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Stabhochspringerin Angelica Moser

«Es brauchte Mut, über meine Essstörung zu sprechen»

Problematisches Essverhalten ist im Spitzensport keine Seltenheit, aber noch immer Tabuthema. Die Stabhochspringerin Angelica Moser spricht nun erstmals offen über ihre Binge-Eating-Störung.

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U-23-Europameisterin Angelica Moser hatte lange mit Gewichtsproblemen zu kämpfen. Nun fühlt sie sich endlich wohl in ihrem Körper.

Ulf Schiller

Angelica Moser gewinnt Medaillen, bricht Rekorde und fliegt furchtlos durch die Luft. Dennoch leidet die Stabhochspringerin – im Stillen. Jahrelang belastet die 22-Jährige eine Essstörung, wie sie in der «Sonntagszeitung» erstmals erzählt. 

In einer Sportart, in der das Kraft-Last-Verhältnis direkten Einfluss auf die Leistung hat, ist der Druck gross, möglichst leicht zu sein. Bereits in den Teenager-Jahren ist das Thema Gewicht bei Moser also omnipräsent. Sie hält immer striktere Diäten, schränkt sich beim Essen mehr und mehr ein – und kompensiert dann mit Fressattacken. Das Resultat: Gewichtszunahme, vermehrtes Unwohlsein im eigenen Körper. Und vor allem: ein schlechtes Gewissen. Ein Teufelskreis. All das behält Moser aber für sich. «Ich habe es einfach nicht geschafft, da auszubrechen», sagt sie im Interview.

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Vom Jugend-Olympiasieg bis zum U20-Weltmeister-Titel hat Angelica Moser bereits sieben internationale Goldmedaillen gesammelt.

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Essstörungen bei Spitzensportlern und speziell auch in der Leichtathletik sind keine Seltenheit. Auch Mosers Sportkollegin, Hochspringerin Salome Lang, sprach bereits öffentlich über ihre Probleme, die sie mittlerweile aber mit Hilfe eines Ernährungsberaters im Griff hat: «Ich ass gesund, aber fixierte mich immer mehr auf das Thema. Das raubte mir extrem viel Energie für den Sport», wie die 22-Jährige im Frühling im Gespräch mit SI Sport sagte.

Gewichtsprobleme hatte Lang keine, aber sie schloss sich von gewissen sozialen Aktivitäten wie einem Restaurantbesuch aus oder hatte wie Moser richtige «Fressattacken». Diese passierten bei Lang und Moser auch nach Wettkämpfen oder Meetings, bei denen sie sich oft das Zimmer teilten. «Am Abend nach den Wettkämpfen haben wir im Zimmer jeweils zuerst gefuttert, Süsses, Fettiges, alles miteinander», sagt Moser.

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Salome Lang ist die beste Schweizer Hochspringerin. Im Februar verbessert sie den uralten Schweizer Hallenrekord auf 1,94m. 

Remo Buess

Aus diesem Teufelskreis auszubrechen gelingt Moser zu Beginn des Lockdowns. «Plötzlich war bei mir die Einsicht da: So geht es nicht mehr weiter.» Zuerst vertraut sie sich ihrer Mutter an, die auch ihre Co-Trainerin ist. Zusammen suchen sie professionelle Hilfe. Vor einigen Wochen, als sie durch die Therapie bereits auf dem Weg der Besserung ist, informiert Moser ihren Trainer. Und nun folgt der Schritt an die Öffentlichkeit.

Angelica Moser ist erleichtert. Die sportlichen Resultate widerspiegeln ihren Gemütszustand – sie springt so hoch wie nie. Auf Instagram bedankt sich die 22-jährige Zürcherin bei ihrem Umfeld für die Unterstützung und bei ihren Followern für die vielen Nachrichten. Auch andere Leichtathletik-Stars wie Mujinga Kambundji oder Sarah Atcho kommentieren und drücken mit Emojis ihre Bewunderung und Unterstützung für ihre Offenheit aus. «Es brauchte viel Mut, über meine Essstörung zu sprechen. Ich bin glücklich und erleichtert, dass ich es getan habe», schreibt Moser. Nun hofft sie, mit ihrem Tabubruch auch anderen mit denselben Problemen helfen zu können.

Von svb am 09.09.2020
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