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  4. Odermatt, von Allmen und Franzoni: Rekorde und Siege am Lauberhorn 2026
Marco Odermatt nach dem Lauberhorn

«Es hat einfach wieder mal alles perfekt gepasst»

In Wengen sind sie Helden – auf unterschiedliche Weise: Odi dominiert mit Rekorden, von Allmen fliegen die Herzen zu, und der Italiener Giovanni Franzoni verwandelt seinen Schmerz in einen Triumph, der das Publikum zu Tränen rührt.

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<p>Es ist einfach Odis Winter: vierter Abfahrtssieg und Vierter im Super G. Keiner kanns wie er.</p>

Es ist einfach Odis Winter: vierter Abfahrtssieg und Vierter im Super G. Keiner kanns wie er.

david birri

Home of Legends – so nennen sich die Lauberhornrennen stolz. Zu Recht: Sie gehören zu den prestigeträchtigsten und legendärsten der Welt. Und mittendrin reiht sich der Schweizer Sportliebling Marco Odermatt (28) ein.

Der Dominator

Er hat es schon wieder getan. SRF-Sportmoderator Paddy Kälin (49) sagte bei der Weltcup-Siegerehrung in Adelboden noch zu Odi: «Langsam gehen uns Journalisten die Geschichten aus!» Wie recht er hat. Marco Odermatt fährt einmal mehr in einer eigenen Klasse. Gewohnt daran? Längst alle. Das Team, die Fans – und mittlerweile auch die Konkurrenz. Der Österreicher Vincent Kriechmayr (34) sagt nach seinem zweiten Platz in der Abfahrt lachend: «Ja, er fährt in einer eigenen Liga. Schön ist es nicht – aber wir sind uns das gewohnt.» Was für ein Saisonstart für den Nidwaldner: sieben Weltcupsiege, dazu drei weitere Podestplätze.

<p>Gute Freunde: «Das ist im Skisport sicher sehr besonders: Wir freuen uns wirklich von Herzen für die anderen», sagt Odi.</p>

Gute Freunde: «Das ist im Skisport sicher sehr besonders: Wir freuen uns wirklich von Herzen für die anderen», sagt Odi.

david birri

In Adelboden holt er sich zuletzt den alleinigen Rekord mit fünf Siegen in Serie, am Lauberhorn ist er nun mit vier Abfahrtsiegen in Folge der erste Schweizer, der das geschafft hat. Mit seinen vier Siegen überholt er Skilegende Beat Feuz (38). Der Rekord der insgesamt meisten Abfahrts- siege in Wengen gehört Odermatt zwar noch nicht – dieser liegt beim Berner Oberländer Karl Molitor mit sechs Erfolgen zwischen 1939 und 1947 –, doch auch das scheint nur eine Frage der Zeit.

<p>Let’s party! Wengen verzeichnet am Abfahrtssamstag 36 000 Zuschauer im Bergdorf mit rund 1000 Einwohnern.</p>

Let’s party! Wengen verzeichnet am Abfahrtssamstag 36 000 Zuschauer im Bergdorf mit rund 1000 Einwohnern.

david birri

Rekorde, Serien, Historisches: All das war Odermatt nie wirklich wichtig, wie er immer wieder betonte. «In Adelboden wusste ich vor dem Start, dass ich einen Rekord aufstellen kann. Hier war es mir gar nicht bewusst. Es ist einfach unglaublich.» Das Publikum singt Andreas Gabaliers Hit «Hulapalu», längst umgedichtet zu «Odi, Odi, Odi, Odi ehh!» Einmal mehr wird er gefeiert. «Es sind halt diese legendären Strecken. Man will hier noch ein Prozent mehr zeigen, man will den Sieg noch mehr. Und genau das macht es aus.»

<p>Erste Gratulanten: Odis Eltern Priska und Walter herzen ihren Sohn nach dem Abfahrtstriumph.</p>

Erste Gratulanten: Odis Eltern Priska und Walter herzen ihren Sohn nach dem Abfahrtstriumph.

david birri

Während der Rekordmann aus Buochs Geschichte schrieb, gehörte das Spotlight dieses Wochenendes aber einem anderen Schweizer.

Der Frauenverzücker

Franjo von Allmen (24) aus Boltigen BE fuhr im Super-G am Freitag auf Platz 3 – und löste damit Szenen aus, die man nicht alle Tage erlebt. Zwei Frauen hielten ein Plakat hoch, auf dem stand: «von Allmen vor Allen». Was zunächst für Schmunzeln sorgte, entwickelte sich rasch zu einem akustischen Dauerzustand. Im Minutentakt hallte ein lautes «FRANJOOOOOO» über den Zielhang – so schrill und mitreissend, dass es sich anfühlte, als würde Boltigen seinen eigenen Elvis feiern.

