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Abt Urban Federer

Der Manager von Einsiedeln 

Seit 13 Jahren steht Urban Federer dem Kloster Einsiedeln vor. Als Abt ist er nicht nur spiritueller Führer – er trägt auch die Verantwortung für ein ganzes Unternehmen. Und doch sagt er: «Das Miteinander steht für mich im Zentrum, nicht der Profit.»

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<p>Moderne Lampe, traditionelles Ambiente: Als Technikfan sei ihm die Beleuchtung im und am Kloster sehr wichtig, sagt Abt Urban.</p>

Moderne Lampe, traditionelles Ambiente: Als Technikfan sei ihm die Beleuchtung im und am Kloster sehr wichtig, sagt Abt Urban.

Kurt Reichenbach

Auf dem riesigen Klosterplatz in Einsiedeln flanieren Besucher auf und ab, während Fetzen von Englisch und Spanisch durch die Luft wehen. Die Heilige Woche steht an, das bedeutet für das Kloster zahlreiche feierliche Gottesdienste. Für Abt Urban Federer (57) nichts Aussergewöhnliches. «Bei uns ist sowieso immer viel los.» Längst ist das Kloster mehr als ein Pilgerort – es ist Touristenattraktion, Schule, Wirtschaftsbetrieb. Ein KMU mit rund 180 Mitarbeitenden in so unterschiedlichen Bereichen wie IT, Pferdezucht oder Elektrotechnik. «Wenn man das Kloster mit einem Unternehmen vergleichen möchte, dann wäre ich so etwas wie der Präsident des Verwaltungsrates», sagt der Mann, der das alles zusammenhält. Urban Federer oder Abt Urban, wie er hier genannt wird, steht dem Kloster seit 2013 vor, letztes Jahr wurde er für zwölf Jahre wiedergewählt.

<p>Moderne Lampe, traditionelles Ambiente: Als Technikfan sei ihm die Beleuchtung im und am Kloster sehr wichtig, sagt Abt Urban.</p>

Moderne Lampe, traditionelles Ambiente: Als Technikfan sei ihm die Beleuchtung im und am Kloster sehr wichtig, sagt Abt Urban.

Kurt Reichenbach

In allen Aufgaben defizitär

Als Abt hat Federer mehrere Hüte auf. So ist er gemäss der Regel des heiligen Benedikt spiritueller Vater der Klostergemeinschaft und Mönch, der wie seine Mitbrüder am klösterlichen Leben teilnimmt. «Zumindest dann, wenn ich zu Hause bin. Aber ich bin eben nicht immer zu Hause», sagt er. Abt Urban ist auch das Gesicht des Klosters nach aussen, er pflegt Kontakte in die Politik und in die Wirtschaft, hält Vorträge und eröffnet Kunstausstellungen.

Dieses Repräsentieren ist für das Kloster von grosser Bedeutung: Weil es privatrechtlich organisiert ist, erhält es keine Kirchensteuern und muss das Geld für seinen Unterhalt selbst aufbringen. Bei manchen Projekten wie etwa der soeben abgeschlossenen Sanierung des Klosterplatzes hilft zwar auch die Denkmalpflege aus, den grössten Teil aber übernimmt das Kloster. Spenden sind dabei seit jeher zentral.

Abt Urban macht keinen Hehl daraus, dass das eine Herausforderung ist; insbesondere während der Coronapandemie seien die Spenden eingebrochen. «Stellen Sie sich vor, wenn Sie 800'000 Besucherinnen jährlich haben – und dann kommen plötzlich nur noch eine Handvoll.» Zwar hätten sich die Finanzen seither etwas erholt, aber das Kloster sei in all seinen Aufgaben defizitär.

<p>Im Kloster gibt es zwar einen Reinigungsdienst, aber oftmals legen die Mönche selber Hand an – das gilt auch für den Abt.</p>

Im Kloster gibt es zwar einen Reinigungsdienst, aber oftmals legen die Mönche selber Hand an – das gilt auch für den Abt.

