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Kunst-Delikatessen aus Wolle

Madame Tricots geniale Masche

Im Reich der gestrickten Feinkost-Illusionen: Dominique Kaehler Schweizer lismet sich die Welt, wie sie ihr gefällt. Die Werke der Ärztin sind aus Wolle und in Museen zu bewundern. Sie sprühen vor Witz und Handwerkskunst.

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Madame Tricot Dominique Kaehler Schweizer
Hat den Durchblick und dazu das Herz auf dem rechten Fleck: Madame Tricot aus Wil SG gibt Einblick in ihr bizarres Handarbeitsatelier. Geri Born

Ein wenig erinnert sie an Mrs. Doubtfire, die als wirblige Filmfigur alles auf den Kopf stellt und mit ihrem Humor jedem ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Auch Dominique Kaehler Schweizer (74) spielt seit über zehn Jahren die Rolle ihres Lebens – als Madame Tricot. Berühmtheit erlangte die Künstlerin mit ihrer gestrickten Metzgerei – einer Hommage an eine Boucherie im Montmartre in Paris. Hier wuchs die gebürtige Französin am Fuss der Basilika Sacré-Cœur auf. «Das Geschäft war auf Innereien spezialisiert. Als Kind konnte ich mich an den üppigen Auslagen nicht satt-sehen. Es gab Schweinsfüsse, Pasteten und Kutteln. Man konnte jedes Tier erkennen und wusste noch genau, was auf den Teller kam.» Irgendwie hat diese Kindheitserinnerung etwas in ihr ausgelöst. Heute strickt sie opulente Festmahle, aber auch menschliche Organe und Terroristenköpfe. Im 3-D-Verfahren, mit zehn Nadeln gleichzeitig, alles an einem Stück. Nur die beste Wolle ist für sie gut genug (Kaschmir, Seide). Wie viel Material sie verstrickt, weiss sie nicht. «Wenn man liebt, rechnet man nicht.» Das Handwerk brachte sich die Autodidaktin selbst bei. «Lisme schenkt mir inneren Frieden», erklärt sie mit neckisch französischem Akzent. «Es ist wie Meditation. Die beste Medizin, um das Schwere ins Leichte zu verwandeln.»

Madame Tricot Dominique Kaehler Schweizer

Viel Schwein gehabt im Leben: Madame Tricot mit ihrer Sonnenwiege, in der bäuerliche Lebensmittel für ein Festmahl lagern.

Geri Born
Madame passt in kein Strickmuster

Wer das Einfamilienhaus am Stadtrand von Wil SG betritt, stellt rasch fest: Hier lebt eine Person mit Humor und Passion, die das Skurrile liebt. Die Vintage-Möbel stammen aus den 60er-Jahren oder aus dem Brockenhaus. Sie haben Charme und Geschichte. Im Atelier im unteren Stock hat die Hausherrin das Buffet angerichtet. Auf dem Tisch steht ein Lachs mit Zwiebeln. Es gibt geschnittene Salami, Blumenkohl, Mais, Spargeln, Frühlingszwiebeln und jede Menge Naschereien. Die täuschend echten Häppchen haben Kaehler Schweizer zum Star der internationalen Strick-Kunst-Szene gemacht. Am liebsten würde man reinbeissen. «Nur zu», sagt sie munter, «aber dann auch alles aufessen!» Ihre Fische wurden samt Gräten schon in Museen ausgestellt. Ebenso die Torten, die vor Zuckerguss nur so triefen. Und erst ihr Käsesortiment! Vom Camembert bis zum grünblauen Roquefort gibt es alles, was das Schlemmerherz begehrt. Sollte jemand aufgrund der visuellen Völlerei einen Herzinfarkt erleiden, hat sie vorgesorgt. Das neue Organ ist aus Wolle, kommt dem Original aber verblüffend nahe.

Madame Tricot Dominique Kaehler Schweizer

Setzt der Kunst keine Grenzen: Den Globus strickte die Pariserin mit rund zehn Nadeln. Sogar kleine Inseln sind erkennbar.

Geri Born

Ihre Installationen sind mit einer schon fast medizinischen Genauigkeit gefertigt. Das hat seinen Grund: Dominique Kaehler Schweizer ist Ärztin und Psychiaterin. Wenn sie nicht mit den Nadeln klappert, ist sie in ihrer Praxis für Naturheilkunde in Bronschhofen anzutreffen, wo sie sich mit Blutegeltherapien beschäftigt. Die Grenze zwischen Leben und Tod hat sie immer interessiert. «Ich liebe das Makabre, Abgründige, das Zweideutige. Und ich schaue ganz gern in fremde Seelen.» Weil sie zu alt gewesen sei zum Fallschirmspringen oder Bildhauern, fand sie im Stricken einen Ausgleich. Es ist der alternierende Rhythmus der Nadeln, der sie beruhigt, der sinnliche Kontakt mit kostbarer Wolle. Bei Madame Tricot stehen die Nadeln niemals still. Sie nutzt jede Gelegenheit, um kreativ Masche an Masche zu reihen. «Ich stricke überall: im Zug, im Restaurant während ich auf das Essen warte oder die Enkelkinder hüte.»

