Alle habe ich mehrmals befahren. Meist war meine Lebenspartnerin Margrit dabei, auch sie auf dem Rennvelo. Ich war ein verrückter Velofreak», sagt Ernst Schefer (81). «Der Nufenen war am strengsten.» Nun liegen sie vor ihm, die mehr als 20 grossen Schweizer Alpenpässe: vom Grimsel über den Lukmanier, vom Albula bis zum Umbrail, dem einzigen, der auf über 2500 Meter führt. Verteilt auf fünf grossen Tischen in seinem Atelier in Schefers Wohnort Amriswil TG – als von ihm gefertigte massstabgetreue Stufenreliefe. 20'000 Arbeitsstunden hat Ernst Schefer in den vergangenen elf Jahren in dieses schweizweit einzigartige Projekt gesteckt. Ein bisschen Stolz schwingt mit, wenn der pensionierte Werkzeugmacher sagt: «So erwecke ich unsere wunderbaren Alpen zum Leben.»

Ernst Schefer bei der Arbeit mit der Dekupiersäge. Mit dieser fährt er den Höhenkurven entlang. Die spezielle Brille vergrössert die Karte auf das Zweifache.
Kurt ReichenbachEin Stufenrelief ist die dreidimensionale Darstellung einer topografischen Landkarte mit Abstufungen entlang der Höhenkurven. Je nach Beschaffenheit der Landschaft – ob Flachland oder Hochgebirge – besteht ein Relief aus zahlreichen Holzschichten mit je einer Stärke von einem Millimeter. Dank qualitativ hochwertigem Landkartenmaterial sind selbst in steilen Alpenpassagen Gebirgs- und Ortsnamen quer über die Stufen noch lesbar – und bieten so eine gute Orientierung in der dreidimensionalen Landschaft. Schon 60 verschiedene Reliefs von Schweizer Regionen hat Ernst Schefer angefertigt, alles Unikate. «Geografie war in der Schule mein Lieblingsfach.»

Minutiöse Planung. Dafür braucht Schefer unter anderem verschiedenfarbige Stifte und eine Schieblehre.
Kurt ReichenbachRadstars haben signiert
Begonnen hat Ernst Schefers Leidenschaft 1995. Als damaliger Präsident des Velo-Clubs Romanshorn TG organisierte er für das Seerücken-Brevet Velotouren in der Bodenseeregion. Auf einem von ihm angefertigten Gipsrelief zeichnete er die Routen ein – dieses fand bei den 1000 teilnehmenden Gümmelern begeisterten Anklang. Sein nächstes Objekt widmete der Thurgauer dem Profiradsport: Auf einem Gipsrelief bildete er die Strecke der Tour de Suisse 1999 ab und durfte dieses bei der Landesrundfahrt präsentieren. Teilnehmer wie Laurent Jalabert, Oscar Camenzind und Markus Zberg signierten das Werk. Kurze Zeit später wechselte Schefer auf Stufenreliefe auf Sperrholz. Mit diesen bildete er vorerst Ortschaften und bekannte Winkel in seinem Thurgau ab. Mit der Zeit wagte er sich in einer ehemaligen Scheune an schwierigere Landschaften mit mehr Windungen, Höhenkurven und Spitzkehren. Sein erstes Aushängeschild ist das 1,5 Quadratmeter grosse Alpsteinrelief mit dem Säntisgebiet. 2009 ging der Werkzeugmacher in Pension.

Mit seiner Partnerin Margrit, 71, daheim in der Stube am Puzzeln. Das Puzzle zeigt den Kanton Thurgau – und stammt selbstverständlich aus seiner Werkstatt.
Kurt ReichenbachFortan widmete er sich vollständig seinem speziellen Hobby, schaffte unter anderem ein Relief der Berner Alpen mit Eiger, Mönch und Jungfrau. «Ich bin richtig süchtig geworden.» 2014 nahm er sein fünfteiliges Herzensprojekt mit den Alpenpässen in Angriff, 2017 später versetzte er Kurt Aeschbacher in dessen TV-Talksendung in Staunen. Im selben Jahr erwarb das Naturmuseum in Frauenfeld TG Schefers grosses Thurgauer Relief – seither ist dieses dort zu bewundern.
Der Kunsthandwerker lacht. «Ich muss präzis und ruhig arbeiten, wie ein Häftlimacher.» Mit ruhiger Hand pützelt er am Tisch ein Detail des Reliefs mit der Gegend um den Bündner Ofenpass. «Und es braucht Ausdauer und ein gutes Vorstellungsvermögen.» Der komplexe Entstehungsprozess sieht, vereinfacht gesagt, wie folgt aus: Erst klebt Schefer einen Ausschnitt einer 1:25000-Karte von Swisstopo auf eine 0,8 Millimeter dünne Sperrholzplatte. Dann zeichnet er die Höhenkurven mit unterschiedlichen Farben nach. Anschliessend sägt er mit einer grossen Dekupiersäge jede einzelne Höhenebene aus einer Platte heraus. Als Nächstes schleift er die Kanten der herausgeschnittenen Stücke ab, danach klebt Schefer die einzelnen Platten aufeinander. Auf einen Computer sei er nicht angewiesen, betont er. «Ich bin jedes Mal fasziniert, zu sehen, wie ein Berg langsam heranwächst. Es ist wie ein Traum.» Es gebe Leute, die sagen, er sei ein Verrückter. «Ich nenne es kreatives Arbeiten.»

Jedes herausgesägte Stück wird fein säuberlich abgeschliffen.
Kurt ReichenbachOffen für Publikum
Zurzeit ist Ernst Schefer an einem Relief, das den Ofenpass und dessen Region darstellt, am Radio läuft DRS 1. Auch mit 80 Jahren werkelt er noch sechs Tage pro Woche. «Meine Augen sind noch gut. Doch der Rücken zwickt ab und zu. Ins Atelier fahre ich mit dem E-Bike.» Heute ist er nur noch vormittags an seinem Arbeitsplatz – bis vor zwei Jahren waren es acht Stunden am Tag. «Margrit hält mir den Rücken frei.» Immer wieder hat er Besuch. Nach telefonischer Anmeldung (Info auf reliefbau.ch) zeigt und erklärt Schefer den Gästen in seinem Atelier all seine Kunstwerke. Seine nächsten Projekte? Er lacht verschmitzt. «Ich habe noch ein paar im Kopf. Doch zuerst muss ich Platz schaffen und ein paar Reliefe verkaufen, das Atelier platzt aus allen Nähten.» Der Reliefbauer kommt ins Sinnieren. «Was denken die Leute wohl in 100 Jahren über meine Werke?» Wahrscheinlich: «Wow! Ist das alles Handarbeit?»

