Da, wo viele Schweizer heute bei Antipasti und einem Aperol Spritz einen Hauch von Süden geniessen, fand vor über 80 Jahren ein unerbittlicher Kampf statt. Die Rede ist von der Region Ossola, gelegen zwischen dem Simplon und dem Lago Maggiore, nur einen Steinwurf von der Grenze entfernt. In diesem Gebiet war 1943 der Zweite Weltkrieg nahe an die Schweiz herangerückt, die Kampfhandlungen machten auch vor den Schlagbäumen nicht halt.

Die Helfer: Schweizer Grenzschützer unterstützten den Widerstand und schauten bei Partisanen weg.
StAAG/RBABesonders spürbar war der Krieg in der Region rund um die italienische Grenzstadt Domodossola. Dort war im Herbst 1944 sogar kurzzeitig eine freie Partisanenrepublik entstanden. «Immer wieder wurden Schweizerinnen und Schweizer in den Konflikt zwischen Partisanen und den deutsch-italienischen Besatzungstruppen verwickelt», schreiben Andrej Abplanalp (56) und Raphael Rues (59) in ihrem Buch «Kampfzone Ossola. Der Widerstand an der Schweizer Südgrenze 1943–1945.»

Die Flüchtlinge: Emigranten aus dem Ossolagebiet beim Grenzübertritt in Gondo VS.
StAAG/RBA
Der Schutz: Die Kleidung Geflüchteter wurde mit Heissdampf desinfiziert.
StAAG/RBADer Tessiner Rues gilt als Experte für die Geschichte seines Heimatkantons, speziell für die deutsch-faschistischen Beziehungen während des Zweiten Weltkriegs. Sein Historikerkollege Abplanalp forschte zur Partisanenrepublik Ossola und lebte als Student selbst ein Jahr in Domodossola. Ursprünglich wollte das Duo seine auf dem Blog des Schweizerischen Nationalmuseums veröffentlichten Beiträge zu diesem eher vergessenen Thema der Schweizer Geschichte als Buch herausbringen. «Doch als wir damit anfingen, merkten wir, dass das so nicht funktioniert, und schrieben es komplett neu.» In zwölf Kapiteln bringen die Autoren in ihrem Werk das Ossolagebiet als wichtige Grenzregion näher, beleuchten Kriegsverbrechen vor den Toren der Schweiz, geben Einblick in die Tessiner Widerstandsbewegungen und berichten über die Rettung des Simplontunnels kurz vor Kriegsende.

Das Internierungslager: In Büren an der Aare BE stand das grösste in der Schweiz.
Schweizerisches Bundesarchiv, Staatsarchiv des Kantons Bern, Staatsarchiv Aargau/Ringier Bildarchiv, Schweizerisches Nationalmuseum, Associazione Casa della Resistenza, Verbania.Schweizer Freiwillige im Widerstand
Der Nationalrat hat vergangene Woche einen Vorstoss, der die Rehabilitierung der Helferinnen und Helfer der französischen Résistance und der italienischen Resistenza erwirken will, mit 129 zu 55 Stimmen gutgeheissen. Es geht auch um die Schweizer Freiwilligen im Widerstand. So heisst es im entsprechenden Gesetzesentwurf: «Auch wenn die Rehabilitierung der Unterstützerinnen und Unterstützer des italienischen Widerstands im Parlament bis anhin noch nie gefordert wurde, scheint es angezeigt, auch das Engagement dieser Personengruppe entsprechend zu würdigen.»

Der General: 1941 besucht Henri Guisan den Grenzposten Monte Generoso.
Schweizerisches Bundesarchiv, Staatsarchiv des Kantons Bern, Staatsarchiv Aargau/Ringier Bildarchiv, Schweizerisches Nationalmuseum, Associazione Casa della Resistenza, Verbania.Bei den Recherchen zum Buch überraschte Abplanalp am meisten, dass SS-General Karl Wolff, damals einer der mächtigsten Deutschen in Italien, im März 1945 in der Schweiz mit den Alliierten über eine separate Kapitulation verhandelte – und das kurz vor Kriegsende. Mehr noch erstaunte ihn, «dass einige Schweizer Wolff auch nach Kriegsende noch unterstützt haben».

Der Verhandlungsort: In Ascona liefen geheime Gespräche über die Kapitulation.
Schweizerisches Bundesarchiv, Staatsarchiv des Kantons Bern, Staatsarchiv Aargau/Ringier Bildarchiv, Schweizerisches Nationalmuseum, Associazione Casa della Resistenza, Verbania.Das Buch

Raphael Rues, Andrej Abplanalp: «Kampfzone Ossola», CHF 29.–, im Buchhandel. Verlag: hierundjetzt.ch
Buchcover
