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  4. Snowboarderin Patrizia Kummer kämpft mit Vater gegen dessen Krebs

Vater Roland erkrankte schwer

Der Krebs brachte Patrizia Kummers Familie aus der Spur

Als Snowboarderin fuhr Patrizia Kummer zu Olympia-Gold. Doch die Krebserkrankung von Vater Roland brachte ihre Familie aus der Spur.

Patrizia Kummer Snowboarderin Vater

Familien-Doppel: Patrizia Kummer mit Vater Roland. «Er fehlt mir an den Rennen als moralische Bezugsperson.»

Kurt Reichenbach

Mühlebach VS im Obergoms. Die Rottu trägt silbergrünes Schmelzwasser talwärts. Die Tannen glänzen im Licht der tief stehenden Sonne. Sommeridyll in einem Ort, der mit seinen rund 50 Einwohnern nur ein kleiner Fleck auf der Landkarte ist. «Hängebrigga» heisst das Bed and Breakfast der Familie Kummer. Tochter Patrizia, 31, lacht herzlich. Seit ihrem Olympiasieg im Snowboard-Riesenslalom 2014 gehört die Gommerin zu den populärsten Sportlerinnen des Landes.

Hinter der Theke hat Mutter Beatrix alle Hände voll zu tun: «Bei uns läuft im Sommer fast mehr als im Winter.» Doch der gastronomische Erfolg ist von persönlichen Sorgen umweht. Vater Roland ist von einer heimtückischen Krebserkrankung geschwächt: «Das Schwierigste an meiner Situation ist, dass ich meinen Lebensrhythmus ändern musste. Oft nehme ich mir am Morgen ganz viel vor – und muss dann einsehen, dass ich mich überschätzt habe.»

Im September 2017 trifft das Schicksal den 56-jährigen Walliser mit voller Wucht. Rückenschmerzen plagen ihn. Anfänglich führt er diese auf Arbeiten im Haus zurück: «Beim Montieren der neuen Rollläden musste ich ziemlich schwer tragen. Ich ging deshalb von einer Muskelverhärtung aus.» Doch eine Massage verschlimmert die Beschwerden noch.

Patrizia Kummer Snowboarderin

Zuversicht: «Ich wollte meinen Vater unbedingt aus dem Spital nach Hause bringen, bevor ich nach Südkorea flog», sagt Patrizia Kummer.

Kurt Reichenbach

Patrizia wollte ihn nach Hause bringen

In gewissem Sinne hatte Roland Kummer Glück im Unglück. Jährlich erhalten 600 Personen in der Schweiz dieselbe Diagnose. Bei rund der Hälfte bricht der Knochenmarkkrebs akut aus – Therapiemöglichkeiten gibt es dann keine mehr. Kummer aber hat sich am Inselspital einer Chemo- und Stammzellentherapie unterzogen. 

Zu jener Zeit ist Patrizia in der finalen Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Pyeongchang 2018. Doch im Kopf hat sie vor allem ihren Vater: «Ich wollte ihn unbedingt aus dem Spital abholen und nach Mühlebach bringen, bevor ich den Flieger nach Südkorea besteige.» Der Wunsch sollte in Erfüllung gehen. Patrizia fährt ihren Vater nach Hause – und fliegt dann an die Olympischen Spiele.

Die Erkrankung setzte Kummer als Sportlerin zu

Dort scheitert sie in der ersten Runde der Direktausscheidung an der späteren Siegerin Esther Ledecka. Dass die Absenz ihres Vaters, der zuvor bei den wichtigsten Rennen stets dabei war, einen Einfluss auf den sportlichen Stillstand hatte, will sie nur bedingt gelten lassen: «Das war höchstens indirekt der Fall. Mein Vater fehlte mir vor allem als moralische Bezugsperson.» Mutter Beatrix vertritt dazu eine differenziertere Haltung: «Was wir mit Roland durchleben mussten, kann nicht spurlos an einem vorbeigehen.»

