Heisst dieser Ort im Berner Oberland eigentlich noch Adelboden – oder längst schon AdelbOdi? Fünf Siege in Folge. Marco Odermatt (28) kommt, sieht, gewinnt. Wieder einmal. «Es war einfach wieder unglaublich geil, hier zu fahren!», sagt der Skicrack. Chuenisbärgli, dieser mythische Hang, der Generationen von Skifans erzittern liess, gehört ihm inzwischen fast so selbstverständlich wie der Helm auf dem Kopf. Adelboden jubelt, die Schweizer Fähnchen schwingen, das «Vogellisi» dudelt – und niemand tut so, als wäre er überrascht. Denn wenn der Nidwaldner oben steht, erwarten alle Grosses. Und er selbst erst recht. «Wenn ich hierher komme, erwarten alle den Sieg. Ich selbst ja auch! Aber diese Stimmung, diese Fans hier geben einem nochmals mehr Motivation, sodass man den Sieg noch etwas mehr will.»

Zunge raus, Augen auf: Odi trotzt dem garstigen Wetter. «Ich hab es gern, wenns schwierig ist, wenn man reagieren und mit Instinkt fahren muss.»
keystone-sda.chMarco Odermatt hat hier jetzt Geschichte geschrieben. Und das an einem ganz besonderen Ort für ihn: «Das war schon von Anfang an meine Lieblingspiste. Ich war bereits als kleiner Junge als Fan hier in Adelboden. Da ist dann der Traum entstanden, selbst einmal hier den Berg runterzufahren.» Nun, Odi hat ein bisschen mehr gemacht als nur ‹einmal den Berg runterzufahren›. Dieser fünfte Sieg ist alles andere als selbstverständlich. Als erster Fahrer überhaupt gewinnt Odermatt den Riesenslalom am Chuenisbärgli fünfmal hintereinander, zieht an der schwedischen Legende Ingemar Stenmark vorbei und zementiert seinen Status als Massstab dieser Generation. Adelboden ist mehr als ein Rennen, es ist ein Ritual: ein kollektives Einatmen, wenn der Publikumsliebling im Starthaus steht, und ein kollektives Ausatmen im Zielraum, wenn es wieder gereicht hat. Dass neben Odermatt mit Loïc Meillard (29) Rang 6, und Luca Aerni (32) Rang 10, zwei weitere Schweizer in den Top Ten klassiert sind, passt ins Bild. Die Breite stimmt, die Zukunft auch.

Zwischen Trauer und Triumph: Am Freitag erinnert ein Altar mit 40 Kerzen im Weltcup-Dorf an die Tragödie von Crans-Montana.
david birriAdelboden trauert
Trotzdem: Dieses Wochenende war spürbar anders. Der Trauertag von Crans-Montana legte sich am Freitag wie ein Schleier über das Dorf. Das Rahmenprogramm und die Feste wurden an diesem Tag abgesagt, die Lautsprecher schwiegen. Die pulsierende Arena mit allen Zelten und Essensständen war stillgelegt. An den Zelten brannten kleine Lichter, auf einer grossen Leinwand mittendrin stand ein Altar mit vierzig Kerzen, eine Flamme für jedes verlorene Leben. Einzelne Menschen standen beisammen, manche lagen sich in den Armen, andere standen einfach schweigend da. Ein weiterer Ort der Stille war eingerichtet, eine Kapelle mit Gedenkbuch, wo Besucher bereits auf alle möglichen Sprachen ihre Wünsche, Gedanken und Kondolenzschreiben festhalten konnten. Adelboden hielt inne.
Am Samstag dann, kurz vor dem Rennstart des Riesenslaloms, war nochmals Zeit dafür. Der Kommentator erinnerte an die unsagbare Tragödie, sprach von Zusammenhalt, von einer Schweiz, die zusammensteht. Dann die Schweigeminute. Es schneite stark. Kein Husten, kein Räuspern, kein Rascheln. 25'000 Menschen auf den Tribünen hielten die Köpfe gesenkt oder schauten in den Himmel. Eine Stille, so dicht, dass man meinte, die Schneeflocken beim Auftreffen zu hören. Und dann? Dann durfte Adelboden wieder das tun, was Sport auch kann: verbinden. Man gedachte – und man jubelte. Für den Sport. Für das Leben.

Am Samstag feiern die Fans auf den Tribünen beim Rennen ihre Lieblingsathleten beim Riesenslalom.
david birriOgi dankt Odi
Auch die Athleten bekamen das mit. Odi und andere Fahrer trugen eine Trauerbinde, aus Respekt für die Familien. Der Chuenisbärgli-Held erzählt: «Wir haben die Situation mit Crans-Montana während des Rennens natürlich auch mitbekommen und waren gedanklich auch irgendwo dort.» Trotzdem hätten er und die anderen sich während der Vorbereitung und des Starts immer wieder zu hundert Prozent auf sich selbst konzentrieren müssen, um ihre Leistung zu bringen und auch um gesund heimzukehren. Die Schweigeminute habe ihn berührt. «Ich habe es mir danach auch nochmals im Fernseher angeschaut. Das war wirklich schön und wurde von allen Fans respektiert. Danach aber auch wieder die Freude und die Emotionen zu spüren, tat, glaube ich, allen Beteiligten ebenfalls gut», resümiert der Nidwaldner.

Strahlender Sieger: «Ich muss mich wohl langsam mit den Schwingern zusammentun!»,scherzt der Skistar. Neben ihm links der Brasilianer Lucas Pinheiro Braathen auf Platz 2 und rechts der Franzose Léo Anguenot auf Platz 3.
keystone-sda.chWie hoch Marco Odermatts Stellenwert in der Schweiz ist, zeigt sich auch an den Worten von alt Bundesrat Adolf Ogi (83). Er durfte dem Skifahrer auf dem obersten Treppchen im Zielhang gratulieren. Was er ihm sagte? «Ich habe mich bei Marco bedankt. Für seine Leistung, für seine Positivität. Er ist Gold wert für unser Land, vor allem jetzt in dieser schwierigen Situation.» Und dass er mit diesem Sieg wieder ein Stück Lockerheit gebracht habe, etwas Verbindendes. Vielleicht ist es das, was diesen fünften Sieg so besonders macht. Nicht nur die Zahl. Nicht nur der Rekord. Sondern das Gefühl, dass einer gewinnt, der mehr transportiert als Hundertstelsekunden. Einer, der Leistung bringt – und Leichtigkeit. Adelboden kann laut. Adelboden kann wild. Aber Adelboden kann auch still. Genau wie Marco Odermatt.

