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«Es gab mir eine Art gelassene Euphorie»

Endo Anaconda rutschte mit 55 in die Drogensucht

Für einmal lässt Sänger Endo Anaconda tief blicken: Auf dem Höhepunkt seiner Karriere machte der Frontmann von Stiller Has schwere Zeiten durch und verfiel den Drogen.

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Sänger und Schriftsteller Endo Anaconda griff im Alter von 55 Jahren erneut zu Heroin.

Kurt Reichenbach

Diesen Monat kommt mit «Pfadfinder» bereits das sechzehnte Album der Band Stiller Has heraus. Aus diesem Anlass blickt Frontmann Endo Anaconda, 64, im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» zurück auf sein musikalisches Schaffen und sein Leben. Vor rund zehn Jahren durchlebte der Sänger eine sehr düstere Zeit, wie er offenbart.

Auf dem Gipfel des Ruhms rutschte der Mundart-Musiker mit 55 Jahren in die Drogensucht. Es war nicht seine erste Erfahrung mit Stimulanzien – bereits in jungen Jahren war Anaconda zeitweise auf Heroin. Dass er auf dem Höhepunkt seiner Karriere wieder zu Drogen griff, hatte berufliche und private Gründe.

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Die Scheidung und körperliche Schmerzen plagten ihn

«Es war eine verrückte und intensive Zeit. Ich war dauernd auf Tournee, mit dem Has ging es so richtig ab, es war unser Höhepunkt, viel Presse, viel Aufmerksamkeit, ich stand ständig auf der Bühne. Gleichzeitig ging ich durch eine Scheidung und hatte starke körperliche Schmerzen», erinnert sich Anaconda.

Zum damaligen Zeitpunkt wog der Vollblut-Musiker laut eigenen Angaben 140 Kilo. Aufgrund eines blöden Sturzes als Kind und in Kombination mit dem Übergewicht plagten ihn im Erwachsenenalter über Jahrzehnte starke Rücken-, Gelenk- und Knieprobleme. Gegen die Schmerzen liess sich der Stiller Has Frontmann starke schmerzstillende Mittel verschreiben. «Diese kitzelten meine alte Liebe für Opiate wieder hervor», erklärt er seinen erneuten Rutsch in die Drogen.

«Durch das eine Nasenloch das Koks, durchs andere das Heroin»

Ohne Hemmungen offenbart Anaconda auch, was für einen Stoff er konsumierte: Heroin und Koks. «Stereo – durch das eine Nasenloch das Koks, durchs andere das Heroin.» Der Konsum dieser Substanzen beflügelte ihn: «Es gab mir eine Art gelassene Euphorie.»

Er hatte schon mal ein Nahtoderlebnis

Sieben Jahre lang sei er drauf gewesen, so Anaconda in dem Interview. «Meine Reflexe, damit aufzuhören, versagten total.» Dabei hätte er gewarnt sein müssen, welch schlimmes Ende dieser Teufelskreis nehmen kann: Im Jahr 1979 hatte der Sänger wegen der Drogen ein Nahtoderlebnis gemacht. Anaconda hatte sich damals in seinem Hotelzimmer in Kathmandu mit einer Überdosis billigen Rauchopiums eingenebelt. In Kombination mit einem Fieberschub konnte er damals von der Decke auf seinen Körper herabsehen.

Im Wissen darum, dass Drogen alles versprechen und nichts halten, unternahm er 2012 einen ersten Versuch, wieder clean zu werden. Ganz für sich allein in seiner Wohnung. «Ich habe wochenlang geheult. Nicht wegen der körperlichen Schmerzen des kalten Entzugs, die waren nach einer Woche vorbei, aber die Depressionen, die Unfähigkeit, Glück zu empfinden, alles, was ich mit den Drogen betäubt hatte, brach jetzt wie ein Stausee aus seinem Damm», beschreibt er die schlimme Situation.

Heute ist er clean und abstinent

Er habe es gerade noch geschafft, sich vom Bett zum Sofa und zurückzuschleppen. Für mehr reichte es nicht. Nach kurzer Zeit wurde der Sänger wieder rückfällig. Vor drei Jahren aber gelang es Anaconda, einen Schlussstrich unter das Drogenkapitel zu ziehen. «Es hat es plötzlich klick gemacht. Ich wusste: Das ist meine letzte Chance, wenn ich am Leben bleiben will.»

Vor einem Jahr hat er auch dem Alkohol abgeschworen und lebt seither abstinent. «Ich bin trockener Alkoholiker», bekräftigt Anaconda. Der gänzliche Verzicht auf Alkohol war in seinem Fall ein dringend nötiger Schritt. Seine Psyche hätte das wahrscheinlich nicht mehr lange mitgemacht: «Als ich noch trank, verging kein Tag ohne Suizidgedanken», erinnert er sich.

Das Training im Kraftraum macht einen Sieger aus ihm

Heute hat er einen Weg gefunden, auch sehr dunkle Stunden allein durch die eigene Willenskraft zu überstehen. «Wenn es mir heute schlecht geht, hocke ich das aus. Ich kenne meine Abgründe. Meinen Moudi.» Wenn ihn wieder körperliche Schmerzen plagen, hilft es ihm, den Kraftraum aufzusuchen. «Es braucht Überwindung hinzugehen, aber wenn ich rauskomme, fühle ich mich als Sieger. Ich will nicht klagen und habe kein Mitleid mit mir.»

Von Sarah Huber am 01.03.2020
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