Das Schlimmste ist damit aber noch nicht überstanden. Ausgerechnet als Patrizia in Pyeongchang ihre Goldmedaille von 2014 verteidigen will, erkrankt ihr Vater an einer Lungenentzündung – was bei einem geschwächten Immunsystem lebensbedrohlich ist: «Ich dachte, ich verliere ihn», sagt Ehefrau Beatrix mit leerem Blick. Aber Roland klammert sich am Leben fest – und kommt im Spital in Brig wieder auf die Beine.

Patrizia Kummer

Unvergessen: 2014 holt Patrizia Kummer in Sotschi Gold im Parallel-Riesenslalom.

Getty Images

Der Hausarzt erkennt den Ernst der Lage und überweist Kummer an die Onkologie des Spitalzentrums Oberwallis in Brig. Chefarzt Reinhard Zenhäusern macht daraufhin eine Blutprobe und lässt sie am Inselspital in Bern analysieren. Zurück kommt das niederschmetternde Ergebnis: «Multiples Myelom – Knochenmarkkrebs.» Niemand wisse, bei wem und weshalb die Krankheit ausbreche. Roland Kummer erzählt mit beeindruckender Gefasstheit über jenen Moment: «Ohne Therapie, prophezeiten mir die Ärzte, hätte ich noch drei bis sieben Monate zu leben. Doch ich habe mir von Anfang an gesagt: Egal, was es ist. Ich überlebe das.»

Patrizia Kummer sitzt daneben und schaut ihren Vater liebevoll an. Als studierte Psychologin hat sie gelernt, mit Extremsituationen umzugehen. Doch wenn man persönlich betroffen ist, sieht alles anders aus: «Ich habe meinem Vater sofort gesagt: Ich helfe dir, wo und wann ich kann. Aber ich kann die Krankheit nicht von dir wegnehmen.» Es sei nie Thema gewesen, ob ihr Vater damit das Todesurteil erhalten habe.

Alle Kummers packen an

Anderthalb Jahre später ist ein Stück Normalität nach Mühlebach zurückgekehrt – auch weil Patrizias Bruder Fernando, 33, und dessen Freundin Andrea in den schwierigsten Zeiten im Café tatkräftig mitgeholfen haben. Heute schmeisst Beatrix den Laden, Patrizia hilft, wo sie kann: «Wenn etwas körperlich Anstrengendes anfällt, mach ich das.» Dazu gehört auch das Verlegen eines Plattenweges hinter dem Haus: «Eigentlich hätte das mein Vater machen wollen, aber jetzt muss ich halt einspringen.» Auch das Kochen und die Pflege des Gemüsegartens gehört zu ihrem Pflichtenheft: «Im Herbst wollen wir den Gästen selbst gemachte Kürbissuppe anbieten.»

Patrizia Kummer Snowboarderin Vater

Kampfgeist: Patrizia, Beatrix und Roland Kummer haben das Lachen nicht verloren.

Kurt Reichenbach

Vor allem will Patrizia aber im Schnee wieder an ihre besten Zeiten anknüpfen. In der Turnhalle von Ernen und im Fitnessraum der Sportschule Brig bereitet sie sich derzeit auf die Saison vor. 

Der Start in den Weltcupwinter folgt Anfang Dezember in Russland. Ihr grosses Fernziel ist Olympia 2022 in Peking. Doch die Ereignisse in der Familie haben diese sportlichen Ansprüche relativiert. Denn Patrizia Kummer weiss genau: Was wirklich zählt, ist das Rennen des Lebens.

Gemeinsam gegen Krebs

Am 24. August beteiligt sich Patrizia Kummer am Wohltätigkeitsanlass «Bärgüf» im Wallis: «Der Kampf gegen diese Krankheit geht uns alle an.» (www.baerguef.ch)

Von Thomas Renggli am 27. August 2019