Geschlafen hat Mathilde Gremaud (26) in der Nacht nach ihrem Olympiasieg nicht gut. «Schlechter als vor dem Wettkampf!», sagt sie und lacht. «Ich war voller Adrenalin und konnte nicht zur Ruhe kommen.» Erst jetzt, einen Tag später, darf das Freestyle-Ass in einem Chalet eines Sponsors ein wenig abschalten. Gremaud plumpst auf einen übergrossen Sitzsack, zieht die Beine an und sagt: «Bis ich realisiere, was ich da geschafft habe – dafür braucht mein System wohl noch eine Weile.»

Vom Chalet aus schaut sich Gremaud den Hang in Livigno an, wo sie ihr zweites Olympia-Gold holt.
PASCAL MORADie Olympischen Winterspiele in Italien sind für die Freiburgerin ein Wechselbad der ganz grossen Gefühle. Einerseits der Schock kurz vor dem Grossereignis: Ihr Zürcher Freestyle-Trainer Misra Noto verlässt Mathilde und wechselt als Coach zu ihrer grössten Konkurrentin, der Chinesin Eileen Gu. Anderseits erlebt die Ausnahmeathletin die Tage in Livigno inten- siver denn je. Ihre ganze Familie ist vor Ort, ebenso ihre Freundin Valentina Höll, 24. «Ich habe mich noch nie so getragen gefühlt.» Gremaud besitzt bereits einen ganzen olympischen Medaillensatz. «In Peking und Pyeongchang 2018 war aber nur meine Gotte einmal dabei, sonst niemand von der Familie.» Zudem: Am Tag vor dem Slopestyle-Wettkampf feiert die Freiburgerin aus La Roche ihren 26. Geburtstag. «Ich durfte diesen mit all meinen Liebsten verbringen, das war wunderschön und in den letzten Jahren meist nicht möglich.»
Tags darauf macht sie sich das grösste Geburtstagsgeschenk dann gleich selbst! Das Gold in Livigno glänzt an ihr ganz besonders schön: «Es ist die Medaille, für die ich auf den Ski am meisten kämpfen musste», sagt Gremaud und rauft sich die dichten braunen Haare. «Bei anderen Medaillen gab es andere Kämpfe. Hier war es vor allem das Niveau – ich musste auf den Ski so viel arbeiten und leisten wie noch nie.» Gremaud zeigte einen fantastischen zweiten Lauf, bei dem sie noch einen draufsetzte: Nach sauberen Rails riskierte sie Sprünge mit enorm hohem Schwierigkeitsgrad, allesamt Double Corks (zwei schräg gedrehte Saltos) mit mindestens drei Schrauben. Ihr zweites Olympia-Gold gründete also genauso auf mentaler Stärke wie auf technischer Finesse.
Royal trifft Royal
Eine Überraschung gabs bei der Medaillenübergabe: Prinzessin Anne, die 1976 als Reiterin ebenfalls an Olympischen Spielen teilnahm, überreicht der Schweizerin das Edelmetall. «Ich habe gar nicht gemerkt, dass sie das ist! Ich war im Nachhinein echt traurig darüber. Sie war ultralieb!», so Gremaud. Die Prinzessin habe echtes Interesse an ihr gezeigt, nicht nur gratuliert: «Sie hat auch nachgefragt, wie es ‹der Schweizer Freestyle-Queen› geht, wie meine Planung aussehe und wann ich heimgehe.»

Siegesumarmung! Nach ihrem erneuten Triumph im Slopestyle gibts im Ziel einen dicken Hug von ihrer Lebenspartnerin Valentina Höll.
keystone-sda.chGremaud mag nicht bemerkt haben, dass ihr gerade eine Prinzessin Gold überreichte. Doch die Szene war trotzdem perfekt. Royal trifft auf Royal: Die eine von Geburt an königlich, die andere durch das, was sie auf den Ski geleistet hat.

