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Birgit Steinegger über ihre Lebenskrise

«Ein schamloses Hintergehen meines langjährigen Partners flog auf»

Mit ihren Parodien bringt Birgit Steinegger das Land zum Lachen. Hinter der Fassade sieht es oft anders aus. Die Schauspielerin über ihre Schicksalsschläge, Betrug – und warum sie als Feministin trotzdem an die Liebe glaubt.

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Spiel des Lebens! An Pension denkt die Schauspielerin nicht. Leichtfüssig und modisch kommt Birgit Steinegger ins Casino Bern.

Geri Born

Zum Fotoshooting mit der Schweizer Illustrierten im Casino Bern erscheint Birgit Steinegger, 71, leger gekleidet in Turnschuhen. Gut gelaunt betritt sie die Garderobe. «Sie können ruhig richtig was draufpacken», meint sie lachend zur Hair-and-Make-up-Artistin.

Sie sehen doch fantastisch aus, Frau Steinegger!
Danke für die Blumen. Mit meiner Figur bin ich ganz zufrieden, aber diese Falten!

Die könnte man ja glatt spritzen.
Eine heikle Sache! In meinem Beruf ist die Mimik wichtig. Ausserdem sollte man mit den Jahren ja gelernt haben, gewisse Dinge zu akzeptieren.

Als Tochter eines Schweizer Ökonomen und einer schwedischen Musikerin wächst Birgit Steinegger «sehr behütet» in Bern auf. Die Eltern lernten sich während des Krieges in Mailand kennen. Zu Hause wird Schweizerdeutsch, Schwedisch, Italienisch und Dänisch gesprochen. Das multikulturelle Elternhaus prägt Birgit. Früh lernt sie Geige und Klavier spielen. Und sie parodiert bereits als kleines Mädchen – am liebsten die eigene Mutter.

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Hatte Ihre Mutter etwas mit Ihrer Berufswahl zu tun?
Auf jeden Fall. Zum Teil unfreiwillig (lacht). Ihren lustigen Tonfall, wenn sie «Schwitzertütsch» sprach, habe ich schon als kleines Kind parodiert. Schlussendlich stand aber für mich nach unseren jährlichen Besuchen im Freizeitpark Tivoli in Kopenhagen fest, dass ich Clown werden möchte. So stark hat mich dort mein Liebling, der weisse Clown Pierrot, beeindruckt. Mein «Clown» ist bis heute Frau Iseli.

Birgit Steineggers Kindheit ist nicht nur unbeschwert. Sie verliert ihren älteren Bruder durch eine unerklärliche Krankheit. Als sie sechs Jahre alt ist, bekommt sie selbst Kinderlähmung, liegt wochenlang im Spital. Mühsam muss sie wieder laufen lernen. Später macht sie eine Ausbildung als Kindergärtnerin und tritt nach dem Seminar eine Stelle in Ostermundigen an. Aber die Sehnsucht nach der Kunst ist gross. Birgit zieht nach Paris, wo sie die Schauspielschule besucht. Nach Engagements an verschiedenen Bühnen heuert sie beim Schweizer Fernsehen an, wo sie 14 Jahre lang die Kindersendung «Spielhaus» und fünf Jahre «Schweiz aktuell» moderiert. Mit Formaten wie «Übrigens», «Total Birgit» und «Classe Politique» erfüllt sich schliesslich ihr Traum, Clown zu werden.

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Steineggers Wunsch für die Zukunft ihrer Enkel: «Dass Schnee für sie nicht Schnee von gestern sein wird.»

Geri Born

Sie sind Kabarettistin …
… ich würde mich selbst nie so bezeichnen! Ich bin Schauspielerin, die Texte und Pointen zum Besten gibt, welche andere schreiben. Ich finde mich übrigens auch privat nicht besonders lustig, aber ich lache schrecklich gerne. Manchmal etwas zu laut … Ich habe Mühe mit humorlosen Menschen. Humor hilft, vieles besser ertragen zu können. Tragik und Komik liegen sehr nahe beieinander. Wobei es mir als Schauspielerin leichter fällt, Leute zum Weinen zu bringen als zum Lachen.

Sind Ihre Figuren eine Art Maske, hinter der Sie sich verbergen?
Ja sicher. Die Tatsache, dass man sich hinter seinen Rollen verstecken kann, gefällt vermutlich den meisten Schauspielerinnen und Schauspielern, da sehr viele abseits von Bühne und Bildschirm eher scheue Menschen sind. Das trifft auch auf mich zu. Ich finde mich als Privatmensch nicht sehr interessant.

Mit «Total Birgit» erreichten Sie den Höhepunkt Ihrer Karriere. Gab es weitere Highlights?
Ja, dazu gehörte für mich immer die Zusammenarbeit mit Musikern. Zum Beispiel mit dem chinesischen Dirigenten Muhai Tang, der slowakischen Opernsängerin Edita Gruberova oder Opernhaus-Zürich-Intendant Andreas Homoki. Ich habe jahrelang in Orchestern Geige und Klavier gespielt und hätte mir auch gut eine Musikerinnen-Karriere vorstellen können. Schlussendlich war ich dann aber doch zu faul, so viel zu üben (lacht).

