Während andere die Last des Moments tragen, trägt Franjo von Allmen (24) wohl nichts Schwereres als seine Ski. Die grosse Stärke dieses noch so jungen und ungestümen Fahrers ist seine unerschütterliche Lockerheit. Mit seinem wildern Fahrstil lässt er uns öfters mal den Atem stocken. Vor dem Rennen seines Lebens hat er geschlafen wie ein Baby. Kein Grübeln, kein inneres Kino, kein Lampenfieber. Das erzählt er nach dem Sieg entspannt vor dem Hotel Nevada, wo die Schweizer Athleten in Bormio untergebracht sind. «Am Morgen habe ich fein zmörgelet, mit der Physio geredet. Wie immer halt.» Er lacht. Nervös gewesen am Morgen? «Nein.» Er zuckt mit den Schultern. Auch nicht im Starthäuschen? «Nein.» Wieder lacht er. «Ich war das erste Mal nervös auf dem Siegersessel, als Giovanni Franzoni runterfuhr! Das habe ich gar nicht gern. Ich bin lieber selber am Fahren, als dass ich anderen zugucken muss», sagt der Boltiger im herrlichen Berner Dialekt.» Aber von Allmen muss nicht zittern – er holt bei seinen ersten Olympischen Spielen direkt Abfahrtsgold! Da ringt er ein wenig mit den Worten: «Es ist überwältigend. Wie ein Film, der gerade abläuft. Das braucht wohl ein paar Tage, bis ich realisiere, was das für mich und meine Karriere bedeutet.»

«Fraaaaanjo!» Wo immer er auftaucht, fliegen ihm die Herzen zu und klatschen ihn Fans ab. «Ich muss es erst noch realisieren.»
keystone-sda.chErst vor einem Jahr feierte der Simmentaler in Wengen seinen ersten Weltcupsieg. Einen Monat später wird er Doppelweltmeister. Und nun Olympiasieger. «Als kleiner Junge habe ich nicht davon geträumt, Olympiasieger zu werden», sagt er. «Vielleicht habe ich mich deswegen nicht so reingesteigert. Meine Devise war stets: Die Freude am Sport nicht verlieren.»
Nicht nur in der Schweiz, auch in Italien wird er geliebt für seine Bodenständigkeit und seine frechen Sprüche. Der gelernte Zimmermann erzählt an der Pressekonferenz: «Mir war es wichtig, einen Plan B zu haben. Das Skifahren kann schnell vorbei sein. Ich wünschte sogar, ich hätte mehr Zeit, nebenbei zu zimmern.» Danach wird er zum Entertainer wider Willen. Im Gespräch mit englischen Journalisten entschuldigt er sich lachend: «Sorry, I really need to work on my English!» – Ich muss an meinem Englisch arbeiten. Die Journalisten lachen mit, aber nicht über ihn. Seine Ehrlichkeit entwaffnet. Nur zwei Tage später schreibt Franjo von Allmen schon wieder Geschichte.

Stop Polizia! Sogar die Finanzpolizei will ein Selfie: Franjo von Allmen wird in Bormio nach dem Sieg in der Abfahrt überall gefeiert.
keystone-sda.ch«Franscho» der Teamplayer
Diesmal triumphiert er an der Seite von Slalom-Ass Tanguy Nef (29) aus Genf. In der Kombination – nach dem Motto: «All or Nefing!» Von Allmen fährt die Abfahrt kontrolliert. Andere Teams liegen vorne, die Favoritenrolle ist weg. Im Ziel ist klar: Jetzt liegt alles in den Händen des Slalomfahrers. Mit einem Traumlauf holt dieser die Kohlen aus dem Feuer, verwandelt Rückstand in Gold und macht Franjo innerhalb von 48 Stunden zum Doppel-Olympiasieger. Am Abend wird diese Leistung gebührend im House of Switzerland gefeiert. In der hölzernen Bar, dekoriert mit Schweizer Flaggen und Kuhglocken, werden die beiden unter tosendem Applaus empfangen. «TANGUY, TANGUY, TANGUY!», tönts von allen Seiten. Auch von Allmen stimmt mit ein. Dann herzen sich die beiden Männer. Und der Abfahrer erzählt: «Wieder musste ich im Ziel zittern! Aber ich bin so schwer beeindruckt von Tanguy. Ich weiss, dass ich diese Medaille heute vor allem ihm zu verdanken habe!» Der Genfer lächelt etwas verlegen. Er, der noch nie auf einem Weltcuppodest stand, ist jetzt Olympiasieger. «Auf diese Medaille habe ich mein Leben lang hintrainiert. Und es ist harte Arbeit für so ein schweres Stück Metall.» Er und «Franscho», wie der Genfer seinen Kumpanen nennt, kennen sich noch gar nicht so gut. «Wir sind halt meist getrennt unterwegs, deshalb sind solche Rennen richtig cool!», meint der Genfer. «Franscho ist ein Vorbild. Er inspiriert mich.»
Wenige Sekunden später betreten Marco Odermatt (28) und Loïc Meillard (29) die Bühne im House of Switzerland. Sie haben Silber in der Teamkombi geholt. Das Podest teilen sie zum ersten Mal miteinander – gleichzeitig auch noch mit den Österreichern Vincent Kriechmayr und Manuel Feller. «Ja, es war ganz schön eng auf dem Podest!», witzelt Odi. Nachdem er in der Abfahrt leer ausgegangen war, darf er sich nun über seine erste Medaille in Italien freuen. «Ich bin sehr glücklich über diese silberne.» Es ist die erste in seiner Karriere, bei Grossanlässen gewann der Superstar bis jetzt entweder Gold – oder nichts. Der Slalomstärkste der Schweiz, Loïc Meillard, feiert seinen ersten olympischen Triumph. «Marco und ich sind schon lange zusammen unterwegs. Es war schön, dass wir heute mal ein Team waren», erzählt er und schaut zu Odi. Dieser entgegnet lachend: «Im Riesenslalom ist er Konkurrent. Darum war es entspannt, ihn auch mal als Teammate zu haben.»

Im House of Switzerland gratuliert Schwester Melanie.
keystone-sda.chDann wird gefeiert, gegessen, geplaudert. Das House of Switzerland beschenkt die vier Helden mit Cheesecake – darauf eine essbare Medaille. Franjo von Allmen erzählt lachend, dass er nach seinem Abfahrtssieg ein bisschen zu wild gefeiert habe und es heute Abend daher «eher gemütlich» nehmen wolle. Ein Moment der Stille – und dann bricht das protestierende Publikum los: «Gemütlich?! Wir wollen Party!», hallt es durch die Bar. Der Berner Oberländer lacht. Heute Abend regiert das Publikum – und Franjo? Der muss sich geschlagen geben – aber nur abseits der Piste.