<p>Kann sich kaum vor den Fans retten: Lokalmatador Franjo von Allmen!</p>

Kann sich kaum vor den Fans retten: Lokalmatador Franjo von Allmen!

david birri

Mit der Zeit lachten alle. Fans, Funktionäre, selbst die Medien. In der Mixed Zone hatten die Journalistinnen und Journalisten Mühe, von Allmen überhaupt zu verstehen. Das Gekreische übertönte jede Frage. Der Berner nahm es mit Humor, wandte sich lachend an die Runde und sagte: «Ich befürchte, sie werden morgen keine Stimme mehr haben!» Zwischendurch winkte er den beiden Frauen zu – doch sie bekamen nicht genug von ihrem Helden.

<p>Vor der Fahrt schlägt Odermatt einmal seine Stöcke verkreuzt übereinander – scheinbar ein echter Glücksbringer!</p>

Vor der Fahrt schlägt Odermatt einmal seine Stöcke verkreuzt übereinander – scheinbar ein echter Glücksbringer!

keystone-sda.ch

Sogar Schulklassen aus dem Berner Oberland hatten am Tag des Super-G schulfrei, um den Boltiger zu unterstützen. Über 70 Kinder sassen auf den Tribünen. «Das ist schon sehr cool, so eine riesige Unterstützung aus meiner Region zu bekommen. Und hey – schulfrei, das hätte ich damals auch gern gehabt!», sagte er und lacht.

<p>70 Kinder aus seiner Region sind da, um Franjo von Allmen im Nachbardorf Wengen ­zu unterstützen.</p>

70 Kinder aus seiner Region sind da, um Franjo von Allmen im Nachbardorf Wengen zu unterstützen.

david birri

Von Allmens Karriere nahm an diesem Hang im vergangenen Jahr richtig Fahrt auf: Super-G-Sieg, Zweiter hinter Odermatt in der Abfahrt. Einen Monat später Abfahrtsweltmeister in Saalbach. Märchenhaft.

Der Herzöffner

Für ein weiteres Märchen sorgte an diesem Wochenende ein Italiener. Was sich am Freitag in Wengen abspielte, war ungewöhnlich und gerade deshalb so eindrücklich. Das Publikum am Lauberhorn jubelt eher den eigenen zu und ist zurückhaltender gegenüber Nicht-Schweizern. Ausnahmen gibt es nur wenige: Publikumslieblinge wie der Brasilianer Lucas Pinheiro Braathen (25) oder Vincent Kriechmayr werden gefeiert. In einem solchen Umfeld zum Publikumsliebling zu werden, ist eine Seltenheit. Und doch gelang genau das Giovanni Franzoni innerhalb eines Tages. Der 24-jährige Italiener gewann den Super-G – seinen ersten Weltcupsieg überhaupt, und das ausgerechnet hier, an jenem Ort, an dem er vor Jahren seine ersten Weltcuppunkte gesammelt hatte. Ein Ort, an dem er auch schwer gestürzt war. «Vielleicht war es Schicksal», meint er.

<p>Sieger im Super-G und Sieger der Herzen: Giovanni Franzoni aus Manerba del Garda gewann den Super-G und wurde Dritter in der Abfahrt.</p>

Sieger im Super-G und Sieger der Herzen: Giovanni Franzoni aus Manerba del Garda gewann den Super-G und wurde Dritter in der Abfahrt.

keystone-sda.ch

Doch bevor Franzoni in Wengen Geschichte schrieb, musste er einen schweren Schicksalsschlag verkraften: Sein enger Freund und Wegbegleiter Matteo Franzoso (✝ 25) kam Anfang Saison bei einem Trainingsunfall in Chile ums Leben. Ein Verlust, der Franzoni tief traf. Franzoso war für ihn weit mehr als ein Teamkollege – er war eher wie ein grosser Bruder.

Am Lauberhorn trug Franzoni diesen Verlust wie einen unsichtbaren Begleiter mit sich. Nach dem Rennen sagte er sichtlich bewegt: «Ich wünschte, Matteo wäre hier und könnte dieses unglaubliche Resultat mit mir geniessen. Ich konnte diese Tragödie und diese grossen Emo- tionen umwandeln, um diesen Sieg überhaupt zu erreichen.» Dafür sei er Matteo unendlich dankbar. Weiter erzählt er: «Wenn er hier wäre, würde ich ihm sagen, dass er ein fantastischer Mensch ist. Ich werde mein ganzes Leben lang für ihn Ski fahren.»

Diese Echtheit ergriff das Wengen-Publikum. Mit seiner offenen, menschlichen und emotionalen Art riss Franzoni die Menschen mit. Dass er einen Tag später in der Abfahrt sogar Franjo von Allmen vom Podest verdrängte, sorgte nicht für Missmut. Im Gegenteil. Er wurde gefeiert. So schreibt jeder Erfolg seine eigene, ganz besondere Geschichte.

Yara Vettiger, Redaktorin Schweizer Illustrierte
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Von Yara Vettiger am 24. Januar 2026 - 18:00 Uhr