Und der Tiefschlag?
Vor sieben Jahren fiel ich in eine tiefe, schmerzhafte Lebenskrise, beruflich und privat. Ein jahrelanges scham- und skrupelloses Hintergehen meines langjährigen Partners flog auf. Es folgten die Absetzungen von «Total Birgit», «Classe Politique» und «Zweierleier», die mir sehr viel bedeuteten. Dann kam meine Parodie auf Oprah Winfrey, die eine «Rassismusaffäre» auslöste. Die habe ich ehrlich gesagt bis heute nicht richtig überwunden. Heute würde ich glaub anders damit umgehen. Ich würde die Vorwürfe nicht mehr schweigend «aussitzen», sondern mich wehren.

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«Liebe sollte nichts mit Erwartungen zu tun haben»: Birgit Steinegger. 

Geri Born

Birgit Steinegger trennt sich von Autor und Regisseur Markus Köbeli, mit dem sie fast 30 Jahre lang beruflich und privat verbunden war. Zuvor war sie mit dem 1999 verstorbenen Schauspieler und Regisseur Franz Matter («Die Käserei in der Vehfreude», «Anne Bäbi Jowäger», «Die sechs Kummerbuben») verheiratet, mit dem sie eine Tochter hat. Heute ist Birgit Steinegger zweifache Grossmutter und mit ihrer einstigen Jugendliebe, dem Architekten Ernest Voyame, 72, glücklich.

Wie definieren Sie Liebe?
Das ist schwierig. Für mich findet Liebe in vielem ihren Ausdruck, in der Musik, in der Bewegung, in der Natur. Ohne kann man daher nicht sein.

Ändert sich Liebe mit dem Alter?
Im Grundsatz nicht. Aber zur Lebenserfahrung kommt auch die Liebeserfahrung, die sicher gewisse Ansichten ändert. Liebe sollte nichts mit Erwartungen zu tun haben. Einen Tag wie den Valentinstag, an dem man Liebe mit einer Art Erwartungshaltung zelebriert, finde ich absurd.

Was halten Sie von der Ehe?
Das kommt immer auf die Situation an. Als ich heiratete, machte das in der damaligen Zeit Sinn, heute muss man nicht mehr zwingend heiraten, wenn man Kinder hat. Nach meiner ersten Ehe fand ich mich zu alt für eine zweite, also hörte ich auf mit dem Heiraten.

Wie erleben Sie die Generation Ihrer Tochter im Vergleich zu Ihrer eigenen?
Sie ist sicher emanzipierter, als wir es waren, und wohl die erste, die mit emanzipierten Müttern aufgewachsen ist. Obschon ich nicht aus einem sehr traditionellen Elternhaus komme. Und die Tatsache, dass ich als Mutter berufstätig war, erlebte ich nicht als Traditionsbruch. Stolz macht mich hingegen, dass ich in diesem brotlosen Job überleben konnte, gerade weil man sich als Frau dabei immer noch doppelt anstrengen muss.

«Ich habe keine Angst vor dem Tod. Es gibt gar Momente, wo ich ihn herbeisehne.»

Birgit Steinegger

Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?
Durchaus. Wobei das für mich bedeutet, dass ich für gleiche Rechte einstehe. In unserer Gesellschaft wird Feminismus leider immer wieder mit Männerhass gleichgesetzt, was überhaupt nicht der Fall ist. Im Gegenteil, ich liebe Männer! So oder so bin ich gegen jede Ungerechtigkeit und Ausgrenzung, wo immer sie stattfindet. Neulich hat sich eine junge Frau bei mir bedankt. Für all das, was ich für die Frauen getan hätte. Das hat mich enorm gefreut. Umso mehr, als meine Möglichkeiten, etwas zu verändern, bescheiden sind.

Sind Sie mit 71 Jahren eigentlich schon zu einem Lebens-Fazit gekommen?
Die Sinnfrage ist wohl die schwierigste, die wir uns stellen müssen. Mir gelingt es nur unterschiedlich gut, mit all diesen extremen Gefühlen umzugehen. Einerseits die kaum fassbaren Schönheiten dieser Welt, der Natur, des Lebens. Andererseits all die Grausamkeiten und insbesondere Ungerechtigkeiten.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Jetzt im Alter werden Todesnachrichten und körperliche Einschränkungen immer häufiger. Das ist schmerzhaft. Dennoch habe ich keine Angst vor dem Tod. Es gibt gar Momente, wo ich ihn herbeisehne. Ich fürchte einzig, andere Menschen mit meinem Tod belasten zu müssen.

Von Sandra Casalini am 08.03.2020
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