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Regula Rytz lässt los

«Es ging mir nie darum, im Scheinwerferlicht zu stehen»

Aufatmen! Mit dem verschärften CO2-Gesetz hat Regula Rytz ihren letzten Sieg als Parteipräsidentin der Grünen errungen. Wo man die Bernerin in Zukunft häufiger trifft, warum sie das Scheinwerferlicht nicht vermissen wird und was ihr Nachfolger über ihren Erfolg sagt.

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In ihrer Wohnung in Bern liest Rytz Roger de Wecks «Kraft der Demokratie». «Wichtige Stellen markiere ich» – natürlich in Grün.

Remo Nägeli

Die grüne Welle rollt auch nach der Corona-Krise weiter. Das Parlament sagt diese Woche Ja zu höheren Benzinpreisen und einer Flugticketabgabe – dem Herzstück des neuen CO2-Gesetzes. Zeit für die abtretende Parteichefin der Grünen, zurückzulehnen. «Das ist ein schöner Etappensieg für den Klimaschutz», sagt Regula Rytz, 58, zufrieden.

30 Stunden zuvor: Wäre das Wetter ein Vorbote für das CO2-Gesetz gewesen – die Prognosen hätten düster ausgesehen. Am Dienstagmorgen wabert der Nebel über der Bernexpo-Halle, es regnet in Strömen. Nur fünf Fussminuten entfernt tritt Rytz mit einem leuchtgrünen Regenschirm aus ihrem Hauseingang im Breitenrainquartier. «Ich liebe Regen in allen Nuancen.»

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Gelöst auf dem Weg in den Nationalrat – es ist ihre letzte Session als Parteichefin der Grünen.

Remo Nägeli

Anspannung sieht definitiv anders aus. «Klar bin ich vor dieser wichtigen grünen Weichenstellung aufgeregt – aber wir sind gut vorbereitet.» Zudem sieht Rytz das 2016 lancierte Gesetz als «nötigen ersten Schritt»: «Die Ziele des Pariser Abkommens sind damit noch lange nicht erreicht.» Diese Haltung untermauert sie im Rat mit ihrer Frage an Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga, was die langfristige Strategie des Bundesrats sei, um das Ziel einer Erderwärmung von maximal 1,5 Grad rechtzeitig zu erreichen.

«Ich versprach meinem Mann zu bleiben, wie ich bin. Ich denke, das habe ich geschafft»

Regula Rytz
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Endlich mehr Zeit für Sport! «Während des Lockdown habe ich Zoom-Fitnesskurse gemacht.»

Remo Nägeli

Nach den ersten fünf Stunden der Monsterdebatte steht Rytz in der Küche ihrer 3,5-Zimmer-Altbauwohnung, in der sie seit 25 Jahren mit ihrem Partner Michael Jordi, 59, lebt, und gibt den Pfingstrosen frisches Wasser. «Es ist nicht aufgeräumt, wir hatten beide viel zu tun», sagt sie entschuldigend – dabei sieht alles tipptopp aus.

Ausgerechnet während des Corona-Lockdown lebten die Grünen-Chefin und der Generalsekretär der Gesundheitsdirektorenkonferenz wie Nomaden. «Weil unsere Hausbesitzer Küche und Bad renovierten, wohnten wir in Touristenunterkünften.» Da ihr Mann wegen der Corona-Krise oft 14 Stunden am Tag «bügelte», machte sie alle Einkäufe – nicht nur für das Paar, sondern auch für ihre Mutter Gisela, 85, und Vater Rudolf, 86, der seit einem Schlaganfall 2008 im Rollstuhl sitzt. «Ich habe sie zwar mit Maske sehen können, aber es war hart, sie nicht zu umarmen.» Zudem lernte sie mit ihrem Göttibub Lars, 11, im Homeschooling Französisch. «Bei Mathi konnte ich weniger punkten», sagt sie lächelnd.

Rytz wirkt gelöst. Das CO2-Gesetz, das in der ersten Beratung 2018 noch als Scherbenhaufen endete, ist das letzte grosse Politgeschäft in ihrer Rolle als Parteipräsidentin. Wegen einer Amtszeitbeschränkung von acht Jahren gibt sie das Amt Ende Juni an ihren Nachfolger Balthasar Glättli, 48, ab und wird künftig als Nationalrätin und Chefin für Wirtschaftspolitik «in die zweite Reihen stehen»: «Man soll bekanntlich gehen, wenn es am schönsten ist.»

Tatsächlich wird sie als bisher erfolgreichste Grünen-Präsidentin in die Geschichte eingehen. Sie schaffte es, die Partei zu einer seriösen Kraft aufzubauen und die Themen der Grünen von einer Nische in die Mitte der Gesellschaft zu rücken. Lohn dafür war der Wahlsieg im letzten Herbst: Plus 17 Sitze im Nationalrat, Schweizer Rekord! Daran konnte auch ihre Niederlage bei den Bundesratswahlen nichts ändern. «Es war eine Mission impossible und sehr anstrengend. Doch ich wusste, wenn wir künftig Regierungsverantwortung übernehmen wollen, müssen wir zeigen: Wir sind bereit!»

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Mit ihrem Nachfolger Balthasar Glättli während der CO2-Debatte. Er löst Rytz Ende Juni im Parteipräsidium ab.

Karl-Heinz Hug

Als Rytz vor acht Jahren das Amt der Grünen-Präsidentin antrat, vereinbarte sie mit ihrem Mann, dass sie bleibt, wie sie ist. «Ich denke, das habe ich geschafft.» Und dies, obwohl ihr die Polarisierung in der Bundespolitik und diffamierende Aussagen der Gegner wie «grüner Schleim» oft zusetzten. Dass sie stets höflich blieb, verschaffte ihr rundum Respekt: «Ich schätze ihre Verlässlichkeit, ihre ruhige und klare Art, ihre Kollegialität», sagt CVP-Präsident Gerhard Pfister, 57. Dem stimmt SVP-Chef Albert Rösti, 52, zu: «Sie weiss zwischen der Sache und den Menschen zu unterscheiden.» Und ihr Nachfolger Glättli sagt: «Regula war vielleicht auch deshalb so beliebt, weil sie es nie darauf anlegte zu gefallen.»

Rytz, die dafür bekannt ist, mitten in der Nacht noch E-Mails zu verschicken, freut sich auf ruhigere Zeiten. «Während des Lockdown konnte ich das Runterfahren üben.» Hinzu komme, dass mit Glättli ein erfahrener Politiker die junge und stark gewachsene Partei übernehme: «Er ist ein Glücksfall für uns.» Während sie Probleme nächtelang wälze, könne er auch mal fünf gerade sein lassen. Ihre neu gewonnene Zeit möchte sie vor allem der Familie widmen. «Ich will meine Eltern stärker unterstützen. Zudem freue ich mich, wieder regelmässig mit Freundinnen auf den Märit zu gehen.»

Nächsten Donnerstag lässt sie sich ein letztes Mal von ihrer Fraktion feiern. «Das wird sicher emotional – trotz Distanzregeln.» Danach will sie sich ganz dem neuen Wirtschaftsprogramm der Grünen widmen. «Ich mache da weiter, wo ich etwas bewegen kann.» Heisst das, sie tritt in vier Jahren nochmals als Bundesratskandidatin an? Rytz wiegelt ab: «Wir haben viele junge Talente. Im Scheinwerferlicht zu stehen – darum ging es mir nie.»

Von Jessica Pfister am 14.06.2020
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