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  4. Pegasus löst sich auf: Emotionaler Abschied nach finalem Auftritt
Schluss, aus und vorbei!

Emotionale Abschiedstour für Pegasus

Zwei letzte Konzerte vor rund 7000 Menschen in der Berner Festhalle: Pegasus, die grösste Popband der Schweiz, tritt ein letztes Mal in dieser Besetzung auf. Wie die Stimmung backstage ist und wie vier Jugendfreunde würdevoll loslassen.

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<p>«Geben wir nochmals Vollgas?» Bandleader Noah Veraguth (2. v. l.) mit Stefan Brønner (l.), Gabriel Spahni und Simon Spahr (r.) hinter der Bühne der Berner Festhalle.</p>

«Geben wir nochmals Vollgas?» Bandleader Noah Veraguth (2. v. l.) mit Stefan Brønner (l.), Gabriel Spahni und Simon Spahr (r.) hinter der Bühne der Berner Festhalle.

SIMEON WAELTI STUDIOS

Der Soundcheck dauert länger als geplant. Viel länger. Noah Veraguth (38) steht am Mikrofon, Simon Spahr (36) ist an der Gitarre, Gabriel Spahni (36) spielt Bass, Stefan Brønner (37) Schlagzeug. Einer stimmt einen Song an, ein anderer den nächsten. Es entsteht ein Medley aus alten Pegasus-Songs und Hits wie Shaggys «It Wasn’t Me» oder «W. Nuss vo Bümpliz» von Patent Ochsner.

Normalerweise geht es beim Soundcheck nur darum, den Ton von Stimme und Instrumenten einzustellen. Heute aber musiziert die Band weiter. Niemand will diesen Moment unterbrechen. Allen ist klar: Es ist das letzte Mal, dass die vier in dieser Urformation zusammen spielen.

<p>Auf der Bühne passt alles: Die vier verstehen sich blind und kreierten Hits wie «Skyline» oder «Greatest Show On Earth».</p>

Auf der Bühne passt alles: Die vier verstehen sich blind und kreierten Hits wie «Skyline» oder «Greatest Show On Earth».

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Stefanie Heinzmann und Dabu Bucher als Special Guest

Später stösst Stefanie Heinzmann (36) dazu. Pegasus will mit ihr performen. Kurz zuvor war die Sängerin bereits backstage, erkundigt sich bei Veraguth, wie es ihm gehe. «Es geht, es geht», antwortet er. «Das erste Konzert gestern war schön. Jetzt bringen wir es heim.» Sie nickt, meint: «Wenn du etwas brauchst, gib Bescheid.»

<p>Stefanie Heinzmann umarmt den Frontmann. Die Walliserin sowie Dabu Bucher, Stress und Jaël Malli sind die Special Guests.</p>

Stefanie Heinzmann umarmt den Frontmann. Die Walliserin sowie Dabu Bucher, Stress und Jaël Malli sind die Special Guests.

SIMEON WAELTI STUDIOS

Ein weiterer Special Guest ist David «Dabu» Bucher (45) Frontmann von Dabu Fantastic. Abschiede wie dieser träfen ihn unerwartet: «Auch wenn unter dem Namen Pegasus nie mehr etwas erscheinen sollte, müssen die Leute checken, wie gross diese Band war.» Für die Zukunft hoffe er, alle vier fänden etwas, «bei dem es ihnen gut geht».

Kein gemeinsamer Weg mehr

Auf der Bühne ist es bei Pegasus ein harmonisches Miteinander, hinter der Bühne ist jeder für sich. Es funktioniert, aber nicht mehr auf allen Ebenen.

Der Wendepunkt kam im Sommer 2024. Gabriel Spahni teilt den Jungs mit, dass er Pegasus verlassen will. Seine Gründe: andere Prioritäten, eine enorme Arbeitsbelastung und Themen, die untereinander unausgesprochen geblieben sind. Simon Spahr entscheidet sich später ebenfalls für den Austritt. Ein Fortsetzen ohne die ursprüngliche Besetzung kommt für ihn nicht infrage.

<p>«Etwas anderes kennen wir nicht»: «Simu», «Gäbu» und Noah (v. l.) wenige Augenblicke vor ihrem allerletzten gemeinsamen Auftritt.</p>

«Etwas anderes kennen wir nicht»: «Simu», «Gäbu» und Noah (v. l.) wenige Augenblicke vor ihrem allerletzten gemeinsamen Auftritt.

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Auf diese internen Spannungen will Veraguth jetzt nicht näher eingehen. In der SRF-Doku vom Januar wurde er konkreter: In jeder Zwischenkonstellation habe es Enttäuschungen gegeben, etwa bei der Frage nach der Führung innerhalb der Band. Rückblickend erkenne er, nicht immer gut mit «Gäbu» umgegangen zu sein, wenn dieser Songs vorgeschlagen habe.

Der Frontmann nahm am Anfang seinem Gspänli vor allem den Zeitpunkt des Entscheids übel. Erfolgreicher denn je stand Pegasus vor einem Jahr voller grosser Shows und einer Tour mit dem Zirkus Knie. Die letzten 18 Monate hätten viel Disziplin verlangt – sich zusammenzureissen, sei nicht einfach gewesen. «Es hat an mir gezerrt, die Beziehungen haben sich seit Beginn verändert», meint Noah Veraguth.

Das Aus falle ihm dennoch schwer. «Es macht mich traurig. Diese Band war mein Zuhause. Es war der Ort, an dem ich kreativ sein konnte.»

<p>Noah Veraguth steht beim Soundcheck in einem noch leeren Raum. An zwei Abenden füllen sie die Berner Festhalle.</p>

Noah Veraguth steht beim Soundcheck in einem noch leeren Raum. An zwei Abenden füllen sie die Berner Festhalle.

