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  4. Ikea-Chefin Jessica Anderen über Krisen, Lieferschwierigkeiten und das Leben in der Schweiz

Ikea-Chefin Jessica Anderen

«Die Engpässe sind eine Chance»

Seit ihrem Start als Schweiz-Chefin von Ikea muss die Schwedin Jessica Anderen eine Krise nach der anderen meistern. Warum sie trotz Lieferproblemen gut gelaunt ist, ob sie selbst gern Ikea- Möbel zusammenschraubt und was ihr in der Schweiz gefällt.

Jessica Anderen, CEO Ikea Schweiz, Spreitenbach, SI 42/2021

Im Lager in der Filiale in Spreitenbach AG. «Die Regale sind zum Glück noch ziemlich voll», sagt Jessica Anderen.

Geri Born

Bei Ikea ist man auf allen Ebenen per Du. Aber auch ohne diese Firmenphilosophie ist Jessica Anderen, 52, eine nahbare Chefin. In der Filiale in Spreitenbach AG plaudert sie mit den Lager-Mitarbeitern über die Weihnachtsprodukte, die früher als erwartet eingetroffen sind – auf Englisch. «Ich finde Schweizerdeutsch eine so schöne Sprache, aber als ich mit dem Deutschkurs anfing, kam die Pandemie, und ich musste Prioritäten setzen.» Doch sie werde den Kurs so bald wie möglich nachholen, verspricht die Schwedin, die seit Ende 2019 mit ihrer Familie in Zürich Wollishofen lebt.

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Frau Anderen, was haben Sie sich während der Pandemie Neues angeschafft für Ihr Zuhause?
Ein Pult zum Hochfahren für mein Homeoffice.

Von Ikea?
Natürlich (lacht). Zudem mussten wir für die Studenten-WG von meinem Sohn Felix in Lausanne Möbel kaufen. 80 Prozent davon stammen von Ikea Second-Hand.

Alle, die schon Ikea-Möbel zusammengebaut haben, wissen: Die Anleitungen können einen ziemlich herausfordern. Schrauben Sie selber?
Klar! Als Schwedin bin ich mit Ikea aufgewachsen. Schon als Kind habe ich meinen eigenen Werkzeugkasten bekommen. Mein Mann ist Ingenieur und liebt es, Sachen zusammenzubauen. Wir haben in unserem Leben gemeinsam sicher zehn Ikea-Küchen selber montiert.

Respekt! Aber Ihnen ist das Problem mit den Anleitungen schon bekannt?
Ich habe auch schon davon gehört (schmunzelt). Ikea hat die letzten Jahre viel Aufwand betrieben, um das Zusammenbauen der Möbel zu verkürzen und zu vereinfachen – weil wir wissen, dass es für Kunden mühsam ist und oft viel Zeit kostet. Zum Glück gibt es heute auch auf Youtube viele Filme – zum einen von Ikea, aber auch von Kunden – mit super Tipps zum Zusammenbauen. So macht das Ganze auch gleich mehr Spass.

Wie viel Ihrer eigenen Einrichtung stammt von Ikea?
Mehr als die Hälfte. Obwohl wir in den letzten Jahren an vielen verschiedenen Orten auf der Welt gelebt haben – Hongkong, Singapur, Indien, Australien – und dort auch immer wieder Erinnerungsstücke mitgenommen haben, ist die Ikea-DNA schon gut spürbar.

Welches Ikea-Produkt ist bei der Schweizer Kundschaft aktuell am beliebtesten?
Sehr gefragt sind alle Produkte rund ums Homeoffice wie Pulte oder Bürostühle. Was uns während des Lockdowns auffiel: Die Leute backen mehr. Also gingen Backschalen und Formen weg wie warme Brötchen.

Hat sich das Einkaufsverhalten seit der Pandemie generell geändert?
Ja, und zwar nachhaltig. Während des Lockdowns sind die Onlineverkäufe stark angestiegen – von 8 auf 22 Prozent. Diese Zahlen blieben auch nach der Wiedereröffnung der Läden hoch. Und die Liebe zum Wohnen ist enorm gestiegen. Die Menschen sind bereit, mehr in ein schönes Zuhause zu investieren.

«Wir haben Produkte aus dem Sortiment genommen, weil wir nicht wollten, dass Kunden monatelang warten müssen»

Letztes Jahr hat Ikea trotz Lockdown seine Verkäufe gesteigert. Wie siehts aktuell aus?
Die Zahlen sehen erneut gut aus. Im letzten Jahr verzeichneten wir zwölf Millionen Besuche in unseren Läden. Das liegt auch daran, dass alle gut zusammenarbeiteten, und an der Loyalität unserer Kunden. Herausfordernd werden aber die nächsten zwölf Monate aufgrund der weltweiten Lieferschwierigkeiten.

Inwiefern spürt das Ikea Schweiz?
70 Prozent unserer Produkte werden in Europa produziert. Das Problem sind einzelne Komponenten, die aus Asien stammen.

Welche zum Beispiel?
Elektronische Komponenten. Oder Scharniere, um die Möbel zusammenzuhalten.

Wie kam es zu diesen Lieferschwierigkeiten?
Es sind viele einzelne Probleme, die zusammenkamen und einen Dominoeffekt auslösten. Alles fing an mit der Pandemie, die zu Produktionsverspätungen bei unseren Lieferanten führte. Hinzu kommen die Verkehrsprobleme über die Weltmeere: zu wenig Schiffe, zu wenig Container. Und zuletzt die erhöhte Nachfrage. Es ist eine komplexe Situation.

