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50 Jahre Frauenstimmrecht

«Es gib im Bereich der ­Sexualität noch ganz viele Tabu­themen»

Durch eine eidgenössische Abstimmung wurde 1971 in der Schweiz das Frauenstimmrecht eingeführt. 50 Frauen blicken für die Schweizer Illustrierte zurück – und wagen einen Blick in die Zukunft. Heute: Psycho­therapeutin Dania Schiftan.

Dania Schiftan, Frauenkolumne, SI 32/2021

«Die Realität zeigt ein anderes Bild»: Dania Schiftan.

Handout

Wir leben vermeintlich in einer sexuell sehr offenen Gesellschaft, in der alles möglich ist, alle frei leben und wir über alles reden können. Zumindest glauben wir das. Doch in der Praxis zeigt sich immer wieder: Es gibt im Bereich der Sexualität noch ganz viele Tabuthemen. Eines davon ist die Lust der Frau. Diese ist immer noch geprägt von Unwissen, Vorurteilen und verkehrten Normen.

Eine stumme Erwartung lautet, dass eine Frau dann Lust haben soll, wenn der Mann – in heterosexuellen Beziehungen – möchte. Wenn er Annäherungsversuche macht, dann soll sie – mit voller Freude – darauf einsteigen. Die Idee, dass die Frau von sich aus sehr lustvoll, ja geradezu wild und laut ist und Sex geniesst – darüber redet man zwar am Stammtisch oder zeigt es in Pornos, doch die Realität zeigt ein anderes Bild. In Paarbeziehungen kommt das tatsächlich selten vor.

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Zur Person

Dania Schiftan, Frauenkolumne, SI 32/2021

Orgasmus ist Übungssache! Und wie das geht, beschreibt die Psychotherapeutin und klinische Sexologin Dania Schiftan in ihrem ersten Buch «Coming soon». Ein Ratgeber voller Übungstipps, wie Frauen und Männer lernen, beim Sex mehr auf ihre Kosten zu kommen. Im Oktober erscheint ihr zweites Buch «Keep it Coming – guter Sex ist Übungssache». Schiftan ist verheiratet und lebt mit Mann und zwei Kindern in Zürich.

Thomas Meier

Was ich allen Frauen rate, die sich persönlich mit diesen Themen befassen möchten, sind primär drei Punkte: Erstens, dass sie im Alltag darauf achten, wann ihnen der Teufel auf ihren Schultern sagt, wie sie sich benehmen und zurückhalten sollen – wenn der Ausschnitt zu tief oder das Gelächter zu laut ist. Zweitens, dass sie reflektieren, ob sie in der Selbstbefriedigung – und in einem zweiten Schritt auch in der Paarsexualität – das machen, worauf sie eigentlich Lust haben. Das heisst, ob sie wirklich den Bewegungen, Empfindungen und Tönen nachgehen, denen sie nachgehen könnten, oder ob sie sich aktiv zurücknehmen aus vermeintlicher Scham oder aus Angst, dass der Partner etwas Komisches denkt. Und drittens, dass sie beobachten, ob sie überhaupt Lust auf Sexualität verspüren, ob sie das Gefühl der Erregung wahrnehmen – in vielleicht völlig unpassenden Momenten wie im Tram oder an einem Meeting.

Es ist eine Frage der Übung, diese drei Aspekte zu beachten. Anfangs fühlt es sich komisch an, mit der Zeit aber geht es immer besser. Je mehr sich Frauen dieser Punkte bewusst werden und sukzessive zulassen, desto mehr können sie die inneren Stimmen zum Schweigen bringen und Raum für Neues schaffen.

Von Dania Schiftan am 18.08.2021
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