SIMEON WAELTI STUDIOS

Begonnen hat alles im Jahr 2003 als Projekt von vier Jugendfreunden aus Biel. Daraus wurde eine der erfolgreichsten Popbands des Landes: Bis heute verkaufte das Quartett 84'000 Tonträger, wurde siebenmal mit Gold und fünfmal mit Platin ausgezeichnet und gewann vier Swiss Music Awards. Zuletzt folgte das Album «Twisted Hearts Club», das Platz eins der Schweizer Albumcharts erreichte.

Ein Ende mit Anstand

Während die Musiker kurz vor dem Konzert mit ihren Liebsten essen, zieht sich Noah Veraguth in seine Garderobe zurück. Er gibt Interviews und wärmt die Stimme auf. Dazwischen bleibt ihm Zeit zum Nachdenken – über das, was war. Und darüber, wie man aufhört.

<p>«Du weisst ja langsam, wies funktioniert», scherzt Noah Veraguth, während Stefan Brønner ihm Kragen und Fliege richtet.</p>

«Du weisst ja langsam, wies funktioniert», scherzt Noah Veraguth, während Stefan Brønner ihm Kragen und Fliege richtet.

SIMEON WAELTI

Als der erste Schock verdaut war und er den Entscheid von «Gäbu» und «Simu» zu akzeptieren lernte, wurde ihm klar: «Das ist jetzt definitiv das Ende unserer Reise.» Und dieses Ende wollte man «mit Anstand und nicht zerstritten» gestalten.

Was bleibt, ist Dankbarkeit: «Ich hatte unglaublich viel Glück. Wir durften viel Tolles erleben.» Auch auf den Zeitpunkt der Trennung, den er zunächst als ungeeignet empfand, blickt Noah Veraguth nun anders. «Wir hören beim Peak auf, wenn man es an Zahlen messen will. Ist doch schön.»

<p>Isst in der Regel erst nach der Show: «Mit leerem Magen lässt es sich besser singen», sagt Noah Veraguth in seiner Garderobe.</p>

Isst in der Regel erst nach der Show: «Mit leerem Magen lässt es sich besser singen», sagt Noah Veraguth in seiner Garderobe.

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Was ihm fehlen wird, ist das Drumherum. «Den grössten Teil unserer Karriere haben wir abseits der Shows verbracht.» Die langen Stunden vor den Auftritten, die Fahrten danach. «Wir hingen immer miteinander herum, lachten viel, redeten viel.»

Ein letztes Mal Vollgas

30 Minuten vor Konzertbeginn sitzt Simon Spahr mit der Gitarre auf dem Sofa, spielt leise vor sich hin. Gabriel Spahni tigert in der Lounge auf und ab. Stefan Brønner greift zum Haarspray, richtet die Haare. Noah Veraguth testet noch einmal die Stimme.

Dann geht es zur Bühne. Sie stecken die Köpfe zusammen. «Geben wir nochmals Vollgas?», fragt Veraguth. «Jawoll», ruft Spahni. «Etwas anderes kennen wir nicht. Ab dem zweiten Song steht das Publikum. Bei «How Much Can a Heart Break» halten die Fans rote Papierherzen vor ihre Handylichter. Gegen Schluss wendet sich der Leadsänger noch einmal ans Publikum. Er dankt der Crew, den Fans, den Bandkollegen. Dann ergreift Spahni das Wort: «Was für ein unglaubliches Glück, dass wir an derselben Strasse aufgewachsen sind.» Er erinnert sich, wie die Jungs damals zu ihm kamen, während er noch die Backstreet Boys und DJ Bobo hörte. «Sie zeigten mir die Beatles, und ich merkte: Das ist noch etwas besser.»

<p>Aufgrund der grossen Nachfrage setzte Pegasus ein zweites Abschiedskonzert an. Die Fans sangen fast jede Zeile mit.</p>

Aufgrund der grossen Nachfrage setzte Pegasus ein zweites Abschiedskonzert an. Die Fans sangen fast jede Zeile mit.

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So fingen sie schliesslich an, selber zu musizieren. «Sah ich Noah beim Klavierspielen, fragte ich mich: Shit, wie macht er das? Und ehrlich gesagt frage ich mich das heute noch. Es war eine Ehre, diese Abenteuer zu erleben.»

Vor dem letzten Song, «I Take It All», verschwinden sie hinter dem Vorhang, atmen tief durch. Noah Veraguth greift zur Jack-Daniel’s-Flasche, nimmt einen Schluck. Dann treten sie wieder nach vorne. Standing Ovations. Vier Männer verbeugen sich Arm in Arm.

Bier, Umarmungen und Tränen zum Abschied

Familie und Freunde empfangen sie mit Rosen. Es gibt Bier, Umarmungen und Tränen bei der Crew. Niemand hält grosse Reden. Es braucht sie nicht.

Wie es mit Pegasus weitergeht, ist offen. Noah Veraguth und Stefan Brønner werden der Musik treu bleiben, in welcher Form, wissen sie nicht. Klar ist: Aufhören kommt nicht infrage. «Das alles würde mir zu sehr fehlen.» Gleichzeitig ist für ihn ebenso logisch, dass es kein einfaches Weiterziehen geben kann. «Wir haben diese Band gemeinsam gegründet und zu dem gemacht, was sie ist. Brønner und ich tragen ihre Geschichte mit. Diese Verantwortung ist gross.»

Pegasus geht nicht im Streit. Aber auch nicht unversehrt. Sie gehen mit Geschichte. Mit Gewicht. Und mit dem Wissen, dass man manches nicht reparieren – aber würdevoll beenden kann.

Von Vanessa Nyfeler am 1. Januar 2026 - 06:00 Uhr