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Kabarettistin und Hauswartin

Die vielen Seiten von Lisa Christ

Die eine heimst als Kabarettistin Preise ein, die andere steht mit der Bassgitarre auf der Bühne. Lisa Christ und Martina Berther über ihr Leben als Paar, Rollenbilder und den gemeinsamen Nebenjob als Hauswartinnen.

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<p>Seit drei Jahren sind sie ein Paar – Kabarettistin Lisa Christ (l.) und Bassistin Martina Berther. Neuste Mitbewohnerin: Die dreijährige Hündin Paula.</p>

Seit drei Jahren sind sie ein Paar – Kabarettistin Lisa Christ (l.) und Bassistin Martina Berther. Neuste Mitbewohnerin: Die dreijährige Hündin Paula.

Ellin Anderegg

Es riecht nach frisch gebrühtem Kaffee. Das prall gefüllte Regal im Wohnzimmer ist beeindruckend – die vielen Bücher sind nach Farben sortiert. Kabarettistin Lisa Christ (35) stammt aus Wisen SO, ihre Partnerin, die Bassistin Martina Berther (41) aus Chur. Seit März 2024 teilt sich das Paar in Zürich eine Wohnung, den Garten und die griechische Strassenhündin namens Paula.

<p>Nicht ohne meinen Morgenkaffee: Lisa stärkt sich für den Tag, abends ist sie zurzeit mit ihrem Soloprogramm «Ideal» unterwegs. </p>

Nicht ohne meinen Morgenkaffee: Lisa stärkt sich für den Tag, abends ist sie zurzeit mit ihrem Soloprogramm «Ideal» unterwegs. 

Ellin Anderegg

Lisa Christ tourt aktuell mit ihrem dritten Soloprogramm «Ideal» durch den deutschsprachigen Raum. Rar sind darum die Momente, in denen sie mit ihrer Partnerin gemütlich auf dem Sofa sitzen kann. Martina Berther spielt als Musikerin gleich in mehreren Bands und ist ebenfalls eher selten zu Hause. Seit drei Jahren sind die beiden ein Paar. Für Lisa ist es die erste Beziehung mit einer Frau. Anfangs war für sie darum einiges ungewohnt. Zum Beispiel wer was tut. In einer Mann-Frau-Partnerschaft folge man eher – oft unbewusst – einem Skript, findet Lisa. Sie und Martina hingegen konnten frei entscheiden, wer den Müll runterträgt oder die gfürchige Spinne rausbringt. «Man ist nicht an die klassischen Rollenbilder gebunden», sagt Lisa Christ, «das bringt eine enorme Freiheit mit sich.» Eine Sache haben sie geklärt: «Lisa kümmert sich um den Aufbau der Möbel», ergänzt Martina.

Beim Mietvertrag für die Wohnung mussten sich die zwei Frauen verpflichten, den Job als Hauswartinnen zu übernehmen. «Neuland bereitet uns beiden aber Spass», erzählt Martina, und Lisa schiebt nach: «Aber das Treppenhaus putzen ist schon mehr dein Ding», und beide lachen. «Im Kreativberuf sehen wir oft nicht unmittelbar ein Resultat. Beim Schneeschaufeln oder bei der Gartenarbeit hingegen schon», sagt Lisa Christ. Es ist ein Kontrastprogramm, es erdet. Lisa steht als Kabarettistin ständig unter Strom. Zudem hat sie eine ADHS-Diagnose und litt lange an den Folgen von Long Covid. Das Zuhause ist der Ort, an dem Lisa Christ regenerieren kann: «Es ist für mich ein Ort, der mir Stabilität und Struktur gibt. Hier hat alles seinen Platz, der Druck fällt von mir ab.»

<p>Im Winter heisst es Schneeschaufel: «Die Arbeit als Hauswärtinnen gibt Bodenhaftung».</p>

Im Winter heisst es Schneeschaufel: «Die Arbeit als Hauswärtinnen gibt Bodenhaftung».

Ellin Anderegg

Abstand gibt Sicherheit

«Wer das klassische Schema lebt, den schützt die Norm», sagt Lisa. In ihrer gleichgeschlechtlichen Beziehung sei sie in der Öffentlichkeit wachsamer, als sie es von früheren Beziehungen gewohnt sei. Das Selbstverständnis werde ein anderes: Hält ein Hetero-Paar auf der Strasse Händchen, fällt das niemandem auf. Gleichgeschlechtliche Paare sind vorsichtiger, gehen lieber physisch etwas auf Distanz, um sich sicher zu fühlen. Zwar sei öffentliche Sichtbarkeit von queeren Paaren wichtig, um veraltete Vorstellungen zu durchbrechen, sagt Lisa Christ. Andererseits koste es Kraft: «In unserem Umfeld sind wir akzeptiert, und auch meine Fans kennen mich – dass sich queere Paare aber teilweise immer noch erklären müssen, gibt mir zu denken.» Lange vermied sie den Begriff «queer»: «Ich dachte, er stehe mir nicht zu, weil ich nicht in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebte.» Heute gehört für sie zum Queersein vieles – etwa die Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Vorstellungen.

Seit Kurzem ergänzen vier Pfoten den Frauenhaushalt. Hündin Paula, 3, ist eine Promenadenmischung und stammt aus Griechenland. Lisa sah Paulas Foto auf einer Adoptionsseite, es war Liebe auf den ersten Blick, aber: «Mit meinem Lifestyle hätte ich es alleine nicht geschafft, mich um einen Hund zu kümmern.» Nun teilen sie sich die Betreuung. Lisa übernimmt die Morgenrunde. «Ich gehe lieber abends Gassi», ergänzt Martina.

Da beide oft nachts arbeiten, zelebrieren sie die gemeinsamen Morgenstunden. «Wir frühstücken in Ruhe, bevor der Tag losgeht.» Reibungspunkte? Die gibts höchstens beim Einrichtungsstil – Martinas Minimalismus trifft auf Lisas Lust an «viel Zeug» – und beim Thema Finanzen. Martina ist ein Sparfuchs, Lisa neigt zur Verschwendung. Streit gibt es selten. «Manchmal mag ich es sogar, wenn eine Tür knallt», meint Martina, und beide lachen. «Ich schätze Lisas Empathie und ihre hervorragenden Kochkünste.» Lisa fühlt sich inspiriert von Martinas Ruhe und der Fähigkeit, sich in Themen zu vertiefen.

<p>Einigkeit trotz unterschiedlichem Wohnungsstil: Martina liebt Minimalismus, Lisa mag «Viel Zeug».</p>

Einigkeit trotz unterschiedlichem Wohnungsstil: Martina liebt Minimalismus, Lisa mag «Viel Zeug».

Ellin Anderegg

Gedanken säen – Ideale ernten

Meilenstein in der Karriere von Lisa Christ war 2025, als sie den Salzburger Stier gewann, eine der grössten Auszeichnungen für Kleinkunst. «Er ist eine Bestätigung und Wertschätzung meiner Arbeit. Das bestärkt mich, mir selber mehr zuzutrauen», sagt Lisa.

In ihrem aktuellen Soloprogramm «Ideal» hinterfragt Lisa gesellschaftliche Vorstellungen von Rollenbildern, Schönheitsideale und Erwartungen der Leistungsgesellschaft. Christ traut sich auf der Bühne mehr denn je: Sie schlüpft in neue Rollen und zeigt mehr von ihrer musikalischen Seite. Das allerdings könnte auch an ihrer Beziehung zu Musikerin Martina Berther liegen.

Von Jovana Nikic vor 19 Minuten