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Gisela Blau

Eine Journalistin mit Chuzpe

Seit 60 Jahren begleitet Gisela Blau das Weltgeschehen – sie war sogar selber Teil davon. Die Journalistin eroberte sich mit 18 Jahren den ersten Job mit einer Bildlegende und war dann als Vertreterin der «Schweizer Illustrierten» meist die einzige Frau vor Ort.

Gila Blau

Ikone: Ganze Stapel an Bildern und Texten – alles Wichtige aber ruft Gisela Blau, 80, in Sekundenschnelle im Gedächtnis ab.

Geri Born

Der Soldat am Checkpoint vor dem Schlachtfeld Golan war sichtlich irritiert. «Was machst du da mit dieser hübschen blonden Frau?», fragte er den Begleitoffizier im Auto. Die Antwort kam postwendend. «Das ist keine Frau, das ist eine Journalistin.» 

Die Szene spielt 1973 während des Jom-Kippur-Kriegs, die damals 31-jährige Gisela «Gila» Blau ist auf Kriegsreportage. Ihr Begleitoffizier ist der bekannte, damals zum Dienst eingezogene israelische Schauspieler Chaim Topol – nur ein weiteres Detail aus dem abenteuerlichen Leben der Journalistin, die vieles wagte, sich nie versteckte und so zum Vorbild einer ganzen Generation wurde. 

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Gila Blau

Ein Tag mit James Bond: Gisela Blau (r.) mit 007 Sean Connery und Schauspielerin Tania Mallet beim Dreh von «Goldfinger» in der Schweiz.

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In die Medienbranche eingestiegen ist Gila Blau 1960 beim «St. Galler Tagblatt», das eine Redaktionssekretärin suchte. «Ich musste zu zwei Bildern eine Legende schreiben. Ein Bild zeigte ein Tanztheater in Moskau, ich schrieb Tanz nach der Parteipfeife und hatte den Job.» Nach vier Jahren steigt sie bei der Schweizer Illustrierten ein, zuständig für die Rubrik «Mit den Augen der Frau». Nach einigen Monaten geht sie zum Chefredaktor, sagt: «Entweder machst du ein Heft, das als Ganzes auch für Frauen interessant ist, oder ich gehe.»

«Ich will das nicht mehr»

Zuerst seien die Adern an der Stirn von Dr. Werner Meier etwas angeschwollen, doch dann «gab er mir recht, und ich durfte auch andere Reportagen machen». Von da an fühlt sie sich wie ein Fisch im Wasser: Entschädigungsforderungen nach dem Ausfall einer Telefonzentrale in Zürich Hottingen, El-Al-Attentat in Zürich, Homestory beim damaligen Bundespräsidenten Roger Bonvin, Einschulung von tschechischen Kindern, die als Flüchtlinge nach dem Prager Frühling in die Schweiz gekommen sind. Neben dem Jom-Kippur-Krieg berichtet sie auch aus El Salvador. «Nach diesen zwei Kriegserfahrungen war für mich klar: Ich will das nicht mehr. Wenn man so viel Schlimmes sieht, geht man kaputt.»

Gila Blau

Als einzige Frau in der Venom der Schweizer Armee – die Journalistenkollegen verliess der Mut abzuheben.

ZVG

Bei all diesen Reportagen und Aufträgen bleibt Gila Blau meist die einzige Frau. Auf der Redaktion ist man hingegen stolz. So steht im Editorial der SI-Nummer 48 im Jahr 1975: «Redaktorin Gisela Blau verabschiedete sich wieder einmal von Ehemann und Kind.» Die «fronterfahrene» Kollegin reise nach Indien, um die «zurzeit mächtigste Frau auf dieser Welt, Indiens Indira Gandhi, zu interviewen». Dazu ein Bild von ihr, wie sie mit Ehemann Bernhard Guggenheim und Sohn Merlin auf dem Arm vor dem Swissair-Schalter steht.

Kassetten für den Sohn

«Für meinen Mann und mein ganzes Umfeld war völlig normal, dass ich als Journalistin arbeite. Und auch für meinen Sohn. Ich habe ihn immer abends angerufen oder ihm Kassetten besprochen.» 1981 ist sie Zeitzeugin des Papst-Attentats. Kurz vor dem Schuss auf Johannes Paul II. hat sie Fotograf Dölf Preisig einen Platz in der vorderster Reihe organisiert. Das Bild geht um die Welt. 

Gila Blau

In Genf pirscht sich Gisela Blau (l.) 1985 im schwarzen Abendkleid an US-Präsident Ronald Reagan und Nancy heran.

ZVG

Neben dem Journalismus prägen auch ihre jüdischen Wurzeln ihr Leben. So kümmert sie sich um Wachmann Christoph Meili, als der 1997 UBS-Dokumente von jüdischen Vermögen vor dem Schredder rettet. «Diese Zeit war schlimm, ich wurde nicht mehr als Journalistin, sondern nur noch als Jüdin angesehen.» Noch heute eckt sie wenn nötig an. «In den letzten Monaten habe ich viel über die Bührle-Sammlung in Zürich geschrieben.» 

Rat an alle Frauen

Das Gehör wird auch bei Gila Blau im Alter schwächer, die Sicht schlechter – nicht aber die Tiefe und Geschwindigkeit ihres Denkens. Ihr Erfolgsgeheimnis? «Neugier und Chuzpe. Das rate ich auch allen Frauen, die heute im Arbeitsalltag stehen: Wagt etwas! Das Schlimmste, was passieren kann, ist ein Nein. Aber die Chance steigt so auf 50 Prozent.»

Was ist EqualVoice?

Die EqualVoice Initiative wurde 2019 von Ringier CFO Annabella Bassler initiiert und von CPO Global Media & Blick Grouppe Katia Murmann mitgegürndet. Die Initaitve wird von Verleger Michael Ringier und Ringer CEO Marc Walder präsidiert. Ziel von EqualVoice ist es, Frauen in den Medien sichtbarer zu machen und Frauen und Männern die gleiche Stimme zugeben. Kern der Initiative ist der EqualVoice-Factor, ein Algorithmus, der analyisiert wie oft Frauen und Männer in den Artikel zu Wort kommen. Mehr Informationen zu EqualVoice unter: www.equalvoice.ch

Von Monique Ryser am 28. April 2022 - 10:45 Uhr
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