Und wie lösen Sie diese?
Zum einen haben wir mehr Schiffscontainer gekauft. Denn obwohl in Europa schon viel über die Schiene läuft – über Asien ist der Landweg immer noch schwierig. Unser Vorteil gegenüber der Konkurrenz ist, dass wir die Produkte selber entwickeln und sehr eng mit unseren Lieferanten zusammenarbeiten. Sprich: Wir können Produkte priorisieren, damit sie diese vermehrt herstellen.

Jessica Anderen, CEO Ikea Schweiz, Spreitenbach, SI 42/2021

Blickt trotz Engpässen optimistisch in die Zukunft: «Ikea-Kunden sind zum Glück sehr loyal.»

Geri Born
«Wir erfinden keine Probleme, wo keine sind»

Wie funktioniert diese Priorisierung?
Wir schauen, was die Verkaufsschlager sind. Bei diesen Produkten wissen wir zudem, welche Farbe bei den Kunden besonders gefragt ist. Ist dies etwa Schwarz, können wir unseren Lieferanten mitteilen, mehr Stühle in Schwarz zu produzieren. So ist die Chance auch grösser, dass die Kunden einen dieser Stühle zeitnah erhalten.

Sie haben aber auch einzelne Produkte aus dem Sortiment genommen.
Ja, das haben wir bewusst gemacht, damit die Kunden nicht wochen- oder monatelang warten müssen. Für uns ist Transparenz entscheidend. Deshalb hilft es auch, wenn sich die Kunden vor ihrem Besuch in unseren Einrichtungshäusern online schlaumachen. Und wir informieren natürlich so transparent wie möglich, was die Lieferengpässe betrifft.

Ist diese offene Kommunikation auch eine Möglichkeit, noch mehr Kunden anzulocken?
Wir erfinden sicher keine Probleme, wo keine sind. Was aber stimmt: Die Engpässe sind auch eine Chance für uns.

Inwiefern?
Wir können mehr auf Nachhaltigkeit setzen und unsere Secondhandmöbel promoten. Spannend ist ja, dass ein Ikea-Produkt im Schnitt fünf verschiedene Haushalte durchlebt. Durch unsere Rück- und Wiederverkaufsservices unterstützen wir diesen Trend. Anstelle eines Black Friday haben wir einen «Buyback Friday» eingeführt.

Jessica Anderen, CEO Ikea Schweiz, Spreitenbach, SI 42/2021

Anderen setzte sich mit Ikea Schweiz für den Vaterschaftsurlaub und die Ehe für alle ein. «Diversität gehört zur Ikea-DNA.»

Geri Born

Sie haben Ihren Job bei Ikea Schweiz Ende 2019 angetreten – dann kam die Pandemie. Wie war das für Sie?
Nicht immer leicht. Ich fing an und musste gleich als Krisenmanagerin agieren und Filialen schliessen – zum ersten Mal in meiner Karriere. Dafür sind wir als Firma näher zusammengerückt. Wir hatten unser Warenlager in Basel stets geöffnet. Dort habe ich oft gearbeitet. Es war mir wichtig, auch in Krisenzeiten nahe bei den Leuten zu sein.

Und privat?
Unser Zusammenhalt in der Familie war schon vor der Pandemie sehr eng. Wir haben Schweden 1995 verlassen und sind seither Weltenbummler. Das schweisst zusammen. Unsere Kinder sind zwar nun beide aus dem Nest geflogen (seufzt) –der Sohn ging nach Lausanne, die Tochter studiert in Madrid. Doch während der Pandemie waren wir alle zusammen in Zürich. Das war natürlich schön trotz all den Unsicherheiten zu Beginn.

Was hat Sie an der Schweiz gereizt? Klingt ja doch weniger aufregend als Hongkong oder Australien?
(Lacht) Ich finde die Schweiz super spannend! Es ist ein kleines Land mitten in Europa mit vielen multikulturellen Einflüssen. Zudem sehr innovativ. Ikea-Gründer Ingvar Kamprad hat 1973 hier in Spreitenbach die erste Filiale ausserhalb von Schweden eröffnet. Er sagte: «Wenn es in der Schweiz funktioniert, funktioniert es überall!» Für mich ist es eine Ehre, hier zu arbeiten. In einem so gut entwickelten Land sind natürlich viele Dinge auch nicht so leicht zu verkaufen. Es braucht also mehr Kreativität. Das gefällt mir.

Und was mögen Sie persönlich?
Die Natur und die frische Luft! Und ein Glas Hahnenwasser zu trinken. Das ist ein Luxus, den man leicht vergisst.

Kulturwissenschaftlerin Sarah El Bulbeisi

Sarah El Bulbeisi ist seit November 2019 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Orient-Institut Beirut tätig. Zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und leitete den Hochschuldialog «Gewalt, Flucht und Exil: Trauma in der arabischen Welt und in Deutschland». Sie promovierte an der LMU München und erhielt ihr Lizenziat an der Universität Zürich.

Ihre Dissertation «Tabu, Trauma und Identität: Subjektkonstruktionen von PalästinenserInnen in Deutschland und der Schweiz, 1960 bis 2015» stützt sich auf Gespräche, Lebensgeschichten und teilnehmende Beobachtung und untersucht das Spannungsverhältnis zwischen den (Familien-)Geschichten von PalästinenserInnen der ersten und zweiten Generation, die von der Erfahrung der Vertreibung und Enteignung geprägt sind, und der Umformung dieser Erfahrung in der westeuropäischen Darstellung des sogenannten Nahostkonflikts.

 

Von Jessica Pfister am 27. Oktober 2021 - 10:58 Uhr
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