Kurt Reichenbach

Viele Ländereien, wenig Geld

Das mag manch einen überraschen, denn das Einsiedler Kloster ist nicht nur als Tourismus-Hotspot bekannt, sondern auch als einer der grössten privaten Landbesitzer der Schweiz. Über 2000 Hektaren gehören den Benediktinermönchen, das entspricht in etwa der Grösse von Herisau, der Kantonshauptstadt von Appenzell Ausserrhoden. Ausser dem eigentlichen Klosterareal ist das Land verpachtet, die Pachtzinsen gehören – neben den Spenden und den Geldern für Denkmalpflege und Stiftsschule – zu den wichtigsten Einnahmequellen. Gleichzeitig ist ein Grossteil der Fläche aber Wald, in den man laut Abt Urban fast mehr Geld hineinstecke, als man herausbekomme. Auch mit dem Wein aus den klostereigenen Rebbergen werde man nicht reich. «Aber er ist ein gutes Aushängeschild. Er weckt viele Sympathien», sagt der Abt mit einem Lächeln. Ausser jetzt gerade in der Fastenzeit möge er den Wein – «das ist natürlich von Vorteil, so bin ich ein guter Werbeträger».

Abt Urban ist ein humorvoller Mann mit einem gewinnenden Lachen. Er spricht eloquent und gestikuliert viel, streut ab und an ein französisches oder englisches Wort ein. «Voilà», sagt er, wenn er eine Argumentation abgeschlossen hat. Die Sprache liegt ihm, dem studierten Germanisten und Historiker, am Herzen. Noch wichtiger sei ihm jedoch der Austausch mit Menschen, sagt er. Wann immer es möglich ist, nimmt er sich deshalb Zeit, um Besucher aus aller Welt im Kloster willkommen zu heissen. Zudem unterrichtet er als Lehrer an der Stiftsschule. Das liegt auch am religiösen Hintergrund: Gastfreundschaft und Bildung sind für die Benediktiner zentrale Grundsätze.

<p>Diese Flaschen Klosterwein zieren Motive von Harald Naegeli. Mit dem Zürcher Street-Art-Künstler veranstaltete Abt Urban eine Ausstellung zum Thema «Tod und Vergänglichkeit».</p>

Diese Flaschen Klosterwein zieren Motive von Harald Naegeli. Mit dem Zürcher Street-Art-Künstler veranstaltete Abt Urban eine Ausstellung zum Thema «Tod und Vergänglichkeit».

Kurt Reichenbach

Zwischen Gottesdiensten ins Büro

Wie die anderen Mönche beginnt der Abt seinen Tag mit einem Gebet um 5.30 Uhr. Nach einer Zeit der Stille stehen verschiedene Sitzungen auf dem Programm, montags etwa mit dem Geschäftsführer, der das Kloster auf operativer Ebene leitet, donnerstags mit dem Chef Bau, der für die verschiedenen Werkstätten auf dem Gelände verantwortlich ist.

Einige dieser Betriebe, etwa die Gärtnerei oder die Schneiderei, verkaufen ihre Leistungen auch nach aussen. Die meisten jedoch arbeiten ausschliesslich dem Kloster zu, etwa die Buchbinderei, in der die Bücher der jahrhundertealten Bibliothek restauriert werden. Bei der Grösse des Klosters müssten sie sich überlegen, was günstiger komme: alle Leistungen einzukaufen oder inhouse zu produzieren, sagt der Abt. So gesehen gehe es bei den Werkstätten gegenwärtig weniger darum, die Einnahmequellen zu diversifizieren, als vielmehr die Kosten möglichst gering zu halten.

Der Arbeitstag von Abt Urban wird immer wieder unterbrochen von Gottesdiensten – zwei finden um die Mittagszeit statt, einer am späteren Nachmittag und einer am Abend. «Ich bin dankbar für diese Struktur, die mich herausreisst aus Mails und Meetings. Sonst würde ich vielleicht auch irgendwann in einem Burnout landen.»

<p>Der Abt braucht einen neuen Gürtel – gut, dass es im Kloster eine eigene ­Schneiderei gibt.</p>

Der Abt braucht einen neuen Gürtel – gut, dass es im Kloster eine eigene Schneiderei gibt.

Kurt Reichenbach

Überhaupt scheint es ihm wichtig, nicht nur über die wirtschaftlichen Aspekte seiner Arbeit zu sprechen. So funktioniere das Kloster zwar nach den Regeln der modernen Ökonomie. Doch einen wirtschaftlichen Zweck habe es nur untergeordnet. «Warum arbeite ich so viel? Nicht um Geld zu verdienen – das tue ich nämlich nicht.» Vielmehr glaube er an eine Gesamtvision für das Kloster Einsiedeln, die das Miteinander ins Zentrum stelle statt den persönlichen Profit. «Es wäre schön, wenn ein bisschen etwas von diesem Geist auch in der Gesellschaft als Ganzes wehen würde.»

Text: Vanessa Buff vor 24 Minuten