Madame Tricot Dominique Kaehler Schweizer

Zelebriert religiöse Opulenz: Ihre neuen Objekte sind dekorativ gestaltete Schaukästen mit Heiligenfiguren.

Geri Born
Der neue Christus ist geboren

Ist ihr Œvre Kunst oder Kitsch? Oh, là, là, die Frage nervt sie ein wenig. «Wenn es ums Stricken geht, rümpfen vor allem Sockenstrickerinnen die Nase und ziehen meine Arbeit ins Lächerliche. Sie werfen mir vor, dass ich keine Gebrauchsgegenstände herstelle, etwa Schals oder Pullover.» Neueren Datums sind sakrale Kunstwerke, in denen sie sich kritisch mit religiösen Darstellungen auseinandersetzt. «Der Schein trügt» zeigt Madonna als selbstbewusste Frau auf einer Munitionskiste der Schweizer Armee. «Ich finde den gekreuzigten Jesus eine fürchterliche Darstellung. Er ist doch auferstanden und sollte nicht mehr da oben hängen.» Sie befreite ihn kurzerhand vom Kreuz, strickte ihm einen Pullover mit Mütze und schickte ihn in einer Vitrine aus Glas auf eine «Fridays for Future»-Demo. «Ich hoffe, Greta Thunberg hat einen Sinn für Kunst.»

Madame Tricot Dominique Kaehler Schweizer

Hat einen grünen Daumen: «In meinem Heim findet sich viel Skurriles.» Frau Kaehler Schweizer liebt Säuli. Zwei stehen im Garten.

Geri Born
Schweizer Würste – nicht ihr Ding!

Wer meint, sie brauche eine Strickanleitung, irrt: «Ich beziehe alles direkt vom Universum.» Weil sie an Legasthenie leide, habe sie ein ausgeprägtes räumliches Vorstellungsvermögen. Die Mutter zweier Töchter zog der Liebe wegen in die Schweiz. Sie geniesst ihre späte Popularität sehr. Ihr zweiter Mann hingegen hält sich lieber im Hintergrund. Er ist 15 Jahre jünger, sie 15 Jahre älter. Das sei perfekt so. Sie kochen oft zusammen. Vegetarisch, aber auch Innereien, Schmorgerichte, Suppenhühner. Nur bei Schweizer Würsten sagt sie «non». «Ich stricke sie lieber, als dass ich sie esse.» Schweinereien von der Sau hingegen gehören bei einem Festmahl dazu. «Genetisch sind wir Menschen ja nicht weit vom Schwein entfernt. Ich denke jedes Mal, wenn ich eine Metzgerei besuche, dass es ein evolutionärer Glücksfall ist, dass ich auf dieser Seite der Theke stehe.»

 

Madame Tricot Dominique Kaehler Schweizer

Madame Tricot Dominique Kaehler Schweizer beim Einrichten: Madame Tricots Kunst ist im Guesthouse Kalkbreite in Zürich zu sehen.

Geri Born
10 Kunstzimmer im Hotel Noël

«The Christmas Paradox» Madame Tricot ist eine von zehn Kunstschaffenden (auch Olaf Breuning, Ingo Giezendanner, Gina Fischli sind dabei), die für das Pop-up-Projekt Hotel Noël in Zürich ein Zimmer gestaltet haben. Bis 26. Dezember 2022 kommen Gäste in den Genuss des Aufwachens mit Kunst in einem der zehn beteiligten Hotels (www.noelzurich.com). Die Strick-Queen inszeniert im Guesthouse Kalkbreite ein keltisches Fest, das durch den Magen geht. «Weihnachten ist ursprünglich nicht christlich, sondern wurzelt in archaischen Ritualen. Das symbolisiert meine Sonnenwiege. Dazu gibts für die Besucher eine Überraschung.» Zeitgleich wird in der Galerie Kunstsichtbar an der Zentralstrasse 134 ihr gestricktes Bauernbuffet aufgetischt, (bis 24. Dezember, www.kunstsichtbar.com).

Von Caroline Micaela Hauger am 9. Dezember 2022 - 17:55 Uhr