Ehe Urs Schellenberg (45) als CEO im Familienbetrieb Tag für Tag feinstes Tuch und edlen Stoff durch seine Hände gleiten liess, machte er sich die Finger schmutzig: Nach Abschluss der Textilfachschule an der HTL in Dornbirn (A) riet ihm sein Vater, «etwas mit den Händen zu machen». Urs heuerte bei der Santex Rimar AG in Tobel TG an und montierte für das Unternehmen sechs Jahre lang Textilmaschinen auf der ganzen Welt.
Als ihm sein Vater 2009 signalisiert, dass er sich – «im Gegensatz zu meinem Grossvater, der als Patron alter Schule bis zuletzt in der Firma stand» – in den Ruhestand verabschieden wolle, kehrt der gelernte Textilingenieur zurück und übernimmt zwei Jahre später das Ruder im Familienunternehmen.

Kilometerlang: Acht Millionen Laufmeter Stoff werden pro Jahr gefärbt und bedruckt. Luftlinie entspricht das der Strecke von Zürich nach New Orleans.
Remo BuessNamhafte Kunden weltweit
Acht Millionen Laufmeter Stoff bedruckt und färbt Schellenberg im Zürcher Oberland. Das entspricht Luftlinie der Strecke von Zürich nach New Orleans. Zu den namhaften Kunden zählen Schweizer Firmen wie Calida, ISA Bodywear, Akris, Fischbacher, Schlossberg und Zimmerli. Aber auch internationale Luxusbrands wie Hermès oder Zegna reissen sich um die in Fehraltorf ZH veredelten Stoffe.

Für Calida: Auch diesen floralen Liberty-London-Print für die Kollektion 2026 druckte Schellenberg.
zVg / CalidaRund 120 Mitarbeitende beschäftigt das Unternehmen: 100 in der Produktion, vier tüfteln in der hauseigenen Entwicklungsabteilung an Innovationen, der Rest ist mit administrativen Aufgaben betraut. Hierarchien hält Urs Schellenberg bewusst flach, er setzt auf Eigeninitiative und Mitverantwortung. Sein Credo: «Mit den Besten arbeiten.» Dabei nimmt er auch soziale Verantwortung wahr. So integrierte die Firma bisher eine Handvoll IV-Bezüger wieder voll ins Erwerbsleben, was ihn besonders stolz macht. Sich selbst sieht Urs Schellenberg denn auch nicht als klassischen CEO. Als ihn kürzlich jemand nach seinem Titel fragte, antwortete er: «Ich bin MFA – Mädchen für alles.» Eine Selbstverständlichkeit ist für ihn, auch mal am frühen Sonntagmorgen um sechs den Dampfkessel in der Produktionshalle persönlich einzuheizen.
Vorzeigefirma bei Nachhaltigkeit
Aktuell zum Ziel gesetzt hat sich der Geschäftsführer, jeweils zehn Schulabgängern einen entsprechenden Lehrberuf anbieten zu können – ob als Textiltechnologin, Anlagenführer oder als KV-Azubi. «Heuer haben wir nur zwei Auszubildende, letztes Jahr waren es sieben. Da ist Potenzial nach oben.»

Bei der Wareninspektion setzt Urs Schellenberg voll und ganz auf Frauen. «Männer sind da zu oberflächlich»
Remo BuessGegründet wurde das Unternehmen 1946 von Urs’ Grossvater Ernst Schellenberg im Zürcher Niederdorf. Auf einem Sechs-Meter-Tisch begann er damit, Taschentücher zu bedrucken. Im Jahr darauf zügelte er den Einmannbetrieb ins Zürcher Oberland – in einen Stall mit Scheune. Heute besitzt die E. Schellenberg Textildruck AG zwei Hallen mit 20'000 Quadratmetern Produktionsfläche mitten in Fehraltorf.
80 Jahre nach seiner Gründung zählt das Schweizer Familienunternehmen zu den führenden Textilfärbereien Europas. Der Betrieb gilt als Vorzeigemodell in Sachen Nachhaltigkeit, was beim Produktionsstandort mitten in einem Wohngebiet anfängt und somit eine ökologische Produktionsweise voraussetzt, geht über moderne Abwasserreinigungsanlagen und Nahwärmeverbund-Abwärmenutzung bis hin zur Reduzierung des Wasserverbrauchs auf 500'000 Liter pro Tag. «Dank optimierten Färbeprozessen verbrauchen wir 50 Prozent weniger Wasser als Vergleichsunternehmen», sagt Schellenberg.

Unter der Lupe: Als wichtiger Akteur der Schweizer Textilindustrie tüftelt Schellenberg unter anderem an Baumwoll-Recycling.
Remo BuessEin neuer Stoff nur für Käse
Nicht nur Modeunternehmen reissen sich um Stoff aus Fehraltorf, sondern auch das Militär. Seit 2021 produziert Schellenberg das neue Tarngewebe für die Schweizer Armee. Der US-Army liefert man spezielle Stoffe für den ABC-Schutz. «ABC steht für atomare, biologische und chemische Stoffe.» Und auch Gore-Tex lässt bei den Schweizern Stoffe fürs schwedische Militär bedrucken. Zudem hat sich das einstige Nastüechli-Unternehmen mit Zeltblachen mit Antidrohnentechnologie einen Namen gemacht. Doch die Textilveredelung für den Modebereich überwiegt mit 60 Prozent nach wie vor.

Für Bett und Armee: In Fehraltorf veredelte Stoffe gibt es als Pyjamas oder mit Antidrohnentechnologie versehen als Tarnnetze.
Remo BuessEs sind vor allem neue Technologien bei der Stoffproduktion, die Urs Schellenberg faszinieren. Sein neustes Herzensprojekt betrifft eines der ältesten Produkte der Schweiz: Käse! Mit Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung in der Schweiz, begann das Unternehmen vor drei Jahren einen Stoff zu entwickeln, der die Affinage revolutioniert. Statt die schweren Laibe regelmässig zu wenden und mit Salzlake einzureiben, wird der Käse in Stoff eingewickelt. Dieser beschleunigt den Reifeprozess und intensiviert sogar das Aroma. Absoluter Clou dabei: Der Stoff ist danach kompostierbar.
Ideen für die Zukunft hat Urs Schellenberg genug. Auch der Fortbestand als Familienunternehmen scheint gesichert: Vor vier Monaten wurde er Vater eines Buben.
120 Mitarbeitende
Beschäftigt sind sie in Produktion, Entwicklung und Administration. Fünf IV-Bezüger wurden wieder voll ins Arbeitsleben integriert.
20000 Quadratmeter Fläche
So gross sind die zwei Fabrikgebäude mitten im Wohngebiet der Zürcher-Oberland-Gemeinde Fehraltorf.
40 Millionen Umsatz
Zu den Kunden gehören so klingende Namen wie Calida, ISA Bodywear, Zimmerli, Dior, Hermès und andere bekannte Brands.

