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«Friedrun gibt meinem Leben Farbe»

Didier Burkhalters Kampf gegen den Krebs

Im Kampf gegen den Krebs ist sie seine grösste Stütze. Friedrun Sabine gibt ihrem Mann Didier Burkhalter Kraft. Gerade hat der alt Bundesrat sein viertes Buch herausgebracht. Sie hat es illustriert. Und sagt: «Manchmal muss ich ihn bremsen.»

Didier und Friedrun Burkhalter

Verliebt wie am ersten Tag: Didier Burkhalter, 58, und seine Frau Friedrun Sabine, 52, im Botanischen Garten von Neuenburg.

Guillaume Perret

Sein Rücktritt aus 
dem Bundesrat im Herbst 2017 kam überraschend. Genauso überraschend erfährt Didier Burkhalter, 58, nur wenige Monate später, dass er Krebs hat. Immer an seiner Seite: Friedrun Sabine, 52. «Meine Frau ist einzigartig in meinen Augen.»

Das Paar, das seit 33 Jahren verheiratet ist, wirkt beim Treffen im botanischen Garten in ihrer Heimat Neuenburg vertrauter denn je. Nicht nur seine Krankheit hat 
sie näher zusammengebracht, sondern auch ihr gemeinsames Buchprojekt. 

Monsieur Burkhalter, wollten Sie schon als Bub Schriftsteller werden?
Als Jugendlicher wollte ich Reporter werden. Doch als ich in 
den 70er-Jahren das berühmte Vietnamkriegs-Foto des Napalm-Mädchens sah, beschloss ich, Stifte und Kamera wegzulegen und 
in die Politik zu gehen. Statt die Dinge zu beschreiben, wollte ich sie verändern. 

Können das nur Politiker?
Da bin ich mir heute nicht mehr sicher. Mit einem Satz, einem Bild, einem Buch kann man auch Berge versetzen. 

Didier und Friedrun Burkhalter

Teamarbeit: Seit seinem Rücktritt hat FDP-Mann 
Didier Burkhalter vier Bücher geschrieben. Seine Frau Friedrun Sabine hat bei dreien die Titel 
illustriert.

Guillaume Perret

Seit Ihrem Rücktritt aus dem Bundesrat haben Sie bereits vier Bücher geschrieben! 
Seit dem ersten Tag nach meinem Rücktritt spürte ich eine grosse Lust zu schreiben. Vielleicht ist es Ausdruck meiner wiedergewonnenen Freiheit. Vielleicht gabs tief in mir drin auch einen Stau der Gefühle. Diese kamen in meinen Büchern zum Fliegen. Bis dahin hatte ich zwar eine Vorstellung dieser Geschichten, aber nicht genug Zeit, sie zu entfalten. Ich denke, dass noch ein oder zwei weitere Bücher folgen, aber in Zukunft werde ich mir mehr Zeit nehmen.

Friedrun Sabine Burkhalter: Das ist eine gute Idee. Wenn ich daran denke, dass du innert 15 Mona
ten vier Bücher geschrieben hast. Manchmal bin ich nicht sicher, 
ob Didier immer weiss, was er sich zumuten kann. 

Zumal Sie in dieser Zeit eine schwere Krankheit ereilte.
Didier Burkhalter: Die Krankheit hat meine Lust zu schreiben nicht gelähmt. Während ich schrieb, 
war sie aber immer anwesend. 
Ich habe die Krankheit übrigens in meinem neuen Roman folgendermassen beschrieben: «Sie ist eine Art Freund, den man nicht mag, der aber unentwegt mehr oder 
weniger regelmässig wiederkehrt. Sie ist ein Spiegel, in den man 
nicht blicken mag. Ein Gedanke, den man nicht verscheuchen kann. Diese Krankheit ist anziehend 
wie ein unbekannter Geruch, eindringlich wie ein Totenlied.» 

Wie haben Sie davon erfahren?
Per Zufall, nach einer Routinekontrolle. Dann immer konkreter nach den zahlreichen Untersuchungen im letzten Sommer. 

Wie haben Sie die Diagnose aufgenommen?
Im ersten Moment als grosse 
Ungerechtigkeit. Dann betend. 

Sind Sie gläubig?
Ich bin nicht sehr religiös, aber ich brauche diese Momente, 
wo ich zum Himmel reden kann. Ich wende mich an Gott, den ich vor allem in der Natur spüre. 

Hat Ihnen das Schreiben geholfen, die Krankheit zu verarbeiten?
Das weiss ich nicht. Aber ich glaube, es war gut, dass ich damit nicht aufgehört habe. 

 

Didier und Friedrun Burkhalter

Natur als Inspiration: Didier Burkhalter 
und Friedrun Sabine haben sich in London kennengelernt. 
Die Österreicherin war damals 16, er 23.

Guillaume Perret

Wo holen Sie sich Inspiration?
Im Herzen und in der Natur. 

Sie haben schon zwei historische Romane geschrieben. Warum?
Ich bin überzeugt, dass wir immer wieder unsere Geschichte in Erinnerung rufen müssen. Mit der Erinnerung an unsere gemeinsame Vergangenheit können wir unsere Zukunft besser formen. Schauen wir die Zeit zwischen den Weltkriegen an: die Frustrationen des Volkes, der Aufstieg der Nationalismen, die Finanzkrise, die sozialen Ungerechtigkeiten und das Aufkochen des Hasses. Unsere Welt hat das noch nicht verdaut und vergessen. Mein neustes Buch ist gegen den Hass und für den Frieden. 

Reden Sie mit Ihrer Frau über das, was Sie schreiben wollen?
Ich erzähle ihr oft und gern 
meine Gedankengänge, aber ich bin lieber allein, wenn ich diese niederschreibe. Danach lese ich ihr das vor, was meinem Herzen entsprungen ist. 

Ist sie Ihre erste Kritikerin?
Natürlich kritisiert sie mich, aber wichtiger ist, was sie selber beiträgt. Sie illustriert meine Werke und hat die Titelbilder der drei letzten Bücher gemalt. Sie gibt meinem Leben Farbe. 

Friedrun Sabine Burkhalter: Mir gefällt der Dialog von Bild und Buch. 

Wie haben Sie Ihren Mann in der schwierigen Zeit unterstützt?
Ich war einfach da und habe ihm zugehört. Wir unterstützen uns gegenseitig in allen Prüfungen des Lebens.

Herr Burkhalter, anfangs haben 
Sie in den Medien das Wort Krebs vermieden, warum?
Die Auseinandersetzung mit der Krankheit ist etwas sehr Persönliches. Ich hatte zudem das Glück, sehr gut gepflegt zu werden, und ich weiss, dass viele 
Menschen viel mehr leiden als 
ich. 

Sie sind sehr zurückhaltend. In 
der Schweiz erkranken jährlich 40 000 Menschen an Krebs. Haben Sie da als alt Bundesrat nicht eine Vorbildfunktion, damit die Leute offen darüber reden? 
In unserer Gesellschaft spricht man bereits offen über Krankheiten, die Tabus sind längst gefallen. 

 

Didier und Friedrun Burkhalter

Optimistisch: Burkhalters haben drei erwachsene Söhne. Er war zehn Jahre Bundesrat. «Im Amt musste ich mir eine zweite Haut zulegen.»

Guillaume Perret

Hat die Last des Bundesratsamts die Krankheit ausgelöst? 
Ich habe das Gefühl, dass ich die Grenzen sehr oft überschritten habe. Aber ich weiss nicht, ob sich das auf meine Gesundheit ausgewirkt hat. Ich bereue nichts, dennoch hat der Körper eindeutig ein Signal gesendet. Ich bin wohl jemand, der unter Stress körperliche Beschwerden entwickeln kann. 

Ist Bundesrat ein Verschleissjob?
Es ist eine fantastische Funktion im Dienste der Menschen und 
des Staats. Aber ein Mitglied der Regierung muss sich eine zweite Haut zulegen, die man während seines Amtes nie ablegen kann. Nicht eine Minute. Diese Herausforderung muss man akzeptie
ren können. Sitzt diese zweite Haut nicht mehr richtig, muss man gehen. 

Es heisst, die Lockerung der Kriegsmaterialexporte ist einer der Gründe, der Sie zum Austritt aus dem Bundesrat bewogen hat …
Mehr denn je glaube ich, dass die Schweiz ihre guten Dienste nur weiterentwickeln kann, wenn sie glaubwürdig ist. Man hat mir oft gesagt, dass wir als Land nicht nur das Glück haben, in Frieden zu 
leben, sondern auch die enorme Verantwortung, dem Frieden auf der Welt mehr Chancen zu geben.

In dieser Hinsicht wurden Sie oft als Idealist bezeichnet, sogar als naiv.
Ich bin Idealist. Diese Eigenschaft ist eine Stärke, um echte Fortschritte zu erzielen. 

Und Sie, Frau Burkhalter?
Ich bin wohl mehr Realistin. 

Didier Burkhalter: Du bist pragmatisch, stehst mit beiden Beinen im Leben.  

Frau Burkhalter, hat Ihr Mann zu viel gearbeitet?
Mein Mann macht gern alles gründlich. Ich muss ihn manchmal bremsen. Klar war die Diagnose ein Schock für uns beide. Sie kam nicht mal ein Jahr nach seinem Rücktritt, genau in dem Moment, wo wir wieder Zeit füreinander gehabt hätten. Wir konnten nicht entspannen, obwohl wir mit den Büchern ein gemeinsames Projekt hatten. 

Didier Burkhalter: Ja, die Krankheit war ein Schock. Sie zwingt einen, dem Leben direkt in die Augen zu sehen. Erinnerungen, Enttäuschungen und Freuden – heute nehme ich alles viel intensiver, farbiger wahr. 

Friedrun Sabine Burkhalter: Das spüre ich genauso. Jeden Tag wäge ich ab, was wirklich wichtig ist, damit ich für ihn da sein kann. 

Hat Sie diese Erfahrung noch näher zusammengebracht?
Friedrun Sabine Burkhalter: Sie hat uns darin bestärkt, dass wir uns sehr nahe sind. Manchmal haben wir den Eindruck, dass diese Prüfungen nicht zufällig auf unserem Lebensweg aufgetaucht sind. Daran sind wir als Paar gewachsen. 

Herr Burkhalter, wie geht es Ihnen heute?
Eher gut, danke. Ich muss dieses Jahr regelmässig Untersuchungen machen. 

Friedrun Sabine Burkhalter: Mein Mann ist glücklich, wenn er schreibt, ich, wenn ich male. Dieses Glück – vereint – ist das beste Mittel gegen die Krankheit. 

Frau Burkhalter, sind Sie froh, dass Ihr Mann heute nicht mehr Bundesrat, sondern Schriftsteller ist?
Ich habe seine Zeit in der Politik geschätzt. Schon als er in der Regierung der Stadt Neuenburg war und ich gerade mal 20 Jahre alt. 
Es war mir eine Ehre, meine Rolle an seiner Seite auszufüllen, ganz besonders, als er Bundespräsident und Aussenminister war. 

Es heisst, Sie wollen – wenn die Trilogie Ihrer Bücher fertig ist – diese verfilmen. Stimmt das?
Didier Burkhalter: Die Trilogie auf die Leinwand zu bringen oder eine Serie daraus zu machen, wäre ein Traum. Falls hier ein Regisseur mitliest: Wir stehen zur Verfügung. 

 

Von Jessica Pfister am 11. April 2019