zibung mit seiner Frau Joana auf der Kappelbrücke. © Valeriano Di Domenico

Spass im historischen Holzbau: Joana und David Zibung freuen sich auf das nächste Kapitel ihrer Ehe.

Valeriano Di Domenico

Auch Joana selber konnte mit Fussball nicht sonderlich viel anfangen: «Wenn mir früher jemand erzählt hätte, dass ich dereinst einen Fussballprofi heirate, hätte ich ihn wohl ausgelacht.» David hört zu und präzisiert: «Als wir uns kennenlernten, sagte ich ihr: Ich bin nicht Fussballer, ich bin Torhüter.» Geht es nach dem Volksmund, neigen diese zu Extravaganzen und einer gewissen Verrücktheit. David Zibung allerdings entspricht dem Klischee kaum. «Ich bewundere seine Ausgeglichenheit», sagt denn auch Joana. «Es gibt nicht viel, das ihn aus der Ruhe bringt.»

Ursprünglicher Berufswunsch: Architekt

Geplant hat David Zibung seine Fussballerkarriere nie. Er wollte Architekt werden, tendierte dann zu einer Lehre als Hochbauzeichner, als der Fussball immer mehr Platz in seinem Leben einnahm und er auf U15-Stufe zum FC Luzern wechselte. Mit der konkreten Aussicht auf eine Laufbahn als Profisportler entschied er sich schliesslich für eine Maurerlehre: «Weil es dort möglich war, zugunsten des Fussballs auch mal zu fehlen.» Dabei wären die finanziellen Aussichten im Baugewerbe attraktiver gewesen: «Beim FCL unterschrieb ich meinen ersten Vertrag für einen Monatslohn von 1500 Franken. Als Maurer hätte ich mehr verdient.»

Zibung hat die Entscheidung nie bereut. Gefördert von Trainerlegende Friedel Rausch, spielte er am 29. August 2003 gegen den FC Bulle erstmals in der ersten Mannschaft. Stammtorhüter Andreas Hilfiker musste in der Pause verletzt ausgewechselt werden. 

18.05.2021; Luzern; David Zibung mit seiner Frau Joana beim KKL in Luzern. © Valeriano Di Domenico

Auf zu neuen Ufern: «Die Familie gibt mir Halt, um nach dem Rücktritt einen neuen Platz im Leben zu finden.»

Valeriano Di Domenico

Der Beginn einer neuen Ära. Zibung krallte sich an seinem Posten im FCL-Tor fest – und lässt ihn trotz gelegentlichen Kritiken 14 Jahre nicht los. Als der FC Luzern am 6. Mai 2021 den Rücktritt des Evergreens per Ende Saison ankündigt, schreibt er: «David Zibung prägte mit seiner authentischen Persönlichkeit den Klub in den letzten zwei Jahrzehnten wie kein anderer.»

«Es ist plötzlich wieder wie früher»

David Zibung scheint es fast ein wenig peinlich, wenn er dies hört. In den Mittelpunkt drängt er nie. Deshalb nimmt man ihm auch sofort ab, wenn er sagt: «Als ich vor vier Jahren meinen Platz als Stammtorhüter für Jonas Omlin freimachen musste, stimmte dies für mich. Denn auch ich hatte einst eine faire Chance erhalten.» So sei die spürbarste Auswirkung seines bevorstehenden Rücktritts, dass er viele Interviewanfragen habe: «Es ist plötzlich wieder wie früher.» 

Ab nächster Woche dürfte sich dieser Rummel legen – obwohl Zibung dem Fussballgeschäft wohl erhalten bleibt. Gespräche, dass er beim FCL als Goalietrainer für den Nachwuchs und Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle weitermacht, seien positiv verlaufen. Noch aber ist dies Zukunftsmusik. «Am Montag steht mit dem Cupfinal gegen St. Gallen das Highlight der Saison bevor», sagt er mit fester Stimme. 

Vielleicht erhält David Zibung dann die Gelegenheit, die ihm in 18 Jahren bei seinem FCL bisher verwehrt geblieben ist – einen Pokal in die Höhe zu stemmen. Es wäre die Krönung für einen Fussballer, der nie König sein wollte, aber die Fans so stark berührte wie nur ganz wenige.

Von Thomas Renggli am 21.05.2021
Mehr für dich
© 2021 Schweizer Illustrierte
© 2021 Schweizer Illustrierte
Logo von Ringier